Regula Rytz will nicht – sie wollte wohl nie

Topkandidatin Rytz will nicht in den Regierungsrat und auf Bundesebene bleiben. Die Konstellation gibt den Grünen etwas Spielraum.

Ob sie wirklich «hin- und hergerissen» war in ihrer Entscheidung nicht als Regierungsratskandidatin anzutreten, weiss wohl nur Regula Rytz selber.

Ob sie wirklich «hin- und hergerissen» war in ihrer Entscheidung nicht als Regierungsratskandidatin anzutreten, weiss wohl nur Regula Rytz selber.

(Bild: Franziska Rothenbühler)

Dölf Barben@DoelfBarben

Es klang so, als hätte sie es sich lange überlegen müssen. Regula Rytz, Nationalrätin und Präsidentin der Grünen Schweiz, sagte am Mittwoch vor den Medien, sie sei «hin- und hergerissen» gewesen. Einerseits biete ein Regierungsamt im Kanton Bern «enorme Gestaltungsmöglichkeiten und Verantwortung für das Gemeinwohl». Andererseits sei sie nun «mit beiden Füssen in der Bundespolitik angekommen».

Wer Rytz zuhörte, wurde aber den Eindruck nicht los, dass hier eine sprach, für die der Entscheid rasch klar gewesen war. Rytz war Ende 2011 in den Nationalrat gewählt worden, kurz darauf wurde sie Parteipräsidentin. Sie steckt mitten drin in ihrer Arbeit und verfügt über grosse Gestaltungsmöglichkeiten.

Deshalb ist ihre Situation auch nicht mit jener von SP-Nationalrätin Evi Allemann zu vergleichen, die von der eidgenössischen auf die kantonale Ebene zurückkehren und den Sitz von SP-Regierungsrätin Barbara Egger erben will. Allemann kann wegen der parteiinternen Amtszeitbeschränkung nicht länger als 2019 im Nationalrat bleiben; sie braucht eine politische Anschlusslösung.

Für die Grünen ergäbe ein Wechsel von Regula Rytz zurück in den Kanton Bern ausserdem wenig Sinn. Es wäre wie ein Rückschlag in ihrer Personalpolitik. Kurz: Es ist anzunehmen, dass Rytz sich auch deshalb gegen eine Regierungsratskandidatur entschieden hat, weil die Parteistrateginnen und -strategen den Eindruck gewonnen haben, die Verteidigung des Pulver-Sitzes funktioniere auch ohne sie. Denn eines ist klar: Mit ihrer Erfahrung – vor allem mit ihren acht Jahren Exekutiverfahrung in der Stadt Bern – und mit ihrer nationalen Ausstrahlung wäre sie die unbestrittene Topkandidatin der Grünen gewesen (der «Bund» berichtete).

Die Zeiten haben sich geändert

Dass die Grünen darauf verzichten können, bei den Regierungsratswahlen im nächsten Jahr mit maximalem Krafteinsatz zu kämpfen, hat einen einfachen Grund: Die Situation ist für sie heute ganz anders als 2006, als Bernhard Pulver gewählt wurde. Damals rechnete kaum jemand damit, dass ihr Kandidat gewählt werde. In der Zwischenzeit gehört der grüne Sitz im Regierungsrat schon fast zum Inventar.

Ausserdem getrauen sich die bürgerlichen Parteien – im Gegensatz zur Zeit vor 2006 – nicht mehr, Anspruch zu erheben auf mehr als vier Sitze. 2006 und 2010 ist das für sie ziemlich schief herausgekommen. Für SP und Grüne dagegen gibt der heruntergeschraubte Anspruch der Bürgerlichen etwas Luft; sie können zum Vorneherein mit drei Sitzen rechnen. Das ist Christine Häslers Chance.

Kritik am Auswahlverfahren

Häsler ist von ihrer Sektion und der Delegiertenversammlung der Kantonalpartei noch nicht nominiert: Die Nomination dürfte jedoch Formsache sein und im Oktober erfolgen – auch wenn die Medienorientierung von Rytz und Häsler am Mittwoch Kritik hervorrief. Die grüne Ex-Nationalrätin Aline Trede bezeichnete Häsler zwar als «gute Kandidatur». Sie sagte aber, es wäre ihr «grundsätzlich» lieber gewesen, wenn die Parteileitung den Delegierten zugunsten der innerparteilichen Demokratie eine Auswahl präsentiert hätte; stattdessen entstehe nun «der Eindruck, dass die beiden Nationalrätinnen das Ticket praktisch unter sich ausgemacht hätten».

Der Bund

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