Obdachlose Asylbewerber in Biel

Die Asylzentren im Kanton Bern sind überfüllt, einzelne Personen erhalten nicht einmal mehr ein Bett.

Die Plätze in den Bieler Asylzentren sind knapp.

Die Plätze in den Bieler Asylzentren sind knapp. Bild: Keystone

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Im Kanton Bern hat sich die Lage im Asylwesen derart verschärft, dass man nun von einer Krise sprechen muss. Unterdessen gibt es erste Asylsuchende, denen kein Dach über dem Kopf mehr angeboten werden kann. In Biel gelten momentan rund zehn Asylsuchende als obdachlos. Gemäss Philipp Rentsch, Geschäftsleiter der Organisation Asyl Biel und Region, handelt es sich ausnahmslos um Männer. Diese haben entweder ein 30-tägiges Hausverbot in einer Asylunterkunft hinter sich, sind aus der Haft entlassen worden oder galten eine Zeit lang als vermisst. «Wir machen das Möglichste, um ihnen einen Platz anzubieten. Doch unsere Kapazitäten sind ausgeschöpft», sagt Rentsch. Er betont: Familien, Kinder, ältere Menschen oder Kranke seien nicht betroffen – auch keine Personen, die neu in die Schweiz eingereist seien. Doch die Zahl der Neuankömmlinge lässt nicht nach. Rentsch befürchtet, dass schon bald auch für solche nicht mehr genügend Betten vorhanden sind.

Die anderen Betreiber von Asylzentren beobachten die Situation ebenfalls mit Besorgnis. «Wir haben eine massive Krise», sagt Daniel Röthlisberger, Geschäftsleiter ad interim der Heilsarmee Flüchtlingshilfe, die 14 Asylunterkünfte im Kanton Bern führt – insgesamt sind es 35. Laut kantonalem Migrationsdienst (Midi) liegt deren Auslastung aktuell bei 112 Prozent. Etwas mehr als 3500 Betten stehen zur Verfügung. Diese reichen aber schon seit einiger Zeit nicht mehr aus. Mehrere Hundert Personen sind anderweitig untergebracht: in Hotels, Wohnungen, Ferienhäusern, Passantenheimen oder bei Privaten.

Käser spricht von «Engpass»

Offenbar hat sich die Situation für eine Organisation, die im Kanton Bern Asylunterkünfte betreibt, derart zugespitzt, dass sie beim Midi Alarm geschlagen hat. Dem Vernehmen nach soll sie gefordert haben, es müssten sofort zusätzliche Betten geschaffen werden. Ansonsten könne nicht ausgeschlossen werden, dass neu zugewiesene Asylbewerber obdachlos würden. Dahinter steckt höchstwahrscheinlich die Firma ORS. Gestern war dort niemand für eine Stellungnahme erreichbar.

«Wir haben einen Engpass in diesen Tagen», räumt Polizeidirektor Hans-Jürg Käser (FDP) ein. Wenn Mitte Dezember die Zeltunterkunft in Lyss mit 250 Plätzen abgebaut wird, könnte sich die Situation nochmals verschärfen. In Münchenbuchsee und Tramelan werden demnächst zwar neue Unterkünfte eröffnet, weitere werden aber erst im Januar folgen – namentlich in Bremgarten, Rubigen und Schwarzenburg. Daher hat Käser Kontakt mit dem Bund aufgenommen, damit dieser im Dezember den Kanton Bern weniger belastet. Der Regierungsrat verlangt, dass während zwei Wochen noch halb so viele Asylbewerber zugewiesen werden – also etwa 110. Derzeit sind es rund 220, mehr als doppelt so viele wie im Sommer.

Käser bedauert, dass es bereits zu Fällen von Obdachlosigkeit gekommen ist. «Das ist nicht das, was wir wollen.» Es sei aber nicht so, dass jemand bei Minustemperaturen unter einer Brücke schlafen müsse. Philipp Rentsch von Asyl Biel und Region sieht es gleich. Er geht davon aus, dass sicher ein Teil der Leute nachts bei Kollegen unterkommt, andere in Notschlafstellen. Die Betroffenen befänden sich schon eine gewisse Zeit in der Schweiz und hätten ein Netzwerk aufbauen können. Ihnen wird zudem ein Sozialgeld abgegeben, das beträgt seit kurzem 30 Franken pro Tag. Damit müssen Unterkunft und Verpflegung finanziert werden. Das Geld wird jeweils für eine Woche ausbezahlt.

Grüne: Käser ist «gescheitert»

Für Natalie Imboden, Co-Präsidentin der Grünen Kanton Bern, ist die Situation dennoch unhaltbar: «Es ist eine Katastrophe, dass der reiche Kanton Bern nicht genügend Kapazitäten bereitstellen kann.» Schon Anfang 2013 habe der Grosse Rat eine Motion der Grünen überwiesen, die genügend Asylunterkünfte verlangt habe. Seither sei viel zu wenig gegangen. «Herr Käser ist gescheitert. Er ist der Situation nicht gewachsen», sagt Imboden. Käser fehle es an Willen und Überzeugungskraft, zusammen mit den Gemeinden Lösungen zu finden. Es brauche eine Taskforce.

Käser weist die Kritik zurück: «In letzter Zeit ist sehr viel passiert. Seit September wurden 700 zusätzliche Plätze im Kanton Bern geschaffen», sagt er. (Der Bund)

Erstellt: 28.11.2015, 10:21 Uhr

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