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Mit Sexarbeit das Medizinstudium finanziert

Kein Zwang, sondern Emanzipation? Leonie L. bezeichnet sich als «selbstständige Sexarbeiterin». So etwas gibt es nicht, findet eine Aussteigerin.

Prostituierte wollen wegen den Stigmata oft anonym bleiben.
Prostituierte wollen wegen den Stigmata oft anonym bleiben.
iStockphoto (Symbolbild)

Sex mit fremden Männern gegen Bezahlung. Was für viele Frauen unvorstellbar scheint, ist für Leonie L. (Name von der Redaktion geändert) zum Alltag geworden. Seit einigen Jahren ist sie als selbstständige Sexarbeiterin im Kanton Bern tätig. Da Sexarbeit mit Menschenhandel, Drogenkonsum und Gewalt konnotiert wird, stellt sie gleich klar: «Mein Beruf macht mir Spass – ich werde von niemandem zu etwas gezwungen.» Weshalb wählt man diesen Beruf? «Sexarbeit ist nicht nur ein Rein-raus-Spiel», sagt sie. Ihre Arbeit beschränke sich überhaupt nicht nur auf den Geschlechtsverkehr. Denn manchmal komme es gar nicht zu sexuellem Kontakt mit den Kunden. «Manche wollen einfach nur eine Zuhörerin.» Mit Stammkunden entwickle sie sogar Freundschaften. «Es ist weit weg vom Klischee.»

Leonie L. wählte diese Arbeit aber nicht nur aus Spass, sondern auch aus ökonomischen Gründen. Mit dem Verdienst als Sexarbeiterin konnte sich Leonie L. das Medizinstudium finanzieren. Denn vom Staat erhielt sie kein Stipendium. Auch ihre Familie hatte nicht das Geld, um sie finanziell zu unterstützen. Für Leonie L. war immer klar, dass sie nach dem Studium als Ärztin arbeiten wollte. Lange hielt sie es im Arztberuf aber nicht aus. Das Hierarchiedenken in den Spitälern sei für sie unerträglich gewesen, der Druck der Oberärzte enorm. Sie habe als Assistenzärztin Tag und Nacht gearbeitet, durfte deswegen auch nicht bei ihrem Vater sein, als er im Sterben lag. «In diesem Beruf ging es mir körperlich und seelisch nicht gut.» Deshalb sei sie zur Sexarbeit zurückgekehrt. Mit den Frauen des Studios, wo sie zurzeit arbeitet, verbinde sie viel mehr Respekt als mit den Mitarbeitenden im Spital. «Vielleicht liegt es daran, dass wir uns nackt besser kennen als angezogen.»

Toleranz erfuhr sie aber nur von den anderen Sexarbeiterinnen. Denn lange führte Leonie L. wegen des Stigmas ein Doppelleben. «Ich empfand es als sehr belastend», sagt sie. Mittlerweile wisse ihr soziales Umfeld Bescheid. «Sie sehen, dass mich diese Arbeit nicht quält, sondern bestärkt.» Seit fast fünf Jahren lebt Leonie L. in einer Beziehung. Ist ihre Arbeit ein Konfliktfaktor? «Mein Freund hat überhaupt kein Problem mit meiner Arbeit», sagt sie. Eifersucht sei kein Thema. Leuten, mit denen sie nicht privat zu tun habe, eröffne sie ihren Beruf aber nicht. Sie wolle diesen Menschen gar keine Angriffsfläche für Verurteilungen bieten. Das sei auch der Grund, warum sie anonym bleiben möchte.

Service zu Dumpingpreisen

In Internetforen ist ersichtlich, dass Freier Sex ohne Kondom verlangen. Sie setzen sich selbst und die Prostituierte der Gefahr durch Geschlechtskrankheiten aus. Käme das für Leonie L. infrage? «Nein, absolut nicht», sagt sie. Auch Oralsex praktiziere sie nur mit Kondom. Das schütze zwar ihre Gesundheit, bringe jedoch auch negative Konsequenzen mit sich: Weil andere Frauen solchen Service zu Dumpingpreisen anbieten, sei ihre Kundschaft enorm geschrumpft. Aber sie bleibe bei ihren Preisen. «Wenn man das Privileg hat, als selbstständige Sexarbeiterin zu arbeiten, kann man sich die Kundschaft aufbauen, die zu einem passt.» So seien ihre Freier vorwiegend ältere, gebildete und respektvolle Männer, die alle Wert auf Schutz und Hygiene legten. Eine Aussage, die unter Prostituierten höchst umstritten ist, wie andere Beispiele zeigen (siehe Interview).

Auch habe sie noch nie körperliche Gewalt durch Freier erfahren. Allerdings habe sie zu Beginn ihrer Karriere negative Erfahrungen mit jungen Kunden gemacht: Einer habe einfach das Kondom ausgezogen und in ihr ejakuliert. «Ich fühlte mich danach wie vergewaltigt.» Ein anderer sei abgehauen, ohne zu zahlen. Sie konnte den jungen Mann aber ausfindig machen und seine Eltern zum Bezahlen bewegen. «In jedem Beruf passieren anfänglich Fehler», sagt sie. Heute könne ihr so etwas nicht mehr passieren. «Ich habe gelernt, mich zu schützen.» Ihren Erfahrungen nach sind Freier und Privatleute viel leichtsinniger in Sachen Safer Sex. «Prostituierte sind da viel aufgeklärter.»

Ein massiver Rückschritt

In Schweden, Frankreich und anderen europäischen Ländern gibt es mittlerweile ein Prostitutionsverbot, in der Schweiz nicht. Die Frauenzentrale Zürich hat kürzlich auch ein Verbot für die Schweiz gefordert (siehe Text unten). «Ich fände ein Verbot eine Katastrophe», sagt Leonie L. Es wäre ein massiver Rückschritt in Sachen Emanzipation und Gleichstellung. Für «Weltverbesserer» höre sich das schwedische Modell, bei dem der Freier bestraft wird und nicht die Prostituierte, zuerst sinnvoll an. «Aber das ist völliger Schwachsinn.» Wenn Prostitution verboten werde, verschwinde sie nicht einfach, sondern rutsche in die Illegalität ab, wo niemand mehr Kontrolle darüber habe. Auch wenn die Freier bestraft würden, würde ein Verbot mehr Risiken für die Sexarbeiterinnen und Sexarbeiter bedeuten, weil sie weniger Zeit hätten, die Kunden einzuschätzen. Kein Verständnis hat Leonie L. auch für Behauptungen von Frauenrechtsorganisationen, wonach der grösste Teil der Prostituierten aussteigen will oder dass Sexarbeiterinnen jung sterben. «Zahlen zur Sexarbeit sind nur Schätzungen.» Verlässliche Statistiken seien nicht möglich.

Nicht immer nur Menschenhandel

Was wäre denn statt eines Verbotes die Lösung? Der Weg sei die Entkriminalisierung, so Leonie L. Selbstständige Sexarbeitende ohne legalen Status oder eine Bewilligung liefen ständig Gefahr, kriminalisiert zu werden. Prostitution sei eine Arbeit wie jede andere und sollte auch dementsprechende Rechte zugesprochen bekommen. «Ich will das Recht haben, darüber zu entscheiden, was ich mit meinem Körper mache.» Trotzdem gibt es Migrantinnen in der Schweiz, die zur Sexarbeit gezwungen werden. Was ist mit ihnen? Eine solche Ausbeutung sei sehr schlimm, aber ein Verbot würde nicht helfen. «Dass Menschenhandel immer mit käuflichem Sex in Verbindung gebracht wird, macht mich wütend.» Denn auch bei der Saisonarbeit in der Landwirtschaft oder im Gastgewerbe wird die wirtschaftliche Notlage der Menschen ausgenutzt. Ihre Kolleginnen aus Rumänien seien aus eigener Entscheidung in die Schweiz gekommen, weil sie nicht in Armut leben wollten. «An der Armut ist das Sozialsystem schuld, nicht die Prostitution.»

Für die Zukunft wünscht sich Leonie L. mehr Offenheit gegenüber ihrer Arbeit. Die Leute sollten sich über Sexarbeit und ihre Facetten informieren, bevor sie urteilen. «Wir Prostituierten sind kein Abschaum.» Inzwischen berät Leonie privat Frauen, die Probleme in ihrem Sexualleben haben. Sexuelles Wissen sollte vor allem für Frauen gefördert werden, findet sie. «Denn wie viele Frauen haben keinen Zugang zu ihrer eigenen Sexualität oder hatten noch nie einen Orgasmus?» Vor allem Frauen sollten den Mut haben, sich besser kennen zu lernen, um mehr Spass am Sex zu haben. «Dann würde es vermutlich auch weniger Freier geben.»

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