Schlägt der Mann zu, bittet Statthalter Lerch zum Gespräch

Die Statistik über häusliche Gewalt zeigt es: Wer einmal zuschlägt, tut es oft wieder. Die Regierungsstatthalter gehen das Problem jetzt persönlich an.

Sophie Reinhardt@sophiereinhardt

Rund drei Mal täglich rückt die Polizei wegen häuslicher Gewalt aus. Das zeigt die erstmals erschienene Jahresstatistik der Berner Interventionsstelle gegen häusliche Gewalt. Daraus geht hervor, dass die Kantonspolizei im letzten Jahr 1065 Mal wegen solcher Gewalttaten intervenierte. Die Dunkelziffer ist allerdings gross, wie die kantonale Polizei- und Militärdirektion gestern mitteilte. Sie geht davon aus, dass nur etwa jeder fünfte Fall von häuslicher Gewalt überhaupt gemeldet wird.

Bei mehr als der Hälfte der Interventionen kennt die Polizei das streitende Paar bereits, weil es nicht dessen erster Hilferuf ist. «Die Zahl der Wiederholungstaten möchten wir unbedingt verringern», so Judith Hanhart, Leiterin der Berner Interventionsstelle gegen häusliche Gewalt. Darum rief man die «Täteransprache» ins Leben. Das bedeutet, dass innert zwei Wochen nach einem Notruf das Regierungsstatthalteramt Kontakt mit der tätlich gewordenen Person aufnimmt und zum Gespräch einlädt.

Respektsperson Statthalter

Warum spricht nicht eine Fachperson mit dem Täter? Der Regierungsstatthalter sei näher an den Leuten als das Lernprogramm der Interventionsstelle, so Hanhart. Zudem sei besonders im ländlichen Raum der Statthalter eine Respektsperson. Und so sitzt ein gewalttätiger Berner Tage nach der Tat bei Statthalter Christoph Lerch. Wenn er denn will. Denn zur Täteransprache kann das Stadthalteramt niemanden zwingen. Im letzten Jahr erschienen aber von den 53 in Bern eingeladenen Personen nur 5 nicht. Mit Schauspielern hatten die Regierungsstatthalter im Voraus den Umgang mit Gewalt ausübenden Personen geprobt.

Doch seit letztem Jahr gilt es ernst, und Lerch muss Gewalttäter in die Mangel nehmen: «Als Erstes mache ich dann den Leuten jeweils klar, dass man Konflikte gewaltfrei lösen muss», so Lerch. Danach bespreche man gemeinsam, was das Fass zu Überlaufen gebracht habe. Viele seien einsichtig: «Sie schämen sich und sehen ein, dass ihre Tat nicht richtig war», dabei würden auch mal Tränen bei den Tätern fliessen. Gemeinsam erarbeitet Lerch mit den Übeltätern dann ein persönliches Papier mit Tipps. «Punkt eins ist immer: Gewalt ist keine Lösung», so Lerch. Weitere Punkte seien sehr individuell. «Da steht dann etwa weiter, dass man den Freiraum des Partners akzeptiert, weniger Alkohol trinkt oder eine Therapie besuchen will.»

Lerch ist nach 48 durchgeführten Ansprachen sicher, dass diese mehrheitlich Erfolg bringen. Aber es gibt auch die, die sich keiner Schuld bewusst sind: «Besonders bei Tätern mit patriarchalen Familienstrukturen oder solchen mit grossen kulturellen Unterschieden stossen wir an unsere Grenzen», so Lerch. Diese Fälle kennt auch der Bieler Regierungsstatthalter Philippe Chételat: «Die Hälfte der 26 zum Gespräch eingeladenen Personen waren uneinsichtig», so Chételat. Trotzdem sieht er das Gute in diesen Täteransprachen: «Bei keinem, der bei mir sass, musste die Polizei nochmals wegen häuslicher Gewalt ausrücken.»

DerBund.ch/Newsnet

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