Münsingen sucht einen Ausweg

Eine neue Strasse – wie derzeit in Münsingen geplant – könne Verkehrsprobleme meist nicht allein lösen, sagt ein Experte. Es brauche zusätzliche Massnahmen.

Urs Siegenthaler (links) und Christoph Maurer wehren sich gegen die Entlastungsstrasse Nord.

Urs Siegenthaler (links) und Christoph Maurer wehren sich gegen die Entlastungsstrasse Nord.

(Bild: Franziska Rothenbühler)

Simon Wälti

Knattert, brummt und dröhnt eine Blechlawine durch den Ortskern, so wird der Ruf nach einer Umfahrungs- oder Entlastungsstrasse laut. In Münsingen ist der Verkehr schon seit Jahrzehnten ein kontroverses Thema. 18'300 Fahrten wurden zuletzt gezählt, im Jahr 2030 wären es nach den Verkehrsprognosen um die 20'000. Am 24. September wird über ein Projekt abgestimmt, das das Problem mit den vielen Autos, Lieferwagen und Lastwagen zumindest entschärfen soll. Die Fragen seien immer die gleichen, sagt Professor Kay W. Axhausen vom Institut für Verkehrsplanung und Transportsysteme an der ETH Zürich. «Wie viel Lärm und Störung will man im Zentrum akzeptieren, wie viel Grünraum ist man bereit für eine Umfahrung aufzugeben?» Häufig verstärkten neue Strassen aber auch die Tendenz zum Bau weiterer Siedlungen. Um die unterschiedlichen Interessen unter einen Hut zu bringen, verlegt man den Verkehr unter den Boden. «In vielen Fällen kommt eine Tunnellösung heraus», sagt Axhausen. Ein aktuelles Beispiel dafür ist die Umfahrung Worb. In Bern wurde 2009 der Neufeldtunnel eröffnet, der die Länggasse merklich vom Durchgangsverkehr entlastet. In Münsingen dagegen verläuft die geplante Strasse oberirdisch.

Besonders beliebt sind Tunnel beim Autobahnbau, so etwa bei der Transjurane oder bei der Westumfahrung Zürich. Doch Tunnelbauten sind teuer. Laut Axhausen sind die Kosten für einen Kilometer Nationalstrasse auch deshalb seit Mitte der 1990er-Jahre «um den Faktor zwei bis drei» in die Höhe geschnellt.

Immer noch viel Verkehr

Die Planer rechnen damit, dass dank der neuen Strasse im Jahr 2030 noch rund 14'000 Fahrzeuge durch das Zentrum von Münsingen fahren werden. Das sei immer noch viel Verkehr, sagt Professor Claudio Büchel von der Hochschule für Technik in Rapperswil. «Eine Umfahrung allein löst das Problem meist nicht.» Grundsätzlich sei es so, dass neue Kapazitäten auch neuen Verkehr anzögen. Die Auswirkungen sind aber von Projekt zu Projekt sehr unterschiedlich. Es brauche zudem flankierende Massnahmen im Zentrum, die Planung dafür müsse Hand in Hand erfolgen. «Am besten sollten die Baumaschinen dafür gleich am Tag nach der Eröffnung der neuen Strasse auffahren», sagt Claudio Büchel.

Die Gemeinde Münsingen hat als Ziel formuliert, die Ortsdurchfahrt im Anschluss an die Entlastungsstrasse zu sanieren. Zudem ist die neue Strasse gar nicht für den Transitverkehr geplant. Mehrverkehr aufgrund der neuen Strasse hält die Gemeinde deshalb für unwahrscheinlich. Verbesserungen sollen vor allem für die Bewohner der westlichen Quartiere erreicht werden. Die neue Strasse bringe auch dem Ortsbus «entscheidende Vorteile». Dieser bleibt heute häufig im Stau stecken und kann den Fahrplan nicht einhalten.

«Es braucht einen Kümmerer»

Attraktivität und Lebensqualität im Dorfkern sind in vielen Gemeinden der Region Bern ein zentrales Thema. Grosse Einkaufszentren am Siedlungsrand setzen das lokale Gewerbe im Ortskern unter Druck. Für Lukas Fischer vom Beratungsunternehmen Metron sind zur Entwicklung der Ortskerne in erster Linie engagierte Gemeindevertreter in Politik und Verwaltung notwendig. «Es braucht einen Kümmerer, der auch zehn oder zwölf Jahre durchziehen kann.» Allerdings sei das Verhalten der Bürgerinnen und Bürger manchmal auch widersprüchlich. «Sie kaufen im Shoppingcenter oder in der Stadt ein und bedauern es, wenn das lokale Gewerbe verschwindet.»

Der Bund

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