Musizieren statt Mathe büffeln

Wer zur Schule geht und zugleich auf Musik setzt, kann künftig für einzelne Lektionen vom Schulunterricht dispensiert werden. Doch die neuen Regeln bergen Tücken.

Wenn fürs Tuten und Blasen gar keine Zeit mehr bleibt, erlaubt die Erziehungsdirektion neu Schuldispense.

Wenn fürs Tuten und Blasen gar keine Zeit mehr bleibt, erlaubt die Erziehungsdirektion neu Schuldispense.

(Bild: Thomas Burla (Archiv))

35 Lektionen oder 26 Stunden – so lange wird ein Siebtklässler nach den Sommerferien im Schnitt pro Woche an der Schule unterrichtet. Das sind, je nach Ferienkalender und Fächerkombination, zwischen zwei und acht Lektionen mehr als heute. Das Schulpensum eines dreizehnjährigen Kindes wird ab Sommer somit in etwa einem 60-Prozent-Pensum eines erwachsenen Arbeitnehmers entsprechen – Freifächer und Hausaufgaben nicht eingerechnet. Die höhere Lektionenzahl ist eine direkte Folge des Lehrplans 21. Sie betrifft alle Schulstufen. Auch die jüngeren Kinder werden mehr Lektionen haben als heute.

Musiklehrer wehren sich

Dieser Umstand hat bereits vergangenen Sommer die bernischen Musikschulen und deren Lehrerinnen und Lehrer auf den Plan gerufen. In diversen Briefen an die Erziehungsdirektion haben sie darauf hingewiesen, dass es vielen Schülerinnen und Schülern aufgrund der längeren Präsenzzeiten an der Schule ab dem neuen Schuljahr nicht mehr möglich sein werde, den Unterricht an der Musikschule zu besuchen.

Auf das neue Schuljahr hin hat die Erziehungsdirektion nun reagiert: Ab Sommer werden Schulleitungen jene Schülerinnen und Schüler, welche aufgrund des Musikschulbesuchs auf eine hohe wöchentliche Lektionenzahl kommen, für einzelne Lektionen vom obligatorischen Unterricht dispensieren können. Dies ist in den allgemeinen Hinweisen und Bestimmungen zum Lehrplan 21 festgehalten. Nebst den Musikschülern betrifft dies auch Schulkinder, die zusätzlich zum obligatorischen Unterricht Fakultativfächer wie Italienisch oder andere Angebote der Schule besuchen. Und zwar auf allen Schulstufen.

Beim Verband der bernischen Musikschulen freut man sich über «diesen Schritt in die richtige Richtung», wie Präsidentin Nicola von Greyerz sagt. «Mit dem Lehrplan 21 schliessen sich viele Zeitfenster, während derer die Kinder frei haben. Wir verzeichnen bereits Abmeldungen an einzelnen Musikschulen, weil Schüler und Lehrer keine gemeinsame Unterrichtszeit gefunden haben. Deshalb ist die Dispensationsmöglichkeit wirklich nötig.» Das Problem, dass insgesamt auch weniger Zeit fürs Üben eines Instruments bleibt, sei damit aber noch nicht gelöst.

Und die Theaterschüler?

Nebst den Musikschülerinnen und -schülern dürfen sich laut den neuen Bestimmungen des Lehrplans auch jene Kinder vom obligatorischen Unterricht dispensieren lassen, die ein schuleigenes Fakultativfach besuchen. Führen Theater-, Töpfer- und Tanzkurse also auch zur Möglichkeit, reguläre Lektionen fallen zu lassen? Für Erwin Sommer, Leiter des Amts für Volksschule bei der Erziehungsdirektion, ist das nicht «so eindeutig». Im Prinzip sei dies zwar so formuliert.

Grundsätzlich würden aber die Schulleitungen Dispensationsgesuche «individuell und in eigenem Ermessen» beurteilen und bewilligen. Die Dispensation vom obligatorischen Unterricht sei «die Ausnahme, denn nicht alle wollen oder brauchen eine Kompensation.» Die Schulleitungen müssten sich zudem an die Vorgaben der Erziehungsdirektion halten: «Die Dispensation ist nur für Schüler möglich, welche auch mit reduziertem Pensum mehr als die Grundansprüche des Fachs erreichen können, in welchem sie sich dispensieren lassen wollen.»

Und: «Es darf nicht sein, dass die Schüler ein unbeliebtes Fach oder einen unbeliebten Lehrer mithilfe dieser neuen Dispensationsmöglichkeit abwählen.» Zudem sei die Absicht, die Dispensation während der Unterrichtszeiten zu gewähren – und nicht einfach als Zeit zum Ausschlafen.

Die Abhängigkeit vom guten Willen der Schulleitungen bei der Bewilligung eines Gesuchs stört Musikschulverbandspräsidentin Nicola von Greyerz: «Ich fürchte, dass es Schulleitungen geben wird, die aus Angst vor zu grosser Unruhe kein Gesuch bewilligen werden.» Die Musikschulen wollten jetzt aber einmal abwarten und im nächsten Sommer Bilanz ziehen.

Nicht nur für Talente

Hans Peter Hess, Geschäftsführer des Verbands der Bernischen Musikschulen, sagt, dass die Dispensationsmöglichkeit allen Musikschülern offen stehen soll und nicht nur den talentierten. Insgesamt 20'000 Kinder und Jugendliche besuchen im Kanton Bern eine Musikschule – der grösste Teil im schulpflichtigen Alter. «Wir hoffen, dass im ersten Semester 100 Kinder von der Möglichkeit zur Dispensation Gebrauch machen werden. Dann hätten wir bewiesen, dass die Dispensationsmöglichkeit wirklich nötig ist. Fantastisch wäre, wenn die Zahl später auf mindestens 10 Prozent, also 2000 Schülerinnen und Schüler, steigen würde.»

Der Bund

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt