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«Pflege zu Hause ist die Zukunft»

Der Altersforscher François Höpflinger sagt, dass Altersheime künftig nur noch für schwer Pflegebedürftige nötig seien. Die Heime werden somit zu Sterbehospizen.

Bei der Alterspflege soll in Zukunft die Betreuung zu Hause im Vordergrund stehen, findet François Höpflinger.
Bei der Alterspflege soll in Zukunft die Betreuung zu Hause im Vordergrund stehen, findet François Höpflinger.
Adrian Moser

Herr Höpflinger, Sie beschäftigen sich nun schon lange mit alternden Menschen. Vernachlässigen wir sie derzeit?

Nein, ich denke nicht. Die Qualität in der Alterspflege ist gut. Zwar ist das System in skandinavischen Ländern und Holland etwas weiter, im Vergleich zu süd- und osteuropäischen Ländern hat die Schweiz aber ein viel besseres System. Dennoch braucht es für die Zukunft wohl mehr Geld für die Betreuung und Pflege – insbesondere wenn die Babyboom-Generation ein hohes Alter erreicht.

Braucht es nicht gänzlich neue Konzepte, um die künftigen Herausforderungen im Altersbereich zu bewältigen?

Ja, innovative Ideen sind gefragt. Es läuft aber bereits heute einiges in die richtige Richtung. Bei Alters- und Pflegeheimen gibt es beispielsweise Einrichtungen mit moderner Architektur, in der sich die alten Menschen wohlfühlen, und mit geeigneten Räumen für die Physiotherapie oder die Aktivierung. Ausserdem gibt es Initiativen, die Einrichtungen besser in die Nachbarschaft einzubinden: Eine Coiffeuse bedient in Räumen eines Altersheims die Betagten, aber auch Kundinnen und Kunden aus der Umgebung.

Betreiber von Altersheimen fordern nun mehr Geld. Wer soll das zahlen?

Meiner Meinung nach könnte man das bestehende Konzept verbessern, um Kosten zu sparen. Wenn bei Alters- und Pflegeheimen gute Führungsstrukturen vorhanden sind und so auch das Personal zufrieden ist, bleiben die Angestellten länger. Derzeit kündigen in der Branche zahlreiche Fachkräfte. Das kostet die Pflegeheime viel und ist ein unsicherer Faktor für die Klientinnen und Klienten. Zudem hat sich gezeigt, dass bei einer ambulanten Pflege die Kosten um einiges tiefer sind.

Künftig bleibt also die Mehrheit der Betagten zu Hause?

Ja, die Betreuung zu Hause ist die Zukunft. Im Kanton Bern beispielsweise sind 28 Prozent der Betagten in Pflegeheimen nicht oder nur leicht pflegebedürftig. Bei dieser Gruppe wäre eine ambulante Betreuung zu Hause sinnvoller und günstiger.

So, dass die Leute gar nicht erst ins Altersheim gehen müssen?

Genau. Die Alters- und Pflegeheime müssen sich künftig auf stark Pflegebedürftige konzentrieren. Oft handelt es sich dabei um Menschen gegen Lebensende.

Damit werden die Altersheime also zu Sterbehospizen.

Das ist so, ja. An diesen Orten braucht es dann auch keine Aktivierung mehr. Im Vordergrund steht dann die Begleitung im letzten Lebensabschnitt. Wenn ein Bewohner nicht mehr essen will, muss man das akzeptieren. Bewohnerinnen und Bewohner sollen auch am Lebensende möglichst selbstbestimmt sein.

Muss also die Akzeptanz in der Gesellschaft für die Sterbehilfe weiter steigen?

Ja. Wir müssen akzeptieren, dass für die betagte Person das Leben zu Ende geht. Die Regel gilt heute: Alters- und Pflegeheime organisieren keine Sterbehilfe, aber sie akzeptieren und tolerieren, wenn alte Menschen eine Sterbehilfeorganisation beanspruchen.

«Private Altersheime sindoftmals innovativer als staatliche.»

Immer mehr private Betreiber von Altersheimen drängen auf den Markt. Diese stehen teilweise in der Kritik. Zu Recht?

Private Unternehmen haben den Vorteil, dass sie sich den sich ständig wechselnden Anforderungen im Gesundheitsbereich schnell anpassen. Hier sind sie oftmals innovativer als staatliche Betriebe. Wenn kein Druck besteht, entsteht oft auch keine Innovation. Die privaten Unternehmen setzen auf eine intelligente Architektur und gute Anstellungsbedingungen wie beispielsweise Teilzeitarbeit. Damit sind sie den öffentlichen Anbietern oft einen Schritt voraus.

Wie steht es mit der Gesellschaft? Welche Rolle spielen freiwillige Angebote?

Bereits heute kommen zahlreiche Altersheime nicht mehr ohne die Hilfe von Freiwilligen aus. Dieser Anteil darf sicher nicht tiefer werden.

Besteht die Gefahr einer Zweiklassengesellschaft im Alter?

Diese Zweiklassengesellschaft besteht bereits heute. Das Problem ist, dass sich gewisse Leute auch für das Alter rüsten, andere nicht. Eine weitere Herausforderung ist, dass die genetischen Unterschiede so gross sind. Gewisse Leute erkranken nun mal früher an einer unheilbaren Krankheit.

Was ist aus Ihrer Sicht die derzeit drängendste Frage in Bezug auf die Alterung der Gesellschaft?

Im Krankenversicherungsgesetz (KVG) hat der Staat lediglich die Pflege abgedeckt. Andere Leistungen wie Hauswirtschaft, Betreuung und technische Unterstützung hat man nicht berücksichtigt. Deshalb muss künftig dafür gesorgt werden, dass die Menschen länger gesund bleiben und dass – wenn notwendig – auch Betreuungsleistungen finanziell unterstützt werden.

Wie soll das gehen?

Mit dem medizinischen Fortschritt und dem Wissen sind die Menschen bereits heute viel länger gesund. Dieser Trend setzt sich voraussichtlich weiter fort.

Jetzt sind Sie gefragt: Sind Berns Betagte genug umsorgt? Wie ergeht es Ihren Angehörigen in Berner Alters- oder Pflegeheimen? Oder arbeiten Sie selber in einem solchen Betrieb? Diskutieren Sie mit im Stadtgespräch.

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