Schaf im Wolfspelz

Wolfrisse Ein Wolf reisst im Berner Oberland Schafe. Während Wolfgegner den sofortigen Abschuss fordern, sagen andere: Auch Schafe verursachen Probleme.

Krankheiten und Abstürze sind weitaus häufigere Todesursachen als Grossraubtierrise. Foto: Adrian Moser

Krankheiten und Abstürze sind weitaus häufigere Todesursachen als Grossraubtierrise. Foto: Adrian Moser Bild: Patrick Gutenberg

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Hans Wyss ist immer noch aufgewühlt. Soeben hat er vier übel zugerichtete Kadaver geborgen. Die Schafe seien eindeutig von einem Wolf gerissen worden, sagt er. Wenig appetitliche Fotos von toten Tieren scheinen seine Aussage zu stützen. Insgesamt habe der Wolf bereits 21 Schafe seiner Herde getötet, so Wyss. Für ihn und seine Frau Katia, welche Schafzucht als Hobby betreiben und jedes Tier einzeln kennen, sei dies «zum Kotzen». Seit 14 Jahren lässt das Ehepaar ihre Schafherde – heuer waren es 84 Tiere – zum Sömmern auf der Alp Sous in Lauterbrunnen. 14 Jahre lang habe er keine Probleme gehabt. Und nun das. Für ihn ist klar: «Der Wolf muss weg.»


«Man kann nicht für jedes verschwundene oder abgestürzte Schaf den Wolf verantwortlich machen.»


Niklaus Blatter, Kantonaler Jagdinspektor

Unterstützung bekommt Hobbyschäfer Wyss von der Berner «Vereinigung zum Schutz von Wild- und Nutztieren». In einer Medienmitteilung verlangt diese den sofortigen «Abschuss vom Wolf!». Präsidiert wird der Verein von Thomas Knutti. Für den SVP-Grossrat ist auf den meisten Alpen ein effektiver Herdenschutz nicht möglich. Man müsse sich deshalb entscheiden, so Knutti: «Entweder Wolf oder Alpenwirtschaft.» In einem kürzlich eingereichten Vorstoss fordert er vom Grossen Rat die Lockerung des kantonalen Jagdgesetzes. Heute darf ein Wolf erst geschossen werden, nachdem ihm 25 Risse innerhalb eines Monats nachgewiesen worden sind. Für Knutti und seine Mitstreiter sind das 24 zu viel.

Forensik in den Alpen

Beim Berner Jagdinspektorat zweifelt man allerdings daran, dass auf der Alp Sous tatsächlich 21 Schafe gerissen wurden. «Wir gehen momentan von 8 durch den Wolf getöteten Schafen aus», sagt Jagdinspektor Niklaus Blatter. Wie ist diese Differenz zu erklären? Werde ein Riss gemeldet, so schaue sich der Wildhüter immer vor Ort das tote Nutztier an. Erfolge die Meldung aber verspätet, werde es schwierig, sagt Blatter. «Von halb verfaulten Schafen kann man keine DNA-Probe nehmen.»

Heute bezahlt der Kanton bei jedem gerissenen Schaf dem Besitzer eine Entschädigung. Doch nicht immer ist der Wolf der Übeltäter: «Man kann nicht für jedes verschwundene oder abgestürzte Schaf den Wolf verantwortlich machen», sagt Blatter. Ohnehin überlebten im Schnitt zwei Prozent der Schafe den Sommer auf der Alp nicht. Krankheiten, Blitzschläge und Abstürze seien weitaus häufigere Todesursachen als Grossraubtierrisse. Beim Jagdinspektorat geht man gegenwärtig von zwei Wölfen auf Kantonsgebiet aus. Letztes Jahr sind im Kanton Bern 65 Nutztiere gerissen worden, im Jahr 2016 knapp 20 und in den Jahren davor kein einziges. Von einer Tendenz will er trotzdem nicht sprechen.

Die Wolfspopulation in der Schweiz nimmt Jahr für Jahr zu. Für Blatter ist deshalb klar, dass sich Konflikte zwischen Wolf und Nutztierhaltung künftig häufen werden. Für den Bund ist aber klar: «Der Wolf ist in der Schweiz angekommen, und der Wolf wird auch bei uns bleiben», sagt Elisabeth Maret, Sprecherin des Bundesamts für Umwelt. Mit Herdenschutz und dem Abschiessen von Problemwölfen will der Bund die Alpenwirtschaft vor den Grossraubtieren schützen.

Problemschafe

Während Jahrhunderten mussten sich Schäfer in den Alpen praktisch keine Gedanken zum Herdenschutz machen. Diese Zeiten sind vorbei.

Heute verbringen immer weniger Schafe den Sommer auf der Alp. Für Verena Wagner von Pro Natura Bern ist das nicht zwingend schlecht. Für die Natur in den Alpen seien Schafe durchaus problematisch: «Sie fressen den Gämsen und Steinböcken das Futter weg, fördern die Erosion des Bodens und übertragen Krankheiten.» Viele Leute störten sich auch an den verkoteten Weiden und Wanderwegen. Auch aus diesen Gründen müsse man die weit über 30 Millionen Subventionen für die Schafhaltung überdenken und allenfalls Korrekturen vornehmen, so Wagner. Das eidgenössische Parlament debattiert jedoch lieber über den Wolf. Im Juni hat sich der Ständerat dafür ausgesprochen, den Schutz für Wolf, Luchs und Biber zu lockern. Wenn sich der Nationalrat ebenfalls dafür entscheidet, wird es künftig einfacher sein, Wölfe zu töten. (Der Bund)

Erstellt: 10.08.2018, 06:44 Uhr

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