Radiumfund: Behörden spielen Schwarzer Peter

In Biel wurde auf einer ehemaligen Deponie Radium entdeckt. Auf dem Gelände steht auch eine Wohnsiedlung. Die Stadt Biel, der Kanton und der Bund wissen vom Fund schont seit längerem – trotzdem wurde die Bevölkerung nicht informiert.

Das Radium, welches auf der A-5-Baustelle gefunden wurde, könnte auch im Bereich der Wohnhäuser vorkommen.

Das Radium, welches auf der A-5-Baustelle gefunden wurde, könnte auch im Bereich der Wohnhäuser vorkommen.

(Bild: Tobias Anliker)

Im November 2012 wurde auf der Baustelle der A 5 – mitten in der Stadt Biel – zufälligerweise radioaktives Radium gefunden. Bis heute haben die Lokalbehörden, der Kanton sowie das Bundesamt für Gesundheit (BAG) über den Fund geschwiegen – obwohl Experten die gemessenen Werte als «sehr hoch» taxieren, wie die «SonntagsZeitung» berichtete. Stattdessen schieben sich die Behörden nun die Verantwortung gegenseitig zu.

Biel erfuhr zufällig vom Fund

Sobald radioaktives Material ins Spiel komme, sei das BAG die federführende Behörde, sagt dazu die Bieler Baudirektorin Barbara Schwickert. Zudem sagt die grüne Gemeinderätin, dass das BAG der Gemeinde Biel empfohlen habe, die Bewohner des betroffenen Quartiers nicht zu informieren. Weiter sagt Schwickert, dass auch die Stadt Biel selbst erst neun Monat nach dem Fund informiert worden sei – also im August 2013. Damals habe das BAG erstmals Kontakt mit der Stadt Biel aufgenommen, weil das BAG in diesem Monat Messungen von radioaktiven Rückständen im Wohnquartier neben der Baustelle durchführen will. «Dadurch erfuhr die Stadt vom Radium-Fund», wie Schwickert sagt.

Im Zusammenhang mit den geplanten Messungen habe das BAG damals die Stadt zwar aufgefordert, über eine allfällige Information der Bevölkerung nachzudenken. Doch im März 2014, nachdem die Stadt Biel die Zulassung der Messungen im Wohngebiet bestätigt hatte, schrieb das BAG in einem Brief an die Stadt: «Das BAG kann die erforderlichen Messungen auf eigene Kosten im Rahmen der üblichen Umweltüberwachung durchführen. Da die Messungen in diesem Rahmen stattfinden, muss die Wohnbevölkerung im Bereich der ehemaligen Deponie vorgängig nicht speziell über die Messungen informiert werden.» Daraufhin verzichtete Biel auf eine entsprechende Information an die Bevölkerung.

BAG: Gefährdung ist «gering»

«Wenn das BAG sagt, es bestehe keine Gefahr und dass die Bevölkerung nicht informiert werden müsse, informieren wir auch nicht von uns aus», so Schwickert. Um das Vertrauen der Bevölkerung wiederzugewinnen, sei es nun wichtig, dass das BAG über die Messresultate und unter Umständen auch über geplante Massnahmen informiere. Gerne sei sie bereit, dies zusammen mit dem BAG zu tun.

Das BAG widerspricht der Darstellung von Schwickert. «Wir haben die Stadt Biel mehrfach gebeten, die Bevölkerung über den Fund von kontaminierten Abfällen auf der ehemaligen Deponie Lischenweg zu informieren», sagt Sybille Estier, Leiterin Sektion Umweltradioaktivität. Es sei Aufgabe der lokalen Behörden, die Bevölkerung zu informieren, mit Unterstützung des BAG. Das BAG greife nur ein, wenn eine Gefahr für die Bevölkerung bestehe oder wenn es sich um ein Ereignis von nationaler Bedeutung handle. Beides sah das BAG in diesem Fall als nicht gegeben.

Die Wahrscheinlichkeit, dass das Radium die Bevölkerung oder die Umwelt gefährdet habe und allenfalls noch immer gefährde, sei «gering». Was die Messungen angeht, die das BAG in diesem Monat auf der überbauten Fläche der ehemaligen Deponie durchführen wird, hat das BAG eine spezielle Information der Quartieranwohnerschaft nicht als zwingend erachtet – «in der Annahme, dass die Bevölkerung durch die Stadt über die Belastungen auf dem Gelände der ehemaligen Deponie bereits orientiert wurde», wie Estier sagt.

Kanton sieht kein Versäumnis

Da sich das Bundesamt für Gesundheit und die Stadt Biel gegenseitig die Verantwortung zuschieben, stellt sich auch die Frage nach der Rolle des Kantons Bern als Bauherrn. Wieso hat er nicht von sich aus informiert? «Wir haben unsere Kommunikationspflicht wahrgenommen», sagt Christian Albrecht, Generalsekretär der Bau-, Verkehrs- und Energiedirektion des Kantons Bern.

Sofort nach Entdeckung der Altlasten auf der Baustelle habe man das BAG, die Suva sowie die betroffenen Arbeiter informiert. Darauf habe das BAG die Führung übernommen, und gemeinsam habe man ein Konzept zur fachgerechten Entsorgung des Abfalls entwickelt. Allerdings sei der Kanton lediglich für die Baustelle auf der kontaminierten Parzelle der ehemaligen Deponie zuständig, nicht für den bewohnten Teil. «Und von der Baustelle aus hat nie eine Gefahr für das Quartier bestanden», so Albrecht.

Politiker sprechen von «Skandal»

Vonseiten der Bieler Stadtpolitiker fallen die Reaktionen hinsichtlich des Informationsvorgehens ähnlich aus – wenn auch in unterschiedlicher Heftigkeit (vgl. Artikel auf der Front). Während etwa der Fraktionspräsident der Grünen, Pablo Donzé, von einem «Skandal» spricht oder Max Wiher, GLP-Fraktionspräsident, gar von einer «Unterlassungssünde», sieht es Adrian Dillier, Präsident der SVP Biel, etwas gelassener: «Noch gibt es keinen Grund zur Panikmache», sagt er. Zuerst müsse man nun die Messresultate abwarten, danach werde man weitersehen.

Der Bund

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