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«Mit Chasselas und Pinot noir lockt man niemanden mehr»

Die Stadt Bern müsse für ihr Weingut einen Winzer finden, der ein durchdachtes Konzept präsentiert, sagt der Wein-Experte Gabriel Tinguely.

«Es gibt viele junge und innovative Berufsleute, die solche Herausforderungen suchen», sagt Weinexperte Gabriel Tinguely.
«Es gibt viele junge und innovative Berufsleute, die solche Herausforderungen suchen», sagt Weinexperte Gabriel Tinguely.
Franziska Rothenbühler

Herr Tinguely, ist das Weingut der Stadt Bern auf dem Schweizer Weinmarkt ein Begriff? Nein. Auch ich bin den Weinen der Domaine de la Ville de Berne noch nie begegnet.

Gibt es viele Gemeinwesen in der Schweiz, die Rebgüter besitzen? Ja, es gibt einige. Beispiele sind etwa die Domaine Hôpital de Soleure, die Reben in Le Landeron besitzt, der Staat Freiburg mit der Domaine des Faverges im Lavaux oder die Burger von Murten mit dem Cru de l’Hôpital.

Ist das Führen eines Rebgutes nicht eine private Aufgabe? Was wären die Vor- und Nachteile eines Verkaufs? Das Führen eines Rebguts ist nicht die Aufgabe des Staates oder der Stadt. Diese müssen ihren Besitz jedoch nicht verkaufen. Sie können ihren Betrieb verpachten oder einen Winzer einstellen. Es gibt viele junge und innovative Berufsleute, die solche Herausforderungen suchen. Ist die Infrastruktur in einem desolaten Zustand und eine Renovation wirtschaftlich nicht vertretbar, gibt es immer noch die Möglichkeit, dass einzelne Parzellen an Winzer verpachtet werden.

Wie ist der Markt? Ist es erstaunlich, dass die Stadt Bern keinen Investor finden konnte? Grundsätzlich ist die Situation für den Schweizer Wein sehr positiv. Die Schweizer Weinliebhaber haben erkannt, dass die einheimischen Gewächse enorm an Qualität zugelegt haben. Das zeigt auch der Blick in die Statistik des Bundes. Schweizer Konsumenten bleiben dem Schweizer Wein treu. Nachdem es in den vergangenen Jahren immer geheissen hat, dass die Schweizer weniger Schweizer Wein konsumierten, ist das eine positive Meldung. Erstmals wird auch die richtige Ursache aus der Statistik herausgelesen: In den ertragsschwachen Jahren 2013 bis 2015 wurde weniger Schweizer Wein gekeltert, als der Markt hätte aufnehmen können. 2017 wiederum wird es wegen des Frostes nur eine 60- bis 70-prozentige Ernte geben.

Wie könnte man einen 24-Hektar-Betrieb wie das Stadtberner Rebgut «zum Fliegen» bringen? Das ist ein harter Brocken Arbeit. Mit klassischem Chasselas und Pinot noir lockt man heute niemanden mehr hinter dem Ofen hervor. Lebendige, trinkfreudige Weine, von denen man eine ganze Flasche trinken mag, sind gefragt. Da gibt es viele innovative Ansätze wie reduzierte Erträge zur Qualitätssteigerung, Weissweine ohne biologischen Säureabbau, Rotweine, die nicht in Barriques, sondern in Amphoren reifen, Ganztraubenpressung, Spontanvergärung und so weiter. Wenn die Stadt einen Winzer findet, der ein durchdachtes Konzept präsentiert, wird sie die Finanzen für eine Unterstützung in den ersten Jahren freimachen können.

Gabriel Tinguely ist Herausgeber und Redaktor von weinlandschweiz.ch, der Datenbank zum Schweizer Wein.

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