Rückzug an einen geheimen Ort

Das Frauenhaus Biel feiert sein 20-jähriges Bestehen. Hier finden Frauen und Kinder Schutz, die Opfer von häuslicher Gewalt wurden. Es wird diskutiert, ob es solche Angebote auch für Männer braucht.

«Die häusliche Gewalt hat nicht abgenommen», sagt Myriame Zufferey, Leiterin des Frauenhauses Region Biel.

«Die häusliche Gewalt hat nicht abgenommen», sagt Myriame Zufferey, Leiterin des Frauenhauses Region Biel.

(Bild: Adrian Moser)

Einige rufen zuerst an, weil sie nicht mehr weiter wissen. Andere klopfen einfach an die Tür – der Koffer in der einen Hand, die Kinder an der anderen. Im Frauenhaus Biel sollen sie zur Ruhe kommen. 1000 Frauen und 1000 Kinder, die von häuslicher Gewalt betroffen sind, haben dort in den letzten 20 Jahren vorübergehend Unterschlupf gefunden.

«In dieser Zeit hat sich die Wahrnehmung der Problematik von häuslicher Gewalt kontinuierlich verbessert», sagt Myriame Zufferey, Leiterin der Opferberatungsstelle und des Frauenhaus der Region Biel.

Dazu beigetragen habe unter anderem auch, dass häusliche Gewalttaten seit deren Offizialisierung im Jahr 2004 von Amtes wegen verfolgt würden. «Trotzdem hat die häusliche Gewalt nicht abgenommen», sagt Zufferey. Opfer würden Frauen aus allen Schichten. «Doch auf den Schutz des Frauenhauses sind vermehrt Frauen mit weniger finanziellen und sozialen Ressourcen angewiesen.»

Der Standort bleibt geheim

Mit dem 20-Jahr-Jubiläum soll das Frauenhaus Biel und damit verbunden die ambulante Beratungsstelle einer breiteren Öffentlichkeit bekannt gemacht werden. Doch der Ort des Frauenhauses muss geheim bleiben. «Es gibt Situationen, die für Opfer vorübergehenden Schutz an einem geheimen Ort erfordern», sagt Zufferey.

Etwa wenn Frauen verfolgt werden oder wenn sie Druck bis hin zu Tötungsandrohungen ausgesetzt sind. Statistisch gesehen sei die von häuslicher Gewalt betroffene Frau dann am stärksten bedroht, wenn sie sich entscheide, ihre Trennungsabsicht umzusetzen. «Solche Drohungen müssen sehr ernst genommen werden, denn es kommt immer wieder zu Tötungsdelikten innerhalb der Familien», sagt auch Judith Hanhart, Co-Leiterin der Berner Interventionsstelle gegen häusliche Gewalt.

Frauenhäuser sind überlastet

Im Frauenhaus können gewaltbetroffene Frauen und Kinder erstmal ihre Geschichte erzählen. «Angstfrei und in einem geschützten Rahmen», wie Zufferey sagt. Die Männer werden nicht angehört, da die Opferberatung parteilich für die Frau arbeitet. Zufferey: «Für die Beratung gemäss Opferhilfegesetz reicht es, dass das Opfer glaubhaft von der erlebten Gewalt erzählt.»

Sind betroffene Frauen einmal im Frauenhaus angekommen, haben sie einen der wichtigsten Schritte aus der Spirale der Gewalt gemacht. «Leidet eine Frau unter häuslicher Gewalt, braucht es eine räumliche Trennung vom Partner. Packen und gehen braucht aber sehr viel Mut», sagt Zufferey.

Auslastung bei 97 Prozent

So sei es nicht erstaunlich, dass sich der grössere Teil der Opfer häuslicher Gewalt keine professionelle Hilfe hole. Dennoch ist das Frauenhaus in Biel, das 12 Personen Platz bietet, oft ausgebucht. Allein im letzten Jahr mussten 39 Prozent der Frauen, die einen Platz suchten, abgewiesen werden. Der Auslastungsgrad in den anderen kantonalen Frauenhäusern in Bern und Thun betrug laut Hanhart im Jahr 2011 97 Prozent. «Die Zahlen der Auslastung von Frauenhäusern untermauern die Notwendigkeit von deren Existenz», sagt sie.

Es gibt aber auch die Forderung, dass Frauenhäuser abgeschafft werden sollen. So etwa geäussert von der IG Antifeminismus, einer Interessengemeinschaft die 2010 von Männern gegründet wurde und sich gegen Feminismus und für Gleichberechtigung einsetzt. Stattdessen fordert die IG «geschlechtsneutrale Opferhäuser, welche betroffenen Frauen, Männern und Kindern Schutz bieten», wie es auf der Internetseite der Organisation heisst.

Männerhäuser statt Opferhäuser

Dieser Vorschlag sei fachlich nicht tragbar, findet Zufferey. Frauen und Kinder, die Opfer von häuslicher Gewalt würden, hätten andere Bedürfnisse als Männer. Zudem würden Männer selten bis hin zur Tötung verfolgt. Das bestätigt auch Pia Altorfer, stellvertretende Leiterin der Beratungsstelle Opferhilfe Bern. Sie betont jedoch, dass auch Männer Opfer von häuslicher Gewalt würden.

Laut Forschungen ist ein Mann auf fünf Frauen davon betroffen. Bei der Beratungsstelle Opferhilfe Bern machte der Anteil der von häuslicher Gewalt betroffenen Männer gegenüber den Frauen im Jahr 2012 7,4 Prozent aus. So fordert Altorfer, dass eher Männerhäuser als geschlechtsneutrale Opferhäuser geschaffen werden müssten. «Opfer, welche häusliche Gewalt erlebt haben, benötigen in der akuten Phase Ruhe und Schutz ohne die Konfrontation mit dem anderen Geschlecht», sagt sie.

Im Frauenhaus Biel finden betroffene Frauen diesen Rückzugsort. Trotzdem gehen einige schon nach ein paar Tagen wieder – meist zurück zu ihrem Mann. Andere bleiben Monate, mit der Hoffnung auf eine neue Zukunft im Gepäck.

Der Bund

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