Berner Hilfswerke verlieren über 300 Stellen

Heilsarmee, Caritas und Asyl Biel gehen bei der Reform des kantonalen Asylwesens leer aus. Zu den Gewinnern gehört die Stadt Bern.

Bis im September waren Asylsuchende auch in der Alten Feuerwehr Viktoria in Bern untergebracht. (Acrhivbild)

Bis im September waren Asylsuchende auch in der Alten Feuerwehr Viktoria in Bern untergebracht. (Acrhivbild)

(Bild: Franziska Rothenbühler)

Calum MacKenzie@CalumMacKenzie0
Bernhard Ott@Ott_Bernhard

Die Direktion von Regierungsrat Pierre Alain Schnegg (SVP) hat die regionalen Partner im Asyl- und Flüchtlingsbereich neu bestimmt. Für die Stadt Bern und Umgebung ist ab 2020 das Kompetenzzentrum Integration der Stadtberner Sozialdirektion zuständig. Die Region Emmental-Oberaargau geht an den kommerziellen Anbieter ORS Service AG. Die Regionen Bern-Mittelland und Berner Jura-Seeland gehen ans Schweizerische Rote Kreuz. Und die Region Berner Oberland bleibt bei Asyl Region Oberland.

Die grössten Verlierer

Die grössten Verlierer sind Asyl Biel und Region, die alles verliert, und die Heilsarmee. Sie wird als Unterakkordantin der Stadt Bern nurmehr für den Betrieb der Kollektivzentren in Bern, Köniz, Zollikofen und Kirchlindach zuständig sein. Gemäss einer Meldung der Agentur SDA-Keystone prüft die Heilsarmee, ob sie den Entscheid anfechten soll. Sie hatte für alle fünf Asylregionen Offerten eingereicht. Momentan sind bei der Heilsarmee kantonsweit 200 Personen in der Flüchtlingshilfe beschäftigt. Sie betreuen 3500 Asylsuchende in neun Durchgangszentren und in 650 angemieteten Wohnungen. Künftig werden nur noch 30 Personen in der Flüchtlingshilfe beschäftigt werden können. «170 Personen verlieren ihre Stelle», sagt Daniel Röthlisberger, Direktor der Sozialwerke der Heils­armee.

Man habe zwar in mehreren Szenarien gerechnet, auch mit dem nun eingetretenen Worst Case, sagt Röthlisberger. «Aber für uns ist der Verlust unserer Mandate doppelt bitter.» Denn auf dem Höhepunkt der Flüchtlingswelle in den Jahren 2015/2016 habe die Heilsarmee als einzige Organisation Hand geboten, um eine humanitäre Katastrophe im Kanton Bern zu verhindern. «Wir haben sogar Asylsuchende in unseren kirchlichen Zentren einquartiert.» Der Verlust der Mandate sei daher nur schwer verständlich. «Das tut weh», sagt Röthlisberger.

Hilfe für Angestellte

Zu den Verlierern im Raum Bern zählt auch die Caritas. Sie war bisher etwa in der beruflichen Integration von Flüchtlingen tätig. «Bei uns verlieren 80 bis 90 Personen ihre Stelle», sagt Sprecher Oliver Lüthi. Dies entspreche rund zwei Dritteln des Personaletats. Caritas Bern werde sich wieder als kleines Hilfswerk positionieren müssen. «Wir sind keine Dienstleister im Asylwesen mehr», sagt Lüthi. Bei Heilsarmee und Caritas sind somit insgesamt rund 250 Stellen vom Abbau betroffen. Wie es mit den 100 Angestellten von Asyl Biel und Region weitergeht, ist noch offen.

Caritas und die Heilsarmee wollen die betroffenen Angestellten bei ihrer Neuorientierung unterstützen. Im Gespräch mit den neuen Anbietern werde man versuchen, Fachpersonen wenn möglich weiterzuvermitteln, sagt Lüthi. Auch die Heilsarmee hofft, dass möglichst viele Mitarbeitende von neuen Anbietern übernommen werden.

Bei der Caritas zählt man zudem auf die Hilfe des Kantons, damit der laufende Leistungsvertrag bis Ende 2020 sauber abgeschlossen werden kann. Dabei solle der Kanton unter anderem auch dazu beitragen, «dass uns die Mitarbeitenden erhalten bleiben», sagt Sprecher Oliver Lüthi.

Die Gewinnerin

Zu den Gewinnern der Ausschreibung zählt die Stadt Bern. Sie hatte sich vor dem Verfahren um eine Direktvergabe bei Schneggs Gesundheits- und Fürsorgedirektion bemüht. Rückblickend lässt sich sagen, dass dieses Vorgehen kaum nötig gewesen wäre. Denn mit der Vergabe des Mandates für den Raum Bern muss das zuständige Kompetenzzentrum Integration sein Angebot in den Bereichen Beratung und Arbeitsintegration massiv ausbauen.

Die Stadt ist bisher für rund 800 Asylsuchende in den Bereichen Sozialhilfe und Individualunterkünfte zuständig. Zudem führt sie ein niederschwelliges Arbeitsintegrationsprogramm. Dafür sind aktuell rund 30 Mitarbeitende zuständig.

Neu sind ihr nicht «nur» Asylsuchende, sondern auch anerkannte Flüchtlinge zugeteilt. «Ab Sommer 2020 sind wir für die Betreuung von 2400 Personen zuständig», sagt Ursula Heitz, Leiterin des Kompetenzzentrums Integration. Für die Erfüllung der Aufgaben seien künftig 60 bis 80 Stellen notwendig. Die entsprechenden Mehrkosten seien bereits einkalkuliert. «Das wird eine grosse Herausforderung für uns», sagt Heitz.

Keine Kritik am Verfahren

Mit der Reorganisation der Flüchtlingsbetreuung reagiert der Kanton auf die beschleunigten Asylverfahren auf Bundesebene. Diese sehen unter anderem vor, dass Asylsuchende rascher in die Kantone zugewiesen werden. Die Ausschreibung als solche wird in der Politik nicht mehr kritisiert. Rot-Grün hatte einst befürchtet, dass damit eine Kommerzialisierung des Asylwesens eingeläutet werde. Nun beschränkt sich diese auf die Region Emmental/Oberaargau, wo die ORS Service AG den Zuschlag erhielt. Grossrat Hasim Sancar (Grüne) kritisiert denn auch diese Vergabe. Er befürchtet kostenbedingte Einsparungen auf dem Buckel von Asylsuchenden. «Im Asylwesen gibt es keinen Spielraum für Gewinne», sagt Sancar.

Zufrieden mit Prozess und Ergebnis ist Grossrat Hans-Peter Kohler (FDP). «Das Verfahren war klar und transparent.» Es sei von Anfang an klar gewesen, dass es Gewinner und Verlierer geben würde. «Es ist unschön, wenn nun Personen ihre Stelle verlieren», sagt Kohler. Aber politisch könne das Verfahren nicht kritisiert werden.

Hier geht es zum Interview mit dem ehemaligen Asylkoordinator des Kantons Bern

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