«Schaue ich vorbei, werde ich oft zum Kaffee eingeladen»

Nicht immer müssen Erfahrungen mit Fahrenden schlecht sein. Simon Wynistorf aus Grafenried beherbergt schon zum zweiten Mal eine Gruppe auf seinem Land.

Die Fahrenden sind seit rund zwei Wochen auf dem Gelände.

Die Fahrenden sind seit rund zwei Wochen auf dem Gelände.

(Bild: Adrian Moser)

Oft heisst es, sie würden sich nicht an Ruhezeiten halten oder liessen ihren Müll auf dem Gelände liegen. Vor allem der Konflikt um Fahrende in Wileroltigen hatte letztes Jahr Aufmerksamkeit erregt. Dort will man keine Fahrenden mehr.

Dass es aber auch anders geht, zeigt das Beispiel der Gemeinde Fraubrunnen. Bereits zwei Landwirte aus den Ortsteilen Grafenried und Etzelkofen sammelten Erfahrungen mit Fahrenden. «Seit rund zwei Wochen logieren zwei Grossfamilien, insgesamt ungefähr 150 Personen, auf meiner Wiese», sagt Simon Wynistorf, Landwirt aus Grafenried. Wie lange sie bleiben werden, sei noch unklar. Einige kämen aus Deutschland, viele aus Frankreich oder der Welschschweiz.

Kontrolle ist wichtig

Es ist nicht das erste Mal, dass Wynistorf mit Fahrenden in Kontakt steht. Die Gruppe sei schon letztes Jahr bei ihm gewesen, sagt er und erzählt, wie es dazu kam: «Wir haben des Öfteren eine Gruppe hier, die Mittelalterspiele veranstaltet.» Wenn er dieser erlaube, die Wiese zu benutzen, sollte das gleiche Recht für alle gelten. Ein guter Grund sei sicher auch die Miete, die er erhalte, räumt der Bauer ein. Wie hoch er diese ansetzt, will er aber nicht verraten.

Wichtig sei vor allem, im Voraus die Bedingungen festzulegen, sagt Wynistorf. Das betreffe neben der Miete etwa die Müllentsorgung und die Sanitäranlagen. Letztere seien diesmal kein Thema gewesen – die Fahrenden hätten gleich selbst zwei Wohnwagen mit Toiletten mitgebracht, sagt er. Einmal am Tag kontrolliere er, ob alles in Ordnung sei, das sei nötig. «Bis jetzt gab es keine grösseren Probleme», sagt er. Trinkwasser habe er den Fahrenden ebenfalls zur Verfügung gestellt. «Ich fühle mich für sie verantwortlich», sagt Wynistorf. Deswegen habe er vorgängig stets seine Nachbarn informiert. Sie seien anfangs nicht gerade begeistert gewesen. Aber wenn er ihnen verspreche, dass sie sich bei allfälligen Problemen an ihn wenden könnten und er für Schäden aufkommen würde, seien alle zufrieden. Bis jetzt seien solche Massnahmen aber noch nie nötig gewesen, sagt er.

Zufriedene Vermieter

Negative Erfahrungen hat Wynistorf bisher keine gemacht. Selbstverständlich gebe es manchmal Kleinigkeiten, die nicht richtig funktionierten, sagt er, aber wo nicht? Das passiere doch überall – bei Fahrenden genauso wie bei Sesshaften. Dann müsse man halt miteinander reden und den anderen wenn nötig zurechtweisen. Einmal sei ein wenig Müll auf dem Nachbargelände liegen geblieben, den habe er aber selber weggeräumt. Dieses Jahr habe man sich zudem auf eine Art Bussensystem geeinigt. Abfälle, die liegen bleiben, entsorge er gegen Bezahlung.

Wynistorf ist bisher zufrieden und wird erneut Fahrende aufnehmen. Nächstes Mal werde er aber eine weitere Einschränkung vornehmen und für den Platz eine maximale Zahl von Personen festlegen. Dieses Jahr hätten sich anlässlich einer Hochzeit fast 400 Personen versammelt. Das sei zu viel, sagt er. Mit den zwei Familien komme er gut aus, sie seien gastfreundlich und würden die Bedingungen einhalten. Auch der Lärmpegel sei nie ein Problem. «Schaue ich vorbei, werde ich oft zum Kaffee eingeladen.»

«Kein Grund einzuschreiten»

Bei der Gemeinde Fraubrunnen werden die Fahrenden ebenfalls nicht als Problem wahrgenommen. Bis jetzt seien nur vereinzelt Beschwerden eingegangen, sagt die stellvertretende Gemeindeschreiberin Lili Tran. Die Information, ob sich Fahrende in der Gemeinde aufhielten, liefere entweder die Polizei oder die Bevölkerung. Da die Fahrenden sich bisher stets auf Privatgrundstücken aufhielten und nur wenige Reklamationen eingingen, «gibt es für uns auch keinen Grund einzuschreiten», sagt Tran. Grundsätzlich stehe die Gemeinde den Fahrenden offen gegenüber, solange sie sich ordnungsgemäss verhielten.

Zwei Wochen zuvor logierte die Gruppe der Fahrenden auf einem Landstück in Etzelkofen. «Es war unsere erste derartige Begegnung», sagt die Bäuerin dort, die ihren Namen nicht veröffentlicht sehen möchte. Ende April seien sie angekommen. Die Fahrenden hätten keine Probleme verursacht, seien immer offen und freundlich gewesen.

Doch nicht alle scheinen sich über die Ankunft der Fahrenden gefreut zu haben. «Von einigen Nachbarn wurden wir nicht mehr gegrüsst», sagt die Frau. Wahrscheinlich sei dies aus Angst vor den Ankömmlingen geschehen. «Das hat uns aber nicht gejuckt!» Nachdem sie weitergezogen seien, habe sich das Verhältnis zu den Nachbarn wieder normalisiert. Immer mal wieder kämen einige der Fahrenden noch vorbei, um kleinere Arbeiten zu erledigen. «Wir pflegen noch jetzt regen Kontakt mit ihnen.»

Die Fahrenden selbst wollten sich gegenüber dem «Bund» nicht auf ein Gespräch einlassen. So bleibt unklar, wie sie zu den Bedingungen stehen, die sie in Fraubrunnen vorfinden – und ob sie tatsächlich erneut kommen werden.

Der Bund

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