Regierungsrat, 47-jährig, sucht Kaderstelle in der Privatwirtschaft

Der Rücktritt von Andreas Rickenbacher hat einen klaren Grund: Der SP-Politiker will künftig in der Wirtschaft arbeiten.

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Basil Weingartner@bwg_bern

Nur gut ein Jahr nach seiner zweiten Wiederwahl hat Regierungsrat Andreas Rickenbacher (SP) gestern seinen Rücktritt bekannt gegeben. Zum Zeitpunkt seines Abgangs im kommenden Juni wird er zehn Jahre im Amt sein. Entscheidend für seinen Entschluss war aber offenbar eine andere Zahl: 48 Jahre alt wird Rickenbacher bei seinem Rücktritt sein; wäre er erst bei der nächsten Gesamt­erneuerungswahl 2018 zurückgetreten, wäre er 50 Jahre alt gewesen. Zwei Altersjahre, die seine Chancen auf dem Arbeitsmarkt geschmälert hätten, so fürchtet Rickenbacher. Zwei Dienstjahre, die folglich der zweiten Karriere abträglich gewesen wären, die der SP-Politiker anstrebt. «Ich suche ganz klar eine Herausforderung in der Wirtschaft», sagte er gestern anlässlich einer Medienkonferenz in der Staatskanzlei.

«Ich bin kein Märtyrer»

Die beruflichen Ambitionen des langjährigen Wirtschaftsdirektors sind nicht neu und waren in den vergangenen Jahren ein schlecht gehütetes Geheimnis. Gestern klang dies nun so: Was er, der bereits mit 38 Jahren in die Regierung gewählt wurde, beruflich dereinst tun wolle, habe ihn «seit längerem umgetrieben». Ebenso die Frage, wann «der richtige Zeitpunkt» für den Rücktritt sei. In den Familienferien in den vergangenen Wochen sei er zum Schluss gekommen, dass dies nun der Fall sei. «Ich bin kein Märtyrertyp», sagt Rickenbacher. Keiner, der zwei Jahre im Amt absitzt – etwa, um die rot-grüne Regierungsmehrheit zu sichern. Diese ist durch den Abgang Rickenbachers gefährdet. Rickenbacher selbst relativiert dies: «2018 wird es im Regierungsrat zu mehreren personellen Abgängen kommen, die das Gefüge im Regierungsrat so oder so stark verändern werden», sagt er. Sein Rücktritt genau in der Mitte der Legislatur falle deshalb nicht sehr stark ins Gewicht.

Für das Regierungsgremium könne es sogar von Vorteil sein, wenn nicht alle Wechsel auf einmal erfolgten. Der Zeitpunkt seines Abgang sei also «nicht wahnsinnig ungeschickt», findet Rickenbacher. Solche Überlegungen hätten letztlich aber nur am Rande eine Rolle gespielt: «Ausschlaggebend waren die persönlichen Beweggründe.»

Die Planung seiner Zukunft nahm Rickenbacher bereits in Angriff: «Ich habe bereits erste Gespräche mit Firmen geführt.» Dass er noch amtierendes Regierungsmitglied sei, habe die Stellensuche bisher erschwert. Dies dürfte sich nun ändern: «Die Zeit bis zu meinem Rücktritt kommt mir bezüglich meiner Zukunftsplanung entgegen.» Sie ermögliche es aber auch den Parteien, die Nachfolgewahl in aller Ruhe vorzubereiten. Die gut zehn Monate zwischen Ankündigung und Rücktritt seien nicht aussergewöhnlich lang, findet Rickenbacher. Als sonderlich kurz erachtet er sie aber offenbar auch nicht, hat er vor der Presskonferenz doch eigens Beispiele von ehemaligen Regierungsräten herausgesucht, die bis zum Vollzug ihrer Rücktrittsmeldungen noch etwas länger benötigten.

Sportlicher Schlussspurt

In der Zeit bis zum Rücktritt hat Rickenbacher zudem noch einiges vor. Er hebt den Innovationsfonds hervor, der im Januar in den Grossen Rat kommt, oder den Kredit für die Sitem Insel AG, welche die Zusammenarbeit des Inselspitals mit der Wirtschaft stärken soll – aber auch die Europameisterschaften im Beachvolleyball und im Kunstturnen, die 2016 in Biel respektive Bern durchgeführt werden.

Ob all der Zukunftspläne ging der Rückblick auf die letzte Dekade beinahe vergessen. Neben der Ansiedlung von «jährlich mehreren Dutzend Firmen» sei er vor allem darauf stolz, dass der Kanton Bern einen eigenständigen Standort des Schweizerischen Innovationsparks erhalte, sagte Rickenbacher. Unerwähnt liess er die Landwirtschaft, die auch in seine Zuständigkeit fällt. Doch noch verbleibt ihm Zeit, um auch in diesem Bereich zu einem positiven Fazit zu kommen.

Der Bund

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