Schweigen führt zu menschlichen Dramen

Das Urteil des Obergerichts zur Offenlegung der Identität bei Kesb-Meldungen ist keine Aufforderung, im Zweifelsfall zu schweigen, sagt «Bund»-Chefredakteur Patrick Feuz.

Das Berner Obergericht hat einer falsch beschuldigten Mutter Recht gegeben.

Das Berner Obergericht hat einer falsch beschuldigten Mutter Recht gegeben. Bild: Franziska Rothenbühler (Archiv)

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Wer schon schlechte Erfahrungen mit der Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde gemacht hat, fühlt sich durch diesen Gerichtsfall bestätigt: Eine Mutter wird von einer anderen Frau verdächtigt, eine schlechte Mutter zu sein. Worauf ein Kesb-Mitarbeiter den Vorwurf abklärt – und feststellt, dass er unbegründet ist. Als die Mutter wissen will, wer sie angeschwärzt hat, verweigert ihr die Kesb die Auskunft. Zu Unrecht, wie nun das bernische Obergericht geurteilt hat.

Der Fall scheint den Vorwurf zu stützen, wonach das heutige offensive Regime der Gefährdungsmeldungen bloss das Denunziantentum fördert. Die Meldung an die Kesb als Waffe im Streit unter Nachbarn und Verwandten. Hässliche Abrechnungen, bei denen der vermeintliche Täter das wahre Opfer ist.

Tatsächlich gibt es nicht wenige solche Fälle. Der Schaden ist grösser, als wenn die Feuerwehr wegen eines Fehlalarms ausrückt. Grundlosen Besuch von der Kesb zu erhalten, kann traumatisieren. Nur: Wenn an der Losung «Lieber einmal zu viel als zu wenig» etwas dran ist, dann hier. Zu leicht geht vergessen, wie es war, als der gesellschaftliche Konsens noch das Wegschauen und Schweigen begünstigte. Wie viele Dramen ereigneten sich, weil Behörden nicht oder zu spät eingriffen. Wie viele Kinder mussten leiden, weil die Hemmung gross war, hinter die auf Hochglanz polierten Familienfassaden zu blicken. Wie viele Leben wurden zerstört, aus Verzagtheit, Feigheit oder falsch verstandenem Respekt vor dem Innenleben von Familien, aber auch von kirchlichen und anderen Institutionen.

Das Urteil des Obergerichts ist keine Aufforderung, im Zweifelsfall zu schweigen. Es ruft nur in Erinnerung, dass es im Umgang mit Behörden grundsätzlich gute Gründe für Anonymität braucht. Die Richter beugen der Gefahr von Missverständnissen gleich selber vor: Sie erwähnen explizit, dass Gefährdungsmeldungen auch anonym eingereicht werden können. Die Kesb muss auch solchen Meldungen nachgehen. (Der Bund)

Erstellt: 18.04.2018, 06:33 Uhr

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