Angehende Pflegefachleute kritisieren Ausbildung

Das Berner Bildungszentrum Pflege bildet in Thun und Bern Hunderte künftige Pflegekräfte aus. Ein grosser Teil von ihnen ist mit der Ausbildung unzufrieden.

Der neue Campus des Bildungszentrums Pflege in Ausserholligen ist seit 2011 in Betrieb.

Der neue Campus des Bildungszentrums Pflege in Ausserholligen ist seit 2011 in Betrieb. Bild: Franziska Rothenbühler

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Rund die Hälfte der Studierenden des Berner Bildungszentrums Pflege (BZ) würde die Ausbildung nicht weiterempfehlen. Dies geht aus der jährlich durchgeführten Evaluation des Bildungszentrums hervor, welche dem «Bund» vorliegt. Eine Studentin des BZ Pflege, welche nicht namentlich genannt werden möchte, erklärkt, warum sie nicht zufrieden ist: «Einige Lehrpersonen haben keinen Bezug mehr zur Praxis, und viele externe Dozenten sind didaktisch unfähig.»

Das BZ Pflege entstand 2007 aus dem Zusammenschluss von sieben Berner Einrichtungen, welche Pflegerinnen und Pfleger ausbildeten. Es ist das grösste Pflegebildungszentrum der Schweiz auf tertiärer Bildungsstufe.

Zu schaffen machen den Studentinnen und wenigen Studenten vor allem die naturwissenschaftlichen Fächer wie Anatomie, Physiologie oder Pathologie. Obwohl ihre Lektionenzahl in den letzten Jahren erhöht wurde, bereitet das Auswendiglernen von Knochen und Krankheiten in kurzer Zeit vielen Studierenden Mühe. «Für diese Fächer haben wir schlicht zu wenig Zeit», sagt die Studentin, welche den Campus in Ausserholligen besucht. Hingegen werde anderen, weniger relevanten Fächern viel Platz im Stundenplan eingeräumt. Sie habe generell den Eindruck, dass die einzelnen Module schlecht aufeinander abgestimmt seien, so die unzufriedene Studentin. Der BZ Pflege wirft sie insgesamt ein schlechtes Qualitätsmanagement vor: «Die Probleme sind seit Jahren bekannt, doch passiert ist nichts.»

Direktor räumt Fehler ein

«Die tiefe Zufriedenheit unserer Studierenden ist ein Thema, das uns seit der Fusion hartnäckig verfolgt», sagt Peter Marbet, Direktor des BZ Pflege und SP-Stadtrat. Laut ihm sind die Gründe dafür vielfältig. So seien manche Lehrpläne erst seit kurzem in Kraft und müssten noch optimiert werden. Marbet räumt aber auch Fehler ein: «Wir haben uns anfangs bei den Lehrpersonen zu sehr vom Uni-Prinzip leiten lassen», sagt der Direktor. Man habe die Organisation nur nach fachlichen Kriterien aufgebaut – mit dem Effekt, dass in jedem Studiengang im Verlauf der dreijährigen Ausbildung alle 110 Lehrpersonen unterrichten. Nun strebt die Leitung des BZ Pflege – auch aufgrund der ausgewerteten Evaluationen – wieder eine engere Bindung der Studierenden an ihre Lehrpersonen an. Künftig soll eine Gruppe von Lehrpersonen den Grossteil des Unterrichts eines Studiengangs abdecken.

Sparen und fusionieren

Die Kritik am Unterricht der naturwissenschaftlichen Fächer hat Marbet ebenfalls zur Kenntnis genommen. Zwar hat man am BZ Pflege unterdessen die Anzahl der Lektionen deutlich erhöht. Ein Problem sei aber auch, «dass viele der externen Dozenten gleich unterrichten wie an der Uni», sagt Marbet. In Gesprächen sollen diese dazu bewegt werden, ihren für Medizinstudenten ausgelegten Unterricht entsprechend anzupassen. «Da wir aber auf ihr Fachwissen angewiesen sind, können wird dieses Problem wohl nie ganz ausmerzen», sagt Marbet.

Auch die Praxisferne einiger interner Lehrpersonen ist der Leitung des BZ Pflege bekannt. Die Schule bietet deshalb allen Lehrpersonen die Gelegenheit, eine Woche in Pflegeeinrichtungen zu verbringen und damit ihren Praxisbezug aufzufrischen.

Mit dem Kanton ist das BZ Pflege über einen Leistungsvertrag verbunden. Jährlich fliessen so rund 35 Millionen Franken in die Ausbildung künftiger Pflegekräfte. Bei der Erziehungsdirektion ist das Problem der unzufriedenen BZ-Studierenden ebenfalls seit längerem bekannt: «Wir nehmen das sehr ernst», sagt Theo Ninck, Vorsteher des Mittelschul- und Berufsbildungsamts. «Das Problem besteht aber seit der Fusion und kann nicht einfach auf die Dozenten und Lehrpersonen abgeschoben werden.» Neben der Fusion hätten auch die vielen Veränderungen zur jetzigen Unruhe geführt: Ablösung des alten Diplomlehrgangs, Umzug nach Ausserholligen und Beibehaltung des Standorts in Thun aus regionalpolitischen Gründen. Dass die Studierenden nun keine Alternative mehr hätten, dürfte sich wohl ebenfalls negativ auf die Zufriedenheit auswirken.

Und dann gibt es noch politische Gründe: «Durch die Fusion hat der Kanton Bern Geld gespart und so die von der Politik geforderten Sparmassnahmen umgesetzt», sagt Ninck. (Der Bund)

Erstellt: 10.01.2019, 06:30 Uhr

Über 1400 Lernende

Das Bildungszentrum Pflege bietet im Auftrag des Kantons Bern Studiengänge für die Pflegeausbildung auf Stufe Höhere Fachschule (HF) an sowie Nachdiplomstudiengänge und Nachdiplomkurse. Es entstand 2007 durch die Fusion sechs anerkannter Pflegeschulen.

Mit über 1400 Studierenden ist es das grösste Pflegebildungszentrum auf tertiärer Bildungsstufe in der Schweiz. Der Grossteil der Studierenden besucht den 2011 eröffneten Campus in Bern Ausserholligen, der Rest den Standort in Thun. Bemerkenswert ist der Geschlechterunterschied: Von 1400 Studierenden waren 2017 nur 157 Männer. Nebst eigenen Lehrkräften unterrichten rund 400 externe Dozenten am BZ Pflege.

Mit dem Diplomabschluss können die Absolventinnen und Absolventen in allen Bereichen der Pflege arbeiten. Träger des Berner BZ Pflege sind die Stiftungen Inselspital, Lindenhof, Diaconis und Pflegebildung Seeland sowie der Verband Berufsbildung Pflege Berner Oberland. (ama)

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