Schöner Wohnen neben Autonomen

Bisher gab es mit dem Autonomen Jugendzentrum in Biel kaum Probleme. Doch nun wird die «Coupole» von neuen Wohnungen und einem Hotel eingekreist.

Rund um den «Chessu» wird es bald enger, die Stadt hält aber am Jugendzentrum fest.

Rund um den «Chessu» wird es bald enger, die Stadt hält aber am Jugendzentrum fest.

(Bild: Adrian Moser)

Reto Wissmann@RetoWissmann

«Hier werden Arbeiten, Einkaufen, Wohnen, Logieren und Geniessen harmonisch vereint.» Mit solchen Slogans werben die Immobilienfirmen derzeit für ihre Neubauten an der Esplanade beim Bieler Kongresshaus. Wie harmonisch die Mieter und Eigentümer künftig mit dem Partyvolk zusammenleben werden, bleibt allerdings eine unbeantwortete Frage. Östlich des ehemaligen Gaswerkareals sind 160 neue Wohnungen demnächst bezugsbereit, für die 120 Wohnungen und das 3-Sterne-Hotel nördlich und westlich davon soll in Kürze der Spatenstich erfolgen. Mitten drin steht aber noch der «Chessu», seit gut 40 Jahren die eigentliche Heimat des Autonomen Jugendzentrums. Zudem entwickelt sich der neue Stadtplatz immer mehr zum Treffpunkt ausgelassener Nachtschwärmer. Kann das gut gehen?

Die Aktivisten sind der Überzeugung: Nein! «Das wird riesige Probleme geben und die Existenz des AJZ infrage stellen», sagt Tina Messer vom Autonomen Jugendzentrum. Seit Jahren bekämpft das AJZ die Überbauung und hat dabei bereits erreicht, dass direkt gegenüber der «Coupole», wie der Gaskessel in Biel auch genannt wird, nur eine gewerbliche Nutzung zugelassen wurde. Dazu gehören aber eben auch Hotels, und so kommt es nun, dass nur wenige Meter vom grössten Bieler Jugendtreff entfernt ein Businesshotel der gehobenen 3-Sterne-Klasse hochgezogen wird. Ende Mai hat der Regierungsstatthalter die Baubewilligung erteilt und die Einsprachen – unter anderem des AJZ – abgewiesen. Geschlagen geben sich die Aktivisten damit aber nicht. «Wir werden unsere Einsprache auf jeden Fall weiterziehen, wenn es sein muss bis an die oberste Instanz», sagt Tina Messer.

Stadt ist zuversichtlich

Stadtpräsident Erich Fehr (SP) versteht diese Ängste zwar, zeigt sich aber zuversichtlich, dass Lösungen gefunden werden: «Alle, die hier bauen, kennen die Voraussetzungen.» Auf der ganzen Welt gebe es Hotels in Ausgehzonen. Mit Lärmschutzmassnahmen auf beiden Seiten könne ein Nebeneinander funktionieren. Die Bauherrschaft sieht das ähnlich: «Wir wollen das AJZ nicht verdrängen, sondern eine gute Nachbarschaft etablieren», sagt Sprecher Matthias Gebel. An Lärmschutzmassnahmen werde alles realisiert, was möglich sei.

Den Autonomen fehlt allerdings der Glaube daran, was die Festfreude im Jubiläumsjahr dämpft. Heuer kann das AJZ Biel sein 50-jähriges Bestehen feiern und ist somit das älteste seiner Art in der Schweiz (Text unten rechts). Woche für Woche pilgern Tausende von Jugendlichen aus der ganzen Region an die Partys, Konzerte und Aufführungen. Im Gegensatz zu Bern – und darauf ist man in Biel doch ziemlich stolz – verursacht das bisher kaum Probleme. «Wir haben praktisch keine Reklamationen», sagt Huk Köhli, langjähriger Aktivist beim AJZ.

Die Kommunikation mit den Behörden funktioniere gut, ein regelmässiger runder Tisch sei etabliert und uniformierte Polizei werde zwar nicht in den «Chessu» gelassen, jedoch vom internen Sicherheitsdienst bei ihrer Arbeit unterstützt. «Auf beiden Seiten gibt es vernünftige Leute, die den Ausgleich suchen», sagt Köhli, «das ist eine Bieler Tradition.» Bestätigt wird dies vom Leiter der Abteilung Öffentliche Sicherheit der Stadt: «Die Zusammenarbeit ist auf einen konstruktiven Dialog ausgerichtet und erfolgt in gegenseitigem Respekt», sagt André Glauser.

In den letzten Jahren hat sich das einstige Industrieareal von einem Unort zu einem neuen Zentrum der Stadt gewandelt. Die Parkplätze wurden unter die Erde verlegt, Wohnüberbauungen, ein Park und ein grosser Platz mit Wasserflächen sind entstanden. Dadurch ist aber auch die «Coupole» ins Zentrum gerückt. «Immer mehr Leute, die gar nichts mit dem AJZ zu tun haben, hängen auf der Esplanade ab», sagt Tina Messer. Man befürchte nun, dass ähnlich wie auf dem Vorplatz der Berner Reitschule alle Probleme dem AJZ zugeschrieben würden. Tatsächlich ist das Umfeld bereits jetzt ein Hotspot. Hier bestünden «besondere Herausforderungen im Bereich Sicherheit», und die Polizei müsse regelmässig intervenieren, sagt André Glauser. Er differenziert allerdings: «Meist besteht kein direkter Zusammenhang mit dem Betrieb des Gaskessels.» Und: Gezielte Gewalt gegen «die Obrigkeit» kennt man hier im Gegensatz zu Bern nicht.

AJZ braucht Geld für Sanierung

Trotz steigendem Konfliktpotenzial wird in Biel nicht am aktuellen Standort des AJZ gerüttelt. «Niemand, der vernünftig denken kann, stellt den Bestand des AJZ infrage», sagt Stadtpräsident Fehr. Tatsächlich stehen Politik und Bevölkerung klar hinter dem «Chessu». Für eine dringend nötige Sanierung und Erweiterung der maroden Infrastruktur hat der Stadtrat gar 2,8 Millionen Franken gesprochen. Das Projekt stockte allerdings während Jahren. Nun kommt aber Bewegung in die Sache: «Im Juli wollen wir das Baugesuch einreichen», sagt Tina Messer. Trotz «Baustutz» und Lotteriefondsbeitrag fehlen allerdings noch immer 1,4 Millionen Franken an Eigenmitteln. Diese sollen nun vor allem von Stiftungen kommen, sodass im nächsten Jahr mit dem Totalumbau begonnen werden kann. Das AJZ will jetzt Gas geben und Präsenz markieren, bevor rundherum alles fertig gebaut ist.

Der Bund

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