Patrizier erfanden die Tradition

«Beförderung der Eintracht» und «Vereinigung der verschiedenen Volksklassen». Das waren die Ziele der Unspunnenfeste.

Der Kunstmaler Franz Niklaus König, einer der Organisatoren des ersten Festes, verewigte die Szenerie eigenhändig.

Der Kunstmaler Franz Niklaus König, einer der Organisatoren des ersten Festes, verewigte die Szenerie eigenhändig. Bild: helveticarchives.ch

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Die Gründerväter des ersten Unspunnenfests von 1805 waren vier Bernburger, unter ihnen der Schultheiss Niklaus Friedrich von Mülinen und der Maler Franz Niklaus König. Die Oberschicht lud also das Landvolk zu einem Fest auf der Matte bei der Ruine von Unspunnen. Die politische Lage war damals sehr angespannt, von 1798 bis 1803 nach der Umgestaltung durch Napoleon bildete das Oberland einen eigenen Kanton.

Danach kam es zur Wiedervereinigung. Die Stadt hatte wieder die Oberhand. «Es war in ihrem Interesse, sich die Oberländer gefügig zu machen und Stadt und Land miteinander zu versöhnen», schreibt Martin Sebastian im Buch zur Geschichte von Unspunnen. Die Absicht wurde im freiheitsliebenden Oberland jedoch durchschaut.

«Mit einem ländlichen Fest aus jener Liebe zu den alten Volksbräuchen sollte auch die neu spriessende Blume ihrer konservativen Aristokratie getränkt werden», schrieb ein Oberländer «Patriot». Bei der zweiten Durchführung 1808 hiess es zum Zweck der Veranstaltung unter anderem: «Vereinigung der verschiedenen Volksklassen aller Kantone» und «Beförderung der Eintracht». Die beiden ersten Feste fielen auf den 17. August, den Namenstag des Gründers der Stadt Bern, Berchtolds V., Herzog von Zähringen. Die Patrizier gedachten also, an die vergangenen grossen Zeiten anzuknüpfen.

Kleine, starke Appenzeller

Den Brauch des Steinstossens brachten die Appenzeller nach Unspunnen. Sie hatten einen 184 Pfund schweren Stein dabei, zu wie viel Gramm genau das Pfund damals berechnet wurde, ist offen – somit ist nicht mit Sicherheit festzustellen, um wie viel der erste Unspunnenstein allenfalls schwerer war als die späteren. Sicher ist, dass der Stein verloren ging, bereits für 1808 brauchte es einen neuen Stein, der sich heute vermutlich in jurassischer Hand befindet.

Trotz gutem Willen: Die Versöhnung zwischen Land und Stadt missriet. Das Oberland rebellierte einige Jahre später gegen die Obrigkeit, 1814 kam es zu Unruhen. Hohle Versprechen waren den Oberländern nicht genug, sie verlangten politische Mitsprache, die wiederum sehr gnädig gewordenen Berner Patrizier wollten keine Macht abgeben.

Eine 100 Jahre lange Denkpause

Immerhin legten die ersten beiden Hirtenfeste den Keim zum Aufblühen des Tourismus im Berner Oberland – auch berühmte Gäste aus dem Ausland zeigten sich von der Alpenromantik wie magnetisiert. Doch es dauerte 100 Jahre bis zur Neuauflage des Fests im Jahr 1905, bei dem, wie auf dem Plakat angepriesen wurde, 200 Schwinger antraten: hundert Turner- und hundert Sennenschwinger. Für das Oberland ging es auch vor gut hundert Jahren darum, den Tourismus zu beleben. Man bemerkte, das Fest übe eine grosse Anziehungskraft aus. Beim Unspunnenfest ging es immer um eine Neuformung und Stärkung von Traditionen.

Bei der nächsten Austragung nach dem Zweiten Weltkrieg sprach Bundesrat Philipp Etter 1946 von einer «Generalmobilisation» des schweizerischen Geistes. Die Trachten aus allen Kantonen nahm er als Sinnbild für die Vielfalt der Schweiz, denn es gebe keine «Einheitstracht». Hier offenbare sich die Vision der schweizerischen Freiheit. «Wir Schweizer lassen uns nicht über einen Leist schlagen.» Massgebend sei jedoch nicht die Kleidung oder die Tracht, sondern die «Gesinnung, die innere Haltung».

«Unspunnen. Die Feste – die Geschichte», von Martin Sebastian; 320 Seiten, gegen 1000 Bilder; 48.–; ISBN Nr. 978-3-033-06007-4. (Der Bund)

Erstellt: 24.08.2017, 07:15 Uhr

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