Pläne für Französisch-Abbau bringen Welsche auf die Palme

Wäre es nach den Plänen des bernischen Erziehungsdirektors gegangen, hätte der Französischunterricht am Gymnasium künftig schon ein Jahr vor der Matur geendet. Nun wurde der Druck aus dem Welschland zu gross.

Blick in die Zukunft: Ginge es nach Regierungsrat Bernhard Pulver, würde Französisch am Gymnasium abgebaut. Im Welschland regt sich gegen diese Pläne Widerstand.

Blick in die Zukunft: Ginge es nach Regierungsrat Bernhard Pulver, würde Französisch am Gymnasium abgebaut. Im Welschland regt sich gegen diese Pläne Widerstand.

(Bild: Adrian Moser)

Adrian M. Moser@AdrianMMoser

Eigentlich ist Erziehungsdirektor Bernhard Pulver (Grüne) daran, den Gymnasiallehrern im Kanton Bern ihren Herzenswunsch zu erfüllen: In Zukunft sollen alle Gymnasiasten während vier Jahren am Gymnasium unterrichtet werden. Schulmodelle, bei denen das erste Jahr des gymnasialen Unterrichts an der Volksschule unterrichtet wird, soll es nicht mehr geben. Am Dienstag wird der Grosse Rat der sogenannten Quarta-Lösung aller Voraussicht nach zustimmen.

Alles bestens also? Keineswegs. Die Einführung des neuen Modells ist mit einer Sparübung verbunden: Neun Lektionen müssen die Gymnasien hergeben, um ihren Beitrag an das Sparpaket zu leisten, das der Grosse Rat im vergangenen Herbst geschnürt hat. 5,5 Millionen Franken kann die Erziehungsdirektion so einsparen. Diese Kröte haben die Gymnasien geschluckt.

Es ist etwas anderes, das nun einen Teil der Lehrerschaft und das vereinte Welschland in helle Aufregung versetzt: Gemäss der neuen Lektionentafel sollten künftig Französisch und die dritte Sprache (meist Englisch) ein Jahr vor der Matur abgeschlossen werden. Roger Hiltbrunner, Lehrer am Seeland-Gymnasium in Biel und Präsident der kantonalen Fachschaft Französisch, wählt deutliche Worte: «Der Französischunterricht am Gymnasium würde so zu einer Schnellbleiche und die Matur von einer Reife- zu einer Unreifeprüfung.» Die Sprachlehrer fürchten, man nehme ihnen die Schüler genau dann weg, wenn sie endlich reif genug wären, um auch komplexe Literatur und politische Zusammenhänge zu verstehen. «Man kann Lernprozesse nicht beliebig komprimieren», sagt Hiltbrunner. «Das ist pädagogisch nicht durchdacht.»

«Das finde ich ziemlich keck»

Markus Waldvogel, ebenfalls Lehrer am Seeland-Gymnasium und bis 2013 Fachdidaktiker für Philosophie an der PH Bern, kritisiert, dass mit der neuen Lektionentafel auch das Ergänzungsfach und die Kunstfächer geschwächt werden sollen. Er spricht von einer «Lösung, die niemand wollte» – andere von einer «Bürokratenlösung». «In die Sparübung wurde gleich noch eine Reform verpackt», sagt er. «Das finde ich ziemlich keck.» Roger Hiltbrunner unterstützt diese These: «Das läuft alles auf eine Modularisierung und frühere Spezialisierung hinaus und widerspricht dem Geist des Gymnasiums, das Allgemeinbildung vermitteln sollte.» Auch sei es für das Sprachniveau schädlich, wenn zwischen Maturaprüfung und Studienbeginn ein Jahr lang kein Unterricht stattfinde.

Die beiden Lehrer sind nicht alleine: Nicht nur die Fachschaften deponierten deutliche Stellungnahmen bei der Erziehungsdirektion, sondern auch andere gewichtige Interessenvertreter wie der Bernjurassische Rat, das Forum du bilinguisme oder das Institut für Französische Sprache und Literatur der Universität Bern.Nun reagiert Erziehungsdirektor Pulver: In der gestrigen Ausgabe der Freiburger Zeitung «La Liberté» stellte er in Aussicht, die Lektionentafel noch einmal zu überdenken. Im Gespräch mit dem «Bund» wurde er gestern noch deutlicher: «Formell ist noch nichts entschieden. Aber ich kann jetzt schon sagen, dass die Maturaprüfungen in Französisch und der dritten Sprache weiterhin am Ende des Gymnasiums stattfinden werden.» Ausgearbeitet hat die Lektionentafel die Konferenz der Schulleitungen. Sie wird nun einen neuen Vorschlag machen müssen.

Pulver ändert seine Meinung

Dass Pulver nun zum Rückzug bläst, ist bemerkenswert; noch vor einer Woche hat er die vorgezogenen Prüfungen in der «Berner Zeitung» verteidigt. Dank Frühfranzösisch und -englisch kämen die Jugendlichen mit mehr Vorkenntnissen ans Gymnasium, sagte er. Ausserdem sei es für sie besser, nicht alle Fächer auf einmal abschliessen zu müssen. Nun haben ihn die Argumente der Gegner offenbar überzeugt. «Ich habe nicht damit gerechnet, dass die Sache derart heftige Reaktionen auslösen wird», sagt er. «Gewisse Zweifel habe ich aber von Anfang an gehabt.» Deshalb habe er nun ein Zeichen setzen müssen.

Alle Kritik will Pulver aber nicht auf sich sitzen lassen. «Von einer Bürokratenlösung zu sprechen, finde ich etwas billig», sagt er. Schliesslich seien es die Rektoren gewesen, die den Vorschlag ausgearbeitet hätten, und keine Verwaltungsangestellten. Weiter weist Pulver darauf hin, dass die neue Lektionentafel nicht nur wegen der Sparübung ausgearbeitet worden sei, sondern auch, weil mit der Quarta-Lösung das Schwerpunktfach neu organisiert werden müsse und weil das Frühfranzösisch und -englisch bei den Gymnasien gewisse Anpassungen erfordere.

Auf den Vorwurf der versteckten Reform angesprochen, verhehlt er nicht, dass ihn die Kritik auch ein bisschen frustriert. «Die Gymnasiallehrer haben nun so lange für das vierjährige Gymnasium gekämpft. Und nun, wo es kommt, reden alle nur noch über diese Sparübung.» Der Vorschlag, den die Rektoren ausgearbeitet hätten, sei ein Versuch gewesen, das Beste aus der Situation zu machen. «Es überrascht mich, dass das nun so negativ aufgenommen wird.»

Der Bund

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