Nach dem Debakel von Meinisberg wirkt Wileroltigen regelrecht günstig

Der Platz für ausländische Fahrende bei Wileroltigen dürfte weniger als halb so viel kosten wie das gescheiterte Projekt in Meinisberg. Damit entfällt das Hauptargument der Gegner.

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Das Bundesamt für Strassen (Astra) ist bereit, dem Kanton Bern an der A 1 bei Wileroltigen eine Parzelle für einen definitiven Halteplatz für ausländische Fahrende zu überlassen: Mit dieser Neuigkeit weckt Justizdirektor Christoph Neuhaus (SVP) auch Erinnerungen an den sehr durchzogenen Fall Meinisberg.

«Für den Kanton Bern ist es das Spiel der letzten Chance.»Regierungsrat Christoph Neuhaus

Dort scheiterte letzten Sommer der letzte grosse Anlauf des Kantons Bern, einen für ausländische Fahrende bestimmten Halteplatz zu schaffen – einen sogenannten Transitplatz. Das Getöse war damals gross, nicht nur vor Ort im Seeland, sondern auch im Grossen Rat. Im Kantonsparlament versagten selbst jene Parteien Neuhaus die Gefolgschaft, die sonst leicht für ein Engagement zugunsten von Minderheiten zu gewinnen sind.

Von «untragbar» teuren Plänen . . .

Quasi unisono begründete der Grosse Rat die Rückweisung der Neuhaus’schen Pläne mit den Kosten: Ein 9,3 Millionen Franken teures Platzprojekt sei schlicht nicht zu rechtfertigen. Neuhaus fasste den Auftrag: Machs günstiger.

Stellt sich also die Frage: Wird der Platz in Wileroltigen tatsächlich günstiger – oder nur eine Neuauflage des Meinisberg-Debakels? Eine erste Antwort darauf lässt sich per Taschenrechner ermitteln: Anders als in Meinisberg werden in Wileroltigen keine archäologischen Notgrabungen, keine Wand zum Schutz vor Schiesslärm, keine Grunderschliessung mit Strom und Wasser erforderlich sein. Das Wileroltiger Astra-Areal ist bereits erschlossen. Somit fallen jene «standortspezifischen Kosten» weg, die der Kanton im Falle von Meinisberg mit 4,3 Millionen beziffert hatte.

. . . zur halb so teuren Offerte

9,3 – 4,3 = 5 Millionen Franken. Darf man so simpel rechnen? Die Nachfrage des «Bund» bei Regierungsrat Christoph Neuhaus ergibt: durchaus, denn er geht sogar von einer noch günstigeren Lösung aus und schätzt, dass sich die Erstellungskosten auf rund vier Millionen Franken belaufen dürften, wobei zu berücksichtigen ist, dass das Gelände in Wileroltigen deutlich mehr Gespanne aufnehmen kann. Ging der Kanton beim 9,3-Millionen-Franken-Projekt von Meinisberg noch von Raum für 40 Gespanne aus, könnten es in Wileroltigen leicht deren 60 werden.

Neuhaus spricht übrigens vom «Spiel der letzten Chance» für den Kanton Bern. Scheitere auch dieser Anlauf für einen definitiven Platz für ausländische Fahrende, werde die Lage noch auf Jahre hinaus unbefriedigend bleiben.

Wären denn mit dem Platz die Probleme gelöst? Laut Neuhaus sei die Suche nach weiteren Haltemöglichkeiten – insbesondere im Raum Biel – so oder so noch nicht vom Tisch. Er hält sich aber bedeckt bei der Frage, wo sondiert wird. Gemäss den Recherchen des «Bund» sind die Anstalten Witzwil eine ernsthafte Option, besitzt doch der Kanton Bern dort rund 900 Hektaren eigenes Land.

Zum Platz in Wileroltigen sieht das Drehbuch vor, dass sich Neuhaus am 14. August der lokalen Bevölkerung stellen wird. Ihm wird dabei ohne Zweifel ein recht rauer Wind entgegenwehen. Bis der Grosse Rat ein konkretes Projekt vorgelegt bekommt, wird es noch Monate dauern. Zu guter Letzt wird das Volks entscheiden. (Der Bund)

Erstellt: 18.07.2017, 06:58 Uhr

Der «Abwart» von Wileroltigen

Wileroltigen wird auch zum Testfall dafür, was Fahrende zur Lösung von Konflikten auf dem Platz beitragen können.

Nicht nur in Wileroltigen, auch auf dem derzeit von gegen 500 Fahrenden aus Spanien, Frankreich und der Schweiz besetzten Areal selbst liegen die Nerven zeitweilig blank. Insbesondere Verunreinigungen in den umliegenden Feldern ärgern die Anwohner – und viele der Fahrenden. Mitten unter ihnen steht Andreas Geringer, selber Fahrender, aber diesmal in besonderer Mission. Er wirkt als Vermittler zwischen Behörden und Fahrenden.

Und er hat zusätzlich vom Bundesamt für Strassen (Astra) das Mandat erhalten, als «Abwart» auf dem Platz zu wirken, als Abwart mit direktem Draht zur Gemeinde, zur Grundeigentümerin, zum Kanton und zur Polizei. Geringer ist fast jeden Tag auf dem Platz, treibt Depotzahlungen ein, organisiert die Abfallentsorgung – und vermittelt zwischen den verschiedenen und oft gegensätzlichen Gruppen der Fahrenden: Es brauche besonders dann viel Vermittlung, wenn Gruppen ankämen, die mit den hiesigen Regeln nicht vertraut seien. An die Grenzen komme er dann, wenn es Übergriffe von Aussenstehenden gebe. So sei etwa der neue Wohnwagen eines frisch vermählten Paars durch Steinwürfe beschädigt worden: «Das war sehr schmerzhaft.»

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