Neues Unterstützungsmodell für Behinderte ist startbereit

Der Kanton Bern macht vorwärts mit der Umsetzung des neuen Behindertenkonzepts, das behinderten Menschen ein möglichst selbstbestimmtes Leben ermöglichen soll.

Ist Bern ein behindertengerechtes Pflaster? Der Kanton will bessere Angebote schaffen.

Ist Bern ein behindertengerechtes Pflaster? Der Kanton will bessere Angebote schaffen. Bild: Adrian Moser

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Am 1. Januar startet er - vorerst zugunsten von 80 Behinderten - ein neues Unterstützungsmodell. Das neue Behindertenkonzept soll behinderten Menschen ein selbständigeres Leben ermöglichen.

Gemäss diesem Modell werden nicht mehr primär jene Institutionen unterstützt, welche Behinderte beschäftigen oder in denen sie wohnen. Vielmehr will der Kanton künftig primär jedem Behinderten die Kosten für jene Leistungen bezahlen, welche er fürs Leben braucht.

Um diesen individuellen Betreuungs- und Pflegebedarf überhaupt feststellen zu können, brauchte es ein neues Instrument. Dieses liegt nun vor, heisst VIBEL und wird von einer neuen, unabhängigen Stelle namens IndiBE verwendet. Das gab der Kanton Bern am Montag in den Räumlichkeiten einer Behinderteninstitution in Oberhofen bekannt.

VIBEL bedeutet «Verfahren zur individuellen Bedarfsermittlung und Leistungsbemessung». Es sei nun schon 700-mal zur Abklärung der Bedürfnisse von Behinderten angewendet worden und somit praxistauglich, «validiert».

Selbsteinschätzung der Behinderten

VIBEL bedeutet gemäss den Ausführungen vom Montag, dass die Bedürfnisse von Behinderten nach einem standardisierten Verfahren abgeklärt werden, wobei der Prozess mit einer Selbsteinschätzung der Behinderten selber beginnt.

Danach kommen laut IndiBE-Geschäftsleiterin Therese Zbinden auch Institutionen und Angehörige der Behinderten zu Wort. Nach einer Befragung der Behinderten nimmt IndiBE schliesslich eine Plausibilisierung vor und erstellt ein Gesamtbild.

Mehrfach hiess es an der Medienkonferenz, besonders positiv sei, dass nicht Defizite der Behinderten im Zentrum stünden, sondern wo diese Hilfe brauchten.

Marianne Eicher, Mutter eines Mannes mit Behinderung, sagte, sie sei überzeugt, dass das neue, auf VIBEL basierende Unterstützungsmodell für mehr Gerechtigkeit und Wahlfreiheit der Behinderten sorgen werde. Für sie als Angehörige bedeute das neue Modell auch, dass sie nun ihre Betreuungsarbeit teilweise verrechnen könne.

Den bernischen Steuerzahler soll das neue Modell nicht mehr kosten als das bisherige: Die kantonale Gesundheits- und Fürsorgedirektion hat den Auftrag, das Modell kostenneutral umzusetzen.

Das neue Modell weise nach der Auswertung der ersten 700 Abschätzungen sowohl kostentreibende als auch kostensenkende Elemente auf. Das sagte Claus Detreköy, Leiter der Abteilung Erwachsene im Alters- und Behindertenamt des Kantons Bern.

Noch im Jahr 2016 sollen 500 weitere Behinderte gemäss dem neuen Modell finanzielle Unterstützung erhalten, ab 2017 weitere 1000. Der Kanton Bern sprach am Montag in einer Medienmitteilung von einem «Meilenstein» bei der Umsetzung des Behindertenkonzepts.

Wegen neuer Aufgabenteilung Bund-Kantone

Im Jahr 2011 genehmigte der Bundesrat das neue bernische Behindertenkonzept. Der Bund hatte zuvor von allen Kantonen verlangt, ein solches zu erarbeiten. Dies, nachdem wegen der Neugestaltung des Finanzausgleichs und der Aufgabenteilung zwischen Bund und Kantonen (NFA) die Verantwortung im Behindertenbereich auf die Kantone übergegangen war.

Schon damals kündigte der Kanton Bern an, dass er die Abgeltung der Leistungen künftig konsequenter nach dem individuellen Bedarf der einzelnen Betroffenen ausrichten werde. Er sprach auch von einer «Subjektfinanzierung».

Mängel weist das neue Konzept laut Detreköy etwa noch bei der Abklärung der Bedürfnisse geistig Behinderter auf. Man arbeite an Verbesserungen. Der Kanton Bern spiele mit VIBEL schweizweit eine Pionierrolle.

Ueli Affolter, Geschäftsführer des Verbands sozialer Institutionen des Kantons Bern (socialbern), sagte, viele dieser Institutionen seien anfangs skeptisch gewesen. Heute erachte socialbern den eingeschlagenen Weg aber als zielführend. Noch blieben aber Herausforderungen. (hjo/sda)

Erstellt: 23.11.2015, 16:48 Uhr

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