Möglichst lange individuelle Ferien machen

Hotelspitex ermöglicht älteren Menschen das Reisen. Die Tourismusbranche freut dies. Weil niemand auf Seniorenangebote reagiert, bewirbt sie schon 40-Jährige als «Best Agers»,

Katalin Krasznai Anderko geniesst bei einem frischgepressten Saft die Aussicht im Hotel Eden in Spiez.

Katalin Krasznai Anderko geniesst bei einem frischgepressten Saft die Aussicht im Hotel Eden in Spiez.

(Bild: Franziska Rothenbühler)

Naomi Jones

«Treppen sind mein Feind», sagt die ältere Dame mit ungarischem Akzent. Mit beiden Händen hält sie sich an den Handläufen fest und klettert in den Zug. Eigentlich hätte Katalin Krasznai Anderko heute in die Ferien fahren wollen. Es wären ihre ersten Ferien gewesen, seit ihr Mann vor eineinhalb Jahren gestorben war. Aber dann hatte sie eine Grippe und musste die Ferien kurzfristig verschieben. Nun ist sie auf dem Weg zur Besserung und unternimmt einen Ausflug nach Spiez. Hier wird sie über ihre Ferienpläne erzählen und sich für später das Hotel Eden anschauen. Denn dass die 74-jährige Witwe alleine Ferien planen kann, ist keine Selbstverständlichkeit. Sie ist auf Spitex-Hilfe angewiesen, um am Morgen die Stützstrümpfe anzuziehen. Die Stiftung Claire und George vermittelt ihr das Hotel und die nötige pflegerische Unterstützung.

Der grösste Teil ihrer Kunden seien Paare im Rentenalter, von denen ein Partner Hilfe der Spitex benötige, sagt die Geschäftsleiterin und Gründerin Susanne Gäumann. Ein kleinerer Teil der Kunden reise wie Krasznai alleine. Auch relativ stark behinderte Menschen könnten dadurch unabhängig Ferien machen.

Stiftung organisiert Fahrdienste

Die Stiftung arbeitet derzeit mit 45 Hotels in der Schweiz zusammen. Die Hotels zahlen pro Gast eine Vermittlungsgebühr. Dadurch finanziert sich die Stiftung ihren Aufwand, der für die Kunden gratis ist. Denn Claire und George verhandelt mit den Spitex-Anbietern am Ferienort. Wenn nötig lässt die Stiftung ein Elektrobett ins Hotel bringen. Oder sie organisiert Fahrdienste und Spazierbegleitung von Pro Senectute. Die Pflegeleistungen werden wie zu Hause von der Krankenkasse und der Wohngemeinde übernommen. Bei Ferien ausserhalb des Wohnkantons können Mehrkosten entstehen, wenn die Spitex-Tarife teurer sind als zu Hause.

Für Katalin Krasznai Anderko und ihren Mann war das Angebot von Claire und George die Möglichkeit, wieder zu reisen. Beide kamen ursprünglich aus Ungarn, und Laszlo Anderko war Opernsänger. So reiste das Paar viel. Doch als er krank wurde und Hilfe von der Spitex benötigte, wurde das Reisen den beiden zu kompliziert. Während zweier Jahre liessen sie es bleiben, bis eine Spitex-Pflegerin den Flyer von Claire und George mitbrachte.

Attraktiv für Tourismusbranche

Viele der heutigen Senioren seien in ­ihrem Leben oft gereist und wollten im Alter nicht darauf verzichten, sagt Gäumann. Sie wollen keine Seniorenferien oder einen Aufenthalt im Kurhaus. «Es gibt keine homogene Gruppe von Senioren, nur Individuen.» Für sie gelte es, ­individuelle Lösungen zu finden.

Auch Elsmarie Stricker, Co-Leiterin des Instituts Alter an der Berner Fachhochschule, glaubt nicht, dass sich das Reiseverhalten mit der Pensionierung ändert. «Bis etwa 80 bestimmt wie früher die Persönlichkeit, wie jemand Ferien macht.» Doch im hohen Alter suchten die Menschen mehr Sicherheit. Schon ein kleiner Sturz könne verheerende Folgen haben. Dann verbringe man die Ferien lieber dort, wo man sich auskenne und sicher fühle, sagt Stricker.

Susanne Gäumann weiss, dass deshalb ältere Menschen für den Schweizer Tourismus interessant sind. «Sie reisen zu zweit, wollen sich im Hotel verwöhnen lassen, bleiben länger und buchen Halbpension», erklärt sie.

Alain Suter von Schweiz Tourismus bestätigt denn auch, dass Senioren eine grosse Rolle für Hotels spielen. «Sie verfügen oft über grössere Zeitbudgets für Ferien und gehören im Durchschnitt zu den kaufkräftigeren Gästen.» Allerdings sagt er, dass diese in der Regel nicht als Senioren angesprochen werden möchten. Deshalb führe Schweiz Tourismus keine eigentliche Senioren-Kampagne, sondern spreche als Zielgruppe alle über 40 an. Allerdings werbe die Marketing­organisation insbesondere mit Sicherheit, Ruhe, Natur und Kultur, um damit die sogenannten Best Ager anzusprechen.

Obwohl die Genesung noch nicht abgeschlossen ist, sprüht die pensionierte Bibliothekarin Krasznai Anderko vor Unternehmungslust. Sie hat sich für den Ausflug hübsch gemacht. Die orange geschminkten Lippen passen perfekt zum Blazer. Sie hat selbst im Hotel, das sie sich anschauen möchte, angerufen, um sich am Bahnhof abholen zu lassen. So wartet der Chauffeur des Hotels auf dem Parkplatz. Anderko bleibt auf halbem Weg kurz stehen und schaut sich um: «Wunderschön diese Bergwelt», sagt sie und strahlt.

Der Bund

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