Mit dem AKW-Abbau sinkt das Risiko

Der Rückbau des AKW ist eine überaus komplexe Aufgabe. Ein Restrisiko bleibt, es wird aber rasch kleiner.

Nach der Abschaltung des AKW-Mühleberg werden noch weitere 15 Jahre vergehen, bis von der Anlage nichts mehr übrig ist.

Nach der Abschaltung des AKW-Mühleberg werden noch weitere 15 Jahre vergehen, bis von der Anlage nichts mehr übrig ist. Bild: Esther Michel

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Wenn das Atomkraftwerk Mühleberg am 20. Dezember 2019 definitiv abgestellt wird, dann nimmt die Radioaktivität und Wärmeleistung im Reaktor rasch ab – und damit auch das Gefahrenpotenzial. Das berühmte Restrisiko sinkt aber keineswegs auf null. Im AKW verbleiben Tausende von Tonnen teils hoch verstrahlter Systeme und Betonmassen. Das oberste Bild der «Bund»-Grafik (rechts) gibt einen – bereits vereinfachten – Überblick der Vielzahl von Elementen, die demontiert und entsorgt werden müssen.

Vor allem bleiben die Brennstäbe, bei denen die Kernspaltung wieder einsetzen kann und die schmelzen können, falls die Kühlung versagen sollte. Das Lagerbecken für die Brennstäbe wird deshalb ein zusätzliches Notkühlsystem erhalten. Generell muss der Rückbau des AKW zunächst um die Brennstäbe herum geplant werden, die noch fünf Jahre lang im AKW abklingen müssen, bevor sie bis 2024 ins Zwischenlager (Zwilag) in Würenlingen AG abtransportiert werden (Grafik rechts, Mitte).

Risiko ist im Betrieb grösser

«Wenn die Brennelemente im Zwilag sind, muss die Anlage nicht mehr gekühlt werden», sagte der stellvertretende Direktor der Atomaufsicht Ensi, Georg Schwarz, am Dienstagabend an der Informationsveranstaltung der BKW für die Bevölkerung. Denn eine Kernschmelze ist in Mühleberg dann nicht mehr möglich. Am Infoabend in Allenlüften waren auch Bedenken zur Sicherheit geäussert worden (siehe Text unten).

Generell vermindere sich das Risiko mit fortschreitender Stilllegung, sagte Schwarz. Auch in der Phase bis zum Abtransport der Brennstäbe «hat man grosse Sicherheitsmargen gegenüber dem gewöhnlichen Kernkraftwerksbetrieb». Denn Radioaktivität und Wärmeleistung sinken in grossen Schritten. Ein geringeres Gefahrenpotenzial bedeutet jedoch nicht, dass Störfälle ausgeschlossen sind.

Eine Herausforderung ist, dass die Anlage sich mit dem Rückbau ständig verändert. So will die BKW die Stromgeneratoren rasch demontieren und im Maschinenhaus ein Zentrum für Abfallbehandlung einrichten. Der Rückbau dürfe keine «negativen Auswirkungen» auf die Sicherheit haben, so Schwarz. Das Ensi muss alle Arbeitsschritte bewilligen.

Thoma: «Wir sind auf Kurs»

Im grossen Stil beginnt die Demontage, sobald die Brennstäbe 2024 weg sind. Wenn 2027 auch die stark strahlenden Komponenten unter Wasser zerlegt sind, ist die Anlage laut Schwarz «wasserfrei». Das heisst: Es gibt keine grossen Wassermengen mehr, die radioaktiv belastet sind – und bei einem Störfall in Gewässer fliessen könnten. Bis 2031 soll alles radioaktive Material aus dem AKW entfernt sein. Danach beginnt der konventionelle Abriss.

«Wir sind auf Kurs», sagte BKW-Chefin Suzanne Thoma in Allenlüften. Für die Kosten der Stilllegung von 920 Millionen Franken seien schon Ende 2017 Rückstellungen von 822 Millionen vorhanden gewesen. Aus dem Publikum wurde sie auf eine internationale Studie angesprochen, laut der AKW-Rückbauten meist teurer werden als geplant. Die Kosten explodierten oft wegen schlechter Planung und mangelhafter Zusammenarbeit der Behörden mit den Betreibern, sagte Thoma.

Die BKW habe das Abschaltdatum frühzeitig festgelegt, das habe es ihr und auch den Behörden erlaubt, die Stilllegung sorgfältig zu planen.«Gute Planung zahlt sich bei Grossprojekten um ein Vielfaches aus», sagte Thoma. Sie sei zuversichtlich, dass die BKW den Zeit- und Kostenrahmen einhalten könne.


Kaum Opposition

Zur Stilllegung des Atomkraftwerks Mühleberg gibt es Bedenken, aber kaum Opposition. Diesen Eindruck erhielt man am sehr gut besuchten Informationsanlass der BKW für die lokale Bevölkerung im Schulhaus Allenlüften in der Gemeinde Mühleberg.

Einige Fragen bezogen sich auf das Risiko für die örtliche Bevölkerung. «Wie wird die Bevölkerung bei einem Unfall informiert?», fragte eine Frau. Oder direkter auf den AKW-Rückbau bezogen: «Wird die Katastrophenorganisation, die für Unfälle aufgebaut wurde, auch während der Stilllegung beibehalten?», wie ein älterer Mann wissen wollte. Die Notfallvorsorge bleibe in Kraft, lautete die Antwort, und gemäss dieser werde die Bevölkerung im Notfall wie bisher mit Sirenen und über das Radio informiert.

Wie bei jedem Grossprojekt kam die Belastung durch den Verkehr aufs Tapet. Deswegen hatte die Gemeinde Mühleberg Einsprache gegen das Stilllegungsprojekt der BKW erhoben. Nach Abschluss einer «guten Vereinbarung mit der BKW, vor allem zur Sicherheit der Schulwege» habe man die Einsprache zurückgezogen, sagte Gemeindepräsident René Maire.

Und die Nachkommen?

Viele nutzten den Anlass auch, um grundsätzliche Fragen ohne direkten Lokalbezug zu stellen. Wie könne man sicherstellen, dass die Nachkommen auch nach Zehntausenden von Jahren wüssten, wo der Atommüll gelagert sei, wollte jemand wissen. Zumal man beim Munitionslager in Mitholz die Gefahr schon nach zwei Generationen vergessen habe.

Ein anderer lobte die «faire und saubere» Art und Weise, mit der die BKW die Stilllegung anpacke. Er bezweifelte aber, dass der Kostenrahmen eingehalten werden könne. (Der Bund)

Erstellt: 13.09.2018, 06:44 Uhr

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