Raus aus dem Kinderzimmer

Kinder spielen immer weniger draussen. Die Folgen sind Kurzsichtigkeit und Bewegungsdefizite. Nun fordern Berner Kitas Eltern dazu auf, mehr Zeit mit dem Kind draussen zu verbringen.

Im Wald können Kinder die sinnliche Wahrnehmung spielerisch schulen und ihren Gleichgewichtssinn trainieren.

Im Wald können Kinder die sinnliche Wahrnehmung spielerisch schulen und ihren Gleichgewichtssinn trainieren. Bild: Adrian Moser (Archiv)

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Wissen Eltern nicht mehr, wie man mit seinem Kind nach draussen geht? Die Kita Murifeld hat kürzlich ein Büchlein herausgegeben, in dem Betreuungsprofis 20 Orte im Berner Ostquartier beschreiben, die sich für einen Spaziergang mit Vorschulkindern besonders gut eignen. Das Büchlein gibt Ideen, was Eltern draussen mit ihren Kindern unternehmen können, ohne dass sie mit teuerer Ausrüstung in die Berge fahren müssen. Mit dem Büchlein lässt sich das eigene Quartier kindgerecht und entschleunigt entdecken. Das Kita-Team entwickelte die Idee dazu nach einem Referat des Kinderarzts und Neurologen Markus Weissert.

Mit der Broschüre wolle die Kita Eltern dazu anregen, vermehrt mit den Kleinen hinauszugehen, sagt die Geschäftsführerin Pia Aeschimann. «Der Freiraum liegt vor der Haustür.» Dort finde ein Kleinkind viele Gelegenheiten, sich zu bewegen und die Sinne zu entwickeln. «Man muss nicht immer auf einen Spielplatz gehen.» Gerade in den Vorgärten, Hinterhöfen und Quartierstrassen könnten sich Kinder den Raum aneignen und Erfahrungen sammeln, die für die psychomotorische Entwicklung grundlegend seien, erklärt Aeschimann.

Schüler mit Bewegungsdefizit

Der Hintergrund solcher Ratgeber ist offensichtlich: Frühkindlicher Bewegungsmangel ist in Bern ein Thema. «Es gibt Kinder, die in der zweiten Klasse nicht auf einem Bein stehen können», sagt Rita Holzer, Co-Schulleiterin im Breitenrainquartier. Das körperliche Defizit behindere das schulische Lernen und die soziale Integration des Kindes. «Es gibt Kinder, die keinen Ball fangen können», sagt sie.

An der Schule Spitalacker seien die Lehrerinnen und Lehrer daher dazu angehalten, wenigstens einmal im Monat mit den Kindern in den Wald zu gehen, damit sich diese in unebenem Gelände bewegen müssen. «Wir legen viel Wert auf die Bewegungserziehung», sagt Holzer. Denn auf der Grundstufe gebe es pro Klasse immerhin zwei oder drei Kinder, die in ihrer Bewegungsentwicklung zurückgeblieben seien. «Und das in einem Quartier mit vielen bildungsnahen Familien», fügt sie bei.

Laut einer dänischen Studie spielte die Generation der Grosseltern noch mehr als doppelt so häufig im Freien wie heutige Kinder. In der Schweiz spielen Kinder gemäss einer Studie von Pro Juventute im Durchschnitt fast eine Stunde pro Tag draussen. Trotzdem stellt der Berner Gesundheitsdienst eine leichte Zunahme von Kurzsichtigkeit bei Mädchen fest, wie die Leiterin Annemarie Tschumper auf Anfrage sagt. Der Anteil kurzsichtiger Buben sei stabil.

Tschumper führt das auf das Freizeitverhalten der Mädchen zurück. Sie trieben vor allem im Teenageralter weniger Sport als Buben und seien vermutlich mehr drinnen. Der Mangel an Tageslicht führt zu Kurzsichtigkeit. In Asien trägt bereits ein grosser Teil der Kinder und Jugendlichen eine Brille. Sie dürfen sich aufgrund der Smog-Belastung in grossen Städten nicht im Freien aufhalten.

Eine Frage der Herkunft

Co-Schulleiterin Holzer vermutet zudem, dass gerade in Quartieren mit mehr bildungsfernen Familien auch mehr Kinder Bewegungsdefizite hätten. Laut einer Studie der Gesundheitsförderung Schweiz besteht tatsächlich ein Zusammenhang zwischen Übergewicht und sozialer Herkunft. Fast jedes vierte ausländische Kind sei übergewichtig oder gar adipös, schreiben die Studienautoren. Von den Schweizer Kindern leiden im Vergleich dazu nur 14 Prozent an Übergewicht. Einen noch grösseren Einfluss auf das Gewicht der Kinder hat die Schulbildung der Eltern. Während nur zehn Prozent der Kinder von Eltern mit einem Hochschulabschluss zu dick sind, sind ein Drittel der Kinder von Eltern ohne Lehrabschluss übergewichtig.

Möglicherweise liegt das auch daran, dass Kinder aus sozial schlechter gestellten Familien weniger Zeit im Freien verbringen, wie die Studie von Pro Juventute zeigt. Das Wohnumfeld der Unterschichtsfamilien ist oft nicht dazu geeignet, Kinder draussen spielen zu lassen. Die sogenannte Strassenkindheit sei zu einem Phänomen der Mittelschicht geworden. Im 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts waren es vor allem die Unterschichtkinder, die auf der Strasse und im Quartier spielten.

Gabi Hafner, die Schulleiterin des Schulkreises Bümpliz – in Berns Westen wohnen viele Menschen mit kleineren Einkommen und Familien mit Migrationshintergrund – findet zwar auch, dass die Schule wegen des starken Gebrauchs von Handys und Computern mehr darauf achten müsse, dass sich die Kinder bewegten. Sie glaubt aber nicht, dass sie sich heute im Durchschnitt weniger bewegten. «Es gab schon früher Kinder, die nicht sehr aktiv waren.»

Und was meinen Sie: Warum gibt es Bewegungsmangel bei Kindern? Ist die Infrastruktur der Stadt ungeeignet für Kinder? Oder liegt es an den Eltern? Am Zeitmangel? Diskutieren Sie mit im «Stadtgespräch»: stadtgespraech.derbund.ch (Der Bund)

Erstellt: 13.02.2018, 06:25 Uhr

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