«Zauberpilz»-Prozess: Beschleunigungsgebot «massiv verletzt»

Im Prozess gegen den «Pilz-Pastor» fordert die Staatsanwältin zwei Jahre bedingt. Sie bedauert das lange Verfahren.

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Im Prozess gegen den als «Pilz-Pastor» bekannt gewordenen Guru aus dem Schwarzenburgerland hat die Staatsanwältin für den Angeklagten eine bedingte, zweijährige Freiheitsstrafe gefordert. Darin enthalten ist eine deutliche Reduktion, weil das Verfahren viel zu lange dauerte.

Die Staatsanwältin räumte in ihrem Plädoyer ein, dass das sogenannte Beschleunigungsgebot «leider massiv verletzt wurde». Der Angeklagte musste elf Jahre auf seinen Prozess warten.

Allerdings seien die Ermittlungen kompliziert und aufwändig gewesen. Der Beschuldigte habe auch nur teilweise kooperiert und zum Beispiel alles getan, damit die Behörden nicht an Daten seines schwunghaften Handels mit verbotenen psychoaktiven Pilzen kämen.

Obschon der Angeklagte sich Pastor oder Missionar der «Kirche der Heiligen Pilze» gebe, sei es ihm beim Handel mit den «Magic Mushrooms» (Zauberpilzen) nicht um Religion, sondern ums Geld gegangen, kam die Staatsanwältin zum Schluss. Die Abnehmer hätten «Spenden» entrichtet und dafür Zauberpilze erhalten. Die Staatsanwältin schätzte den Erlös aus dem umfangreichen Handel des selbsternannten Pastors auf mindestens 350'000 Franken. Der Mann habe das Geld für seinen Lebensunterhalt verwendet.

Sie warf dem Angeklagten qualifizierte und gewerbsmässige Widerhandlung gegen das Betäubungsmittelgesetz vor.

Keine Prominenz im Zeugenstand

Zuvor war bekannt geworden, dass weder alt Bundesrichter noch alt Bundesrätin werden im Fall des «Pilz-Pastors» als Zeugen vor Gericht erscheinen werden. Die Einzelrichterin lehnte am Mittwoch einen entsprechenden Antrag der Verteidigung ab.

Verteidiger Bernhard Rambert hätte gerne vor Gericht die Frage geklärt, wie es in der Schweiz überhaupt zum Verbot der einschlägigen Pilze kam. Dazu hätte sich beispielsweise alt Bundesrätin Ruth Dreifuss äussern können oder auch jener Bundesrichter, der 2001 das erste Urteil über sogenannte «Zauberpilze» in der Schweiz fällte.

Auch die heutige Bundesrätin Doris Leuthard hätte Rambert gerne im Zeugenstand gesehen. Sie kritisierte das Urteil des Bundesgerichts seinerzeit als Verteidigerin eines Pilzhändlers als «politisches Urteil».

Das Gericht müsse nicht Beweis führen, wie ein Gesetz zustande gekommen sei, sondern es anwenden, wies die Berner Einzelrichterin den Antrag am Mittwoch ab.

Langjährige Untersuchungen

Elf Jahre lang hatte die Berner Justiz gegen einen Guru ermittelt, der vom Schwarzenburgerland aus einen schwungvollen Handel mit berauschenden Pilzen betrieb. Nun steht der selbsternannte Pastor der «Kirche der Heiligen Pilze» seit Mittwochmorgen in Bern vor Gericht.

Trotz langjähriger Ermittlungen sieht sich der Angeschuldigte am Mittwoch lediglich einer Einzelrichterin gegenüber. Diese kann maximal eine Freiheitsstrafe von zwei Jahren verhängen.

2006 durchsuchte die Polizei das abgelegene Hotel in der Gegend von Rüschegg, wo sich der «Pilz-Pastor» mit seiner Jüngerschaft der bewusstseinserweiternden Wirkung psilocybinhaltiger Pilze hingab und diese als Sakrament gegen eine Spende auch vertrieb. Die Handschellen klickten und der damals 36-jährige Guru schmorte über ein Jahr in Untersuchungshaft.

Anders als Drogendealer agierte der Mann nicht im Versteckten. Die «Zauberpilze», die er vertrieb, waren bis nach der Jahrtausendwende legal erhältlich. Wer sie einnimmt, erlebt eine Art LSD-Trip. 2002 untersagte die Heilmittelbehörde Swissmedic Konsum und Handel der «Zauberpilze».

Verteidigt wird der «Pilz-Pastor» vom Zürcher Anwalt Bernard Rambert. Der kantige Jurist hat in seiner langen Karriere auch schon RAF-Terroristen oder den Ausbrecherkönig Walter Stürm vor Gericht vertreten.

Und Rambert nimmt auch im Fall des selbsternannten Pastors kein Blatt vor den Mund. In der «NZZ am Sonntag» sprach Rambert von einem «Supergau für die bernische Justiz». Eine übereifrige Staatsanwältin und ein übereifriger Polizist hätten sich verrannt. Die Ermittler hätten gegen 100 Personen vernommen, weil sie meinten, ihnen sei ein dicker Fisch ins Netz gegangen. (zec/sda)

Erstellt: 15.11.2017, 09:09 Uhr

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