«Nie wieder ein bernisches Moutier»

Freud und Leid lagen gestern in Moutier nahe beieinander. Während die Projurassier ausgelassen feierten, trafen sich die enttäuschten Proberner in aller Stille.

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Langsam wird die in der prallen Sonne wartende Menge ungeduldig. Seit mehreren Stunden warten die Projurassier vor ihrem traditionellen Versammlungsort, dem Hôtel de la Gare, auf das Abstimmungsergebnis. Alle Plätze im kühlen Schatten sind schon lange vergeben. Das rot-weisse Wappen des Kantons Jura ist omnipräsent: auf stolz geschwenkten Fahnen, aufgemalt auf Gesichter oder aufgedruckt auf Kleidungsstücken. Einige haben auch bewusst für diesen Anlass rote und weisse T-Shirts und Hosen kombiniert. Bier ist das quasi obligatorische Getränk für die Projurassier – ob aus der Flasche oder aus der Dose macht keinen Unterschied. Einzelne bahnen sich bereits am Nachmittag wankend einen Weg durch die Menge. Es ist schliesslich 17.20 Uhr, als die Menge in lauten Jubel ausbricht, es wird gepfiffen und geklatscht. Schon bald skandieren die Projurassier: «Moutier bernois plus jamais» und «On est chez nous». Beim gemeinsamen Singen der jurassischen Hymne, der «Rauracienne», reichen sich die Projurassier die Hände.

Tränen bei den Probernern

Trotz der grossen Freude über den Kantonswechsel ist vielen, insbesondere jungen Leuten, auch eine Last abgefallen. «Das Thema muss jetzt aufhören, es nervt», sagt eine Gruppe junger Erwachsener. Sie sind froh, dass der Jura-Konflikt nach jahrzehntelangen Diskussionen nun gelöst ist. Ältere Projurassier, die die Auseinandersetzungen in Moutier in den vergangenen Jahrzehnten miterlebt haben, sind da anderer Meinung: «Der Kampf muss weitergehen, aber pazifistisch und respektvoll», sagt ein Bewohner Moutiers. Unabhängig vom Alter wird immer wieder die kulturelle, sprachliche und historische Nähe zum Kanton Jura als ausschlaggebend für den Entscheid der Bevölkerung genannt.

Ein sehr knappes Ergebnis haben beide Seiten erwartet. Die Proberner, die sich im Forum de l’Arc – westlich in rund zwei Kilometern Laufdistanz zu den Projurassiern – versammelt haben, sind sichtlich enttäuscht, einzelne brechen sogar in Tränen aus. Einigen fällt es schwer, ihre Gefühle in Worte zu fassen. Die Reaktionen fallen in den meisten Fällen nur sehr knapp aus: «traurig», «enttäuscht», «frustriert» und «unverständlich». «Mit einem Wechsel kann Moutier nur verlieren» oder «Moutier im Kanton Jura wird eine verlassene Stadt sein», befürchten die Proberner. Patrick Röthlisberger, Präsident der FDP von Moutier und dem Berner Jura, beschwichtigt zuerst einmal: «Auch morgen sind wir noch nicht jurassisch.» Denn bis zum Kantonswechsel stehen nun Verhandlungen an, die sich einige Jahre ziehen können. Die Proberner wollen jetzt abwarten, wie es in Moutier weiter geht und ob sich die Versprechungen der jurassischen Regierung erfüllen. Ein Sympathisant aus St. Imier ist sehr skeptisch: «Die Bewohner von Moutier werden den Kantonswechsel bereuen», sagt er.

Friedlicher Abstimmungssonntag

Dass einige Projurassier mit dem gestrigen Ergebnis der Abstimmung erneut Gemeinden aus dem Berner Jura zum Kantonswechsel ermuntern wollen – der Übergang von Moutier soll als verlockendes Modell dienen –, ärgert Röthlisberger. Das sei untragbar. Aus seiner Sicht ist Moutier «eine gespaltene und tief verletzte Stadt». Proberner und Projurassier berichten von starken Spannungen im Vorfeld des Abstimmungssonntags, die sich in den sozialen Netzwerken entladen haben. Persönliche Diskussionen seien allerdings respektvoll verlaufen. Jedenfalls wurden gestern Sonntag in Moutier keine Zusammenstösse zwischen Probernern und Projurassiern gemeldet.

Während die Gegner des Kantonswechsels von Moutier im Forum de l’Arc still bei Bier und Würstchen zusammensitzen und bereits am frühen Abend Tische und Bänke zusammenstellen, fahren die Projurassier hupend und mit wehenden Jura-Fahnen immer wieder die Hauptstrasse entlang. «Heute feiern wir», rufen sie. (Der Bund)

Erstellt: 19.06.2017, 06:56 Uhr

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