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Polizei sagt Prügeleien den Kampf an

Das Berner Nachtleben soll sicherer werden. Die Kantonspolizei markiert deshalb seit Anfang Jahr mehr Präsenz an neuralgischen Orten. Clubbetreiber sehen dafür keinen Bedarf.

Gewalt im öffentlichen Raum hat eine grosse Wirkung auf das subjektive Sicherheitsempfinden der Bernerinnen und Berner.
Gewalt im öffentlichen Raum hat eine grosse Wirkung auf das subjektive Sicherheitsempfinden der Bernerinnen und Berner.
Martin Ruetschi (gestelltes Bild), Keystone

Nach zwei Uhr nachts passiert nichts Gutes, heisst es. Das ist natürlich Unsinn – so manche Beziehung nahm zu früher Morgenstunde ihren Anfang. Richtig allerdings ist, dass es zu später Stunde auch zu schlimmen Vorfällen kommt; zu sexuellen Übergriffen, Raubüberfällen und Prügeleien. Die Berner Kantonspolizei ortet in diesem Bereich Handlungsbedarf. Gestern, im Rahmen der Präsentation der aktuellen Kriminalitätsstatistik (Text unten), stellte sie ihren neuen Schwerpunkt vor: Gewalt im öffentlichen Raum.

«Gewalt zu erfahren, sie zu sehen oder auch nur von ihr zu hören, hat grossen Einfluss auf das Sicherheitsgefühl», sagte Stefan Blättler, Kommandant der Kantonspolizei Bern, um die Wahl des Schwerpunktthemas zu begründen. Eine Auswertung habe ergeben, dass in den Nächten auf Samstag und Sonntag deutlich höhere Fallzahlen registriert würden als zu anderen Zeiten. Die Hotspots sind demnach ÖV-Knotenpunkte wie der Bahnhof, aber auch die Umgebung von Diskotheken. «Wenn Sie in der Aarbergergasse einen Hotspot vermuten, liegen Sie sicher nicht falsch», sagte Blättler auf eine Journalisten-Frage.

Das Konzept der Polizei sieht vor, einerseits die Nachtschwärmer zu sensibilisieren. Wenn es zu Streitereien komme, sollten Begleiter besser beruhigend einwirken als die Stimmung noch weiter anzuheizen, so Blättler. Andererseits markiert die Polizei bereits seit Anfang Jahr vermehrt Präsenz an neuralgischen Orten. «Vor allem wenn die Clubs schliessen, wollen wir vor Ort präsent sein.»

Aarbergergasse bereits beruhigt

Clubbetreiber reagieren überrascht auf die Ankündigung der Polizei. «Die Aarbergergasse hat sich in den letzten Jahren extrem beruhigt», sagt etwa Bonsoir-Betreiber Rolf Bähler auf Anfrage. Das Sicherheitskonzept habe sich bewährt, die Zusammenarbeit zwischen Polizei und Betreibern funktioniere einwandfrei. Zwar begrüsse er es, wenn die Polizei in der Aarbergergasse präsent sei, allerdings sehe er für zusätzliche Massnahmen keinen Bedarf. «Nach meinem Empfinden ist die Gewalt auf einem so tiefen Level, dass eine weitere Reduktion kaum vorstellbar ist», sagt er.

Tatsächlich gibt es keine Hinweise, dass sich die Situation in den letzten Jahren verschlechtert hat. So sind die Anzeigen wegen einfacher Körperverletzung in den letzten Jahren tendenziell rückläufig. Bei schwerer Körperverletzung verzeichnet die Statistik 2017 zwar eine happige Zunahme von 51 auf 81 Fälle im Vergleich zu 2016, im Mehrjahresvergleich sticht das Jahr 2017 aber nicht negativ hervor. Auf Nachfrage argumentiert die Polizei den auch nicht mit einem zahlenmässigen Anstieg. «Es kommt aber immer wieder zu schlimmen Fällen, welche in der Öffentlichkeit grosses Aufsehen erregen», sagte Blättler. Zudem habe man das Gefühl, dass die Intensität von Prügeleien zugenommen habe.

Auch wenn keine Zunahme zu verzeichnen ist: Jede Gewalttat ist eine zu viel. Eine vermehrte Präsenz der Polizei ist somit sicher zu begrüssen. Max Reichen vom Berner Gaskessel ist sich nicht so sicher. «Unserer Erfahrung nach führt eine Präsenz der Polizei nicht unbedingt zu einer Entspannung der Situation», sagt er. Dies weil viele Jugendliche «Mühe mit Uniformen» hätten. Manchmal wirke sich die Präsenz der Polizei sogar «kontraproduktiv» aus, sagt er. Allerdings, so fügt er an, sei derzeit die Zusammenarbeit mit der Polizei sehr gut und von gegenseitigem Respekt geprägt. «Wir begegnen uns auf Augenhöhe.»

Nause findets gut

Auch Tom Berger, Co-Präsident der Bar- und Clubkommission (Buck) und FDP-Stadtrat, sieht eine gewisse Ambivalenz in der neuen Strategie der Polizei. Zwar sei gegen punktuelle Präsenz an neuralgischen Stellen nichts einzuwenden, sagt er, «ich möchte aber nicht an jeder Strassenecke vier Polizisten sehen». Wichtig sei, dass die Polizei möglichst deeskalativ vorgehe und nicht wegen jeder Kleinigkeit mit einem Grossaufgebot einfahre. Er kritisiert auch, dass die Buck beim neuen Konzept nur informiert, nicht aber miteinbezogen worden sei.

Ausdrücklich begrüsst wird der neue Polizeischwerpunkt vom Stadtberner Sicherheitsdirektor Reto Nause (CVP). «Es ist die logische Fortsetzung der Bemühungen des Nachtlebenkonzepts.» Zwar gebe es keine quantitative Zunahme von Gewaltfällen, er habe aber den Eindruck, dass es von der Qualität her schlimmer geworden sei. «Auch früher hat man sich geprügelt, aber man hat aufgehört, wenn einer am Boden lag», sagt er. Die Befürchtung, dass sich Polizeipräsenz kontraproduktiv auswirken könnte, teilt er nicht. «Solche Stimmen sind bisher nicht zu mir gedrungen», sagt Nause.

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