«Oft fühlen sich Menschen machtlos und ausgeliefert»

Der 54-jährige Spitalseelsorger Thomas Wild betreut Menschen in schwierigen Lebenslagen – mit dem nötigen Fingerspitzengefühl.

Seelsorge gehört dazu: Thomas Wild vor der Insel-Notfallpforte.

Seelsorge gehört dazu: Thomas Wild vor der Insel-Notfallpforte. Bild: Adrian Moser

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Auf dem Dach des Inselspitals landet knatternd ein Helikopter aus den Bergen. Es ist nicht der erste an diesem Sonntag. Das gibt bestimmt viel zu tun für das Seelsorgeteam. Nein, sagt Thomas Wild. Der Spitalseelsorger trifft den Besuch im Büro unter dem Kirchlein, das sich zwischen den mächtigen Bauten rundherum ausnimmt wie eine Kulisse auf dem Gelände eines Filmstudios.

Die Einsätze des Seelsorgeteams korrespondierten nicht mit der Anzahl Helikopterflüge, sagt Wild. Und wenn, dann seien es in Akutsituationen eher die Angehörigen, die Beistand nötig hätten: Sie fühlten sich hilf- und machtlos und seien emotional instabil.

Die Hilfe der Spitalseelsorge ist immer stärker gefragt. Die Anzahl der Piketteinsätze hat sich in den letzten zwölf Jahren mehr als vervierfacht. Das erstaunt kaum, ist doch das Spital ein besonderer Ort. Menschen müssen akzeptieren, dass die Diagnose auf sich warten lässt, sie bleiben länger hospitalisiert als erwartet, es folgt eine lange Rehabilitationsphase, es besteht keine Aussicht auf Heilung oder es bleiben dauerhafte Schäden zurück.

Tingelt der Spitalseelsorger von Tür zu Tür, um mit den Patienten über den Glauben zu reden? Das sei längst nicht mehr so, sagt Wild. Man besuche die, die es wünschten. Wenn Patienten beim Eintritt bei der Religionszugehörigkeit keine Angaben machten, heisse das nicht immer, dass sie kirchenfern oder dem Spirituellen abgeneigt seien. Manchmal gehe ein Teammitglied kurz in ein Zimmer, damit die Patienten wüssten, dass es den Dienst gibt. «Die Leute können dann ein Gesicht damit verbinden», das sei hilfreich.

In einer Gesellschaft, in der es viele Agnostiker, Atheisten, Kirchenferne und Angehörige anderer Religionen gibt, sei die Seelsorge besonders gehalten, behutsam vorzugehen, sagt Wild. «Der Aufbau einer Beziehung ist das Wichtigste, die Konfession ist meist sekundär.»

Zwar gebe es Situationen, in denen ein traditioneller Katholik «seinen» Priester sehen wolle, der befugt sei, die Krankensalbung zu spenden, einst «letzte Ölung» genannt. Nach Wunsch verständigt das Team einen Imam, wenn ein muslimischer Patient dies wünscht. Oft aber sei es Angehörigen oder Patienten wichtiger, dass ihnen jemand zuhöre, dem sie vertrauen. Wobei Seelsorge mehr sei als nur Zuhören, wie Wild anfügt.

Als Seelsorger sei man eine Art Coach, der Angehörigen etwa helfe, nicht in Panik zu verfallen wegen des nahenden Todes eines Angehörigen. «Wir versuchen ihnen zu zeigen, dass sie für die kranke Person jetzt da sein können, mit ihr reden, die Hand halten.» Manche packe die Reue, wenn sie dies verpasst hätten, gelähmt von der Vorstellung, ohne den geliebten Menschen nicht weiterleben zu können.

Es gebe auch Patienten, die etwas plage, was sie dem Seelsorger anvertrauen wollten. «Oft klären sich Dinge im Gespräch», das gemeinsame Reden eröffne dem Kranken neue Perspektiven. Dabei erlebe er zuweilen Überraschungen, sagt Wild. Etwa bei dem todkranken Mann, der sich jeglichen Besuch eines Geistlichen verbat.

«Nicht jeder Mensch ist religiös, aber jeder hat Dinge, die ihm wichtig sind.»Thomas Wild, Spitalseelsorger

Da die Ehefrau Beistand wünschte, liess der Mann ihr zuliebe den Seelsorger ans Bett. Nach mehreren gemeinsamen Gesprächen wollte er den Pfarrer alleine bei sich haben und bat Wild, ein Gebet zu sprechen. «Mir fiel fast der Kinnladen herunter.» Der Mann hatte sich einst vom rigiden Gottesbild seiner Eltern abgewandt und fand nun einen neuen Zugang zum Spirituellen.

Manche Patienten meinen sich erklären zu müssen. «Ich bin schon gläubig, auch wenn ich selten zur Kirche gehe», höre er dann. Der Frömmigkeitsgrad spiele für den Zugang zum Menschen keine Rolle, sagt Wild. «Nicht jeder Mensch ist religiös, aber er hat Dinge, die ihm wichtig sind», darüber rede er mit ihm.

Manchmal bedeutet Seelsorge Vermittlung zwischen Angehörigen oder Partnern, etwa dann, wenn die Frau krank im Spital liegt, während der rüstige Rentner-Gatte Reisen unternimmt – schlechten Gewissens. Es sei hilfreich, wenn sich das Paar einig werde, dass er ein eigenes Leben führen und ihr sogar davon erzählen dürfe. Indem man unterschwellige Gefühle behutsam anspreche, löse sich manche Verkrampfung, sagt Wild.

Alle Porträts aus der Serie «Wieder Montag»: montag.derbund.ch (Der Bund)

Erstellt: 04.01.2016, 09:00 Uhr

Spitalseelsorge

Versorgung des ganzen Menschen

Rund 700 Piketteinsätze hat das Seelsorgeteam des Inselspitals im Jahr 2015 geleistet. Die Einsätze in lebensbedrohlichen und anderen akut kritischen Situationen fanden laut einer Mitteilung der Insel ausserhalb der regulären Arbeitszeit statt. Die Piketteinsätze haben kontinuierlich zugenommen. 2003 waren es noch 164, die Zahl hat sich somit innert zwölf Jahren mehr als vervierfacht.
Das Seelsorgeteam umfasst neun Theologinnen und Theologen mit insgesamt 600 Stellenprozenten.

In der «standardisierten» Seelsorge erfolgen die Einsätze auf Wunsch der Patienten oder auf Vorschlag der Pflegenden nach Rücksprache mit dem Patienten. Betreut werden Patienten mit breiter weltanschaulicher Verortung: vom tief gläubigen Menschen bis zum Atheisten.
Für frankofone Patienten gibt es einen eigenen Besuchsdienst, der von acht Bénévoles versehen wird. Das Spitalversorgungsgesetz verpflichtet Spitäler, eine professionelle Seelsorge sicherzustellen. Diese vermittelt auch Seelsorger anderer Konfessionen und Religionen. Thomas Wild ist reformierter Theologe, Pastoralpsychologe, Systemtherapeut und Co-Leiter der Seelsorge im Inselspital.
Markus Dütschler

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