Warum es so schwierig ist, die Menschenhändler zu schnappen

Täter sind oft gut vernetzt, und Opfer meiden die Behörden. Bei der Polizei setzt man daher auf Milieu-Spezialisten.

Welche Ausmasse das Problem der modernen Sklaverei in der Schweiz annimmt, ist schwer abzuschätzen: Eine Prostituierte auf der Strasse. (Symbolbild/Archiv)

Welche Ausmasse das Problem der modernen Sklaverei in der Schweiz annimmt, ist schwer abzuschätzen: Eine Prostituierte auf der Strasse. (Symbolbild/Archiv) Bild: Thomas Burla

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Am Anfang steht meist eine Person in Armut und ohne Perspektiven. Plötzlich zeichnet sich ein Ausweg ab: Ein Unbekannter, manchmal auch ein Nahestehender, unterbreitet ein Jobangebot in Westeuropa, in der Schweiz, zum Beispiel in Biel, zum Beispiel im Sexgewerbe. Auch für Anreise, Dokumente und Unterkunft wird gesorgt. Kostenpunkt: Mehrere Zehntausend Franken. Ein paar Jahre arbeiten, um die Schulden zu bezahlen, dann locken Freiheit und eine bessere Zukunft.

In der Regel läuft es aber ganz anders. Einmal in der Schweiz angekommen, befinden sich die Betroffenen in einer Schuldknechtschaft: Kaum sind die Schulden getilgt, kommen neue, auch fiktive, hinzu. Bezahlen die Opfer nicht, werden sie bedroht. Lohnvereinbarungen werden nicht eingehalten, und die Arbeitsbedingungen sind ausbeuterisch. Laut Susanne Seytter, Geschäftsführerin der Fachstelle Frauenhandel und Frauenmigration (FIZ), sieht so ein typischer Fall von Menschenhandel aus. Die Fachstelle betreut auch einige der Opfer im Prozess, der in Biel begonnen hat. «Menschenhändler nutzen die Notlage der Betroffenen perfide aus und spielen mit deren Hoffnungen», sagt sie.

Täter drohen mit Gewalt

Welche Ausmasse das Problem der modernen Sklaverei in der Schweiz annimmt, ist schwer abzuschätzen. Fachleute gehen von einer hohen Dunkelziffer aus: Dass Opfer von sich aus zur Polizei gehen, dürfte die Ausnahme sein. Viele befinden sich in einem Abhängigkeitsverhältnis zu ihren Arbeitgebern oder fürchten sich vor den Behörden, weil sie über keinen legalen Aufenthaltsstatus verfügen. Nicht selten drohen die Täter den Opfern oder ihren Angehörigen in den Heimatländern mit Gewalt.

Die Statistiken zeigen somit nur ein unvollständiges Bild: 2017 registrierte die Polizei 125 Fälle von Menschenhandel, im Vorjahr waren es gleich viele.

Fedpol mit Koordinationsstelle

Die Ermittler sehen sich dabei mit zahlreichen Problemen konfrontiert. Die strafrechtliche Verfolgung obliegt den kantonalen Justizbehörden. Stichhaltige Beweise zu erbringen, ist offenbar schwierig. Diesen Schluss zumindest lässt ein weiterer Blick in die polizeiliche Kriminalstatistik zu: 2016 waren es elf, 2017 lediglich fünf Verurteilungen. Das liegt auch an der Komplexität der Verfahren, die entsprechend lange dauern. Hintermänner ziehen die Fäden, die Täter organisieren sich in grenzüberschreitenden Netzwerken. Die Strafverfolgungsbehörden müssen sich nicht nur über die Kantons-, sondern auch über die Landesgrenzen hinweg koordinieren.

Das hat auch das Bundesamt für Polizei (Fedpol) längst erkannt. Es verfügt daher über eine Koordinationsstelle und ein spezialisiertes Kommissariat. Letztes Jahr hat das Fedpol zudem zum zweiten Mal einen nationalen Aktionsplan veröffentlicht. Darin werden Bund, Kantone, nationale und internationale Organisationen aufgefordert, gemeinsam Strategien und Massnahmen zu erarbeiten.

Das Ziel: Die Strafverfolgung verstärken, die Opfer besser schützen und die Zusammenarbeit der Schweiz mit dem Ausland verbessern. Es brauche zudem viel Sensibilisierungsarbeit, damit potenzielle Fälle von Menschenhandel überhaupt erkannt würden, sagt Fedpol-Sprecherin Lulzana Musliu. «Das braucht es im Bereich der Öffentlichkeit, aber auch im Bereich des Personals, namentlich der Polizei», sagt sie. So verfügt die etwa die Stadtpolizei Zürich über «Milieu-Aufklärer», einen auf Fälle von Menschenhandel spezialisierten Ermittlungsdienst.

Regelmässig Vorfälle in Biel

Die Kantonspolizei Bern verfügt über speziell geschulte Mitarbeiter und Spezialisten bei der Kriminalabteilung. Allein im Kanton Bern sind in den letzten Jahren über 20 Verfahren betreffend Menschenhandel abgeschlossen worden, wie der Regierungsrat bekannt gab.

Ob bestimmte Orte in Bern Umschlagplätze des Menschelhandels seien, lasse sich schwer sagen, so Musliu. «Das Phänomen betrifft alle Kantone und ist auch überall denkbar. In grossen Städten wie auch in kleinen Dörfern, in Bordellen und Privathaushalten.» In Biel und Umgebung zumindest kommen Fälle von Menschenhandel regelmässig vor: Im Dezember standen dort drei Portugiesen vor dem Regionalgericht, die eine Landsfrau eingeschüchtert und zur Prostitution gezwungen haben sollen.

Zurzeit laufen Ermittlungen gegen einen Tschechen mit Verdacht auf Menschenhandel: Mit hohen Verdienstversprechen soll er Frauen aus Osteuropa angeworben und ihnen eine Arbeitsbewilligung verschafft haben, um sie dann in seinen Bordellen in Biel arbeiten zu lassen. Dabei soll er die Hälfte ihres Lohnes für sich beansprucht und noch weitere Zahlungen von ihnen gefordert haben.

(Der Bund)

Erstellt: 02.07.2018, 20:28 Uhr

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