Schöner Wohnen in der Seelandmetropole

In Biel werden derzeit so viele Wohnungen gebaut wie kaum je zuvor. Ein Branchenkenner warnt vor leeren Wohnungen. Doch der Stadtpräsident ist zuversichtlich.

An der Bieler Silbergasse in der Nähe des Kongresshauses entstehen Wohnungen gehobenen Standards.

An der Bieler Silbergasse in der Nähe des Kongresshauses entstehen Wohnungen gehobenen Standards.

Reto Wissmann@RetoWissmann

Fast 1000 Wohnungen sind derzeit in der Stadt Biel im Bau oder wurden in diesem Jahr bereits fertiggestellt. Es sind vor allem Grossprojekte, die zu den rekordverdächtigen Zahlen beitragen. In der Nähe des Swatch-Hauptsitzes stampft eine Pensionskasse ein ganzes Quartier mit 280 Wohnungen aus dem Boden. Beim Kongresshaus entstehen derzeit 160 Wohnungen gehobenen Standards, 120 weitere sollen folgen. Beim Güterbahnhof ist eine weitere Ausbauetappe mit gut 50 von insgesamt über 150 Wohnungen im Bau, und am Brühlplatz werden demnächst 70 Wohnungen fertiggestellt. Nur schon diese Auswahl zeigt: Von einem Boom zu sprechen, ist sicher nicht übertrieben.

Und es geht weiter: Auf dem Gelände der ehemaligen Seifenfabrik Schnyder werden 100 neue Wohnungen entstehen. Auf dem Gurzelen-Areal, wo noch das alte Fussballstadion steht, wollen Genossenschaften beim Bau von 400 Wohnungen mitmischen. Und auf der ehemaligen Bieler Expo-Arteplage, auf Nidauer Boden, sollen 2000 Personen Wohnraum finden. Zwar ist die rege Wohnbautätigkeit ein nationales Phänomen, Biel ist jedoch besonders betroffen, weil es im Gegensatz zu anderen Städten noch freie Grundstücke an attraktiver Lage gibt.

Bauen am Markt vorbei?

«Es ist grundsätzlich positiv, wenn Investoren an den Standort Biel glauben», sagt dazu Stadtpräsident Erich Fehr (SP). Erfreulich sei, dass derzeit auch viele Wohnungen des mittleren und oberen Preissegments entstünden, was der sozialen Durchmischung der Stadt gut tue. Biel leidet bekanntlich unter einer sehr hohen Sozialhilfequote und weist eine unterdurchschnittliche Steuerkraft auf. Grossprojekte wie die 2009 abgeschlossene Überbauung des Sabag-Areals mit 300 günstigen Wohnungen hatten diese Probleme in der Vergangenheit eher noch verschärft. Dass nun mit den neuen Projekten auch Zuzüger aus dem Mittel- und gar oberen Mittelstand angezogen werden, kann der Stadt nicht schaden.

«Es werden derzeit eindeutig zu viele Wohnungen gebaut»Ulrich Roth, Immobilien-Treuhänder

Branchenkenner Ulrich Roth beobachtet die Entwicklung allerdings kritisch: «Es werden derzeit eindeutig zu viele Wohnungen gebaut», sagt der Inhaber des führenden Immobilienbüros in Biel. Um ihr Kapital anlegen zu können, stellten Investoren, insbesondere Pensionskassen, Mehrfamilienhäuser auf, ohne dabei die Marktsituation zu berücksichtigen. Anders als in vielen anderen Städten fänden sie dazu in Biel auch noch geeignete Parzellen.

Bereits sei eine Überhitzung bei den Landpreisen feststellbar, sagt Roth. Doch damit nicht genug: «Die Zahl der Leerwohnungen wird steigen», sagt der Experte. Die Bevölkerung wachse nicht so schnell, wie neue Wohnungen gebaut würden. Aktuell zählt das Bundesamt für Statistik in Biel 629 leere Wohnungen. Die Leerwohnungsquote ist mit 2,07 Prozent im Vergleich zu umliegenden Städten wie Bern (0,56), Solothurn (0,86) oder Neuchâtel (1,17) hoch und scheint zu steigen, nachdem sie in den letzten Jahren stabil bei rund 1,6 lag. Für Mieter ist dies eine gute Nachricht.

Mittelfristig, so erwartet Ulrich Roth, dürften die Mietzinse, die sich in den letzten Jahren jenen in der Agglomeration Bern angenähert hätten, wieder sinken. Stadtpräsident Erich Fehr macht sich derweil keine allzu grossen Sorgen über leere Wohnungen: «Es besteht zwar das Risiko eines Überbestandes. Gleichzeitig gibt es aber auch Anzeichen für ein weiteres Bevölkerungswachstum.» Er denkt dabei vor allem an grosse Firmen und Institutionen wie Rolex, Georg Fischer, CSL Behring, UBS oder die Berner Fachhochschule, die derzeit in Biel und in der Region Arbeitsplätze schaffen.

Nach langen Krisenjahren hatte Biel um die Jahrtausendwende die Trendwende geschafft und wächst seither wieder kontinuierlich. Aktuell zählt die Stadt 55'576 Einwohnerinnen und Einwohner, vor 15 Jahren waren es noch 50'000.

«Derzeit pushen wir den Wohnungsbau auf unseren Parzellen sicher nicht»Erich Fehr, Stadtpräsident Biel

Schwierige Zeiten dürften auf die Besitzer von Altwohnungen zukommen. «Angesichts des grossen Angebots an modernen Wohnungen werden sie unter Druck geraten, ihre Wohnungen zu sanieren», sagt Ulrich Roth. Damit könnte der Markt bewirken, was die Stadt schon lange mit Kampagnen zu erreichen versucht: dass Besitzer von maroden Liegenschaften, die das Image der Stadt prägen, ihre Häuser zu renovieren. «Der Markt wirkt sicher stärker als Apelle der Behörden», sagt Erich Fehr.

Der Stadtpräsident sieht wenig Möglichkeiten, die Bautätigkeit zu steuern. In einem Bereich kann die Stadt jedoch den Hebel ansetzen. Da sie über viel Land verfügt, kann sie mit der Vergabe von Baurechten Einfluss nehmen. «Derzeit pushen wir den Wohnungsbau auf unseren Parzellen sicher nicht», sagt Fehr. Der Bau der 400 Wohnungen auf dem stadteigenen Gurzelen-Areal eile jedenfalls nicht. Und noch einen Trumpf hat die Stadt mit den eigenen Landreserven in der Hand: Sie kann dafür sorgen, dass auch günstige Wohnungen und Genossenschaftsprojekte realisiert werden.

Der Bund

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt