Mehr Stolpersteine, bitte!

Ein Denkmal für die Toten des Landesstreiks? Ja klar – obschon die Motive der Linken durchsichtig sind. Denkmäler sorgen für willkommenen Streit.

Da steht das erste Denkmal in Erinnerung an den Generalstreik von 1918: in Olten.

Da steht das erste Denkmal in Erinnerung an den Generalstreik von 1918: in Olten.

(Bild: Keystone)

Patrick Feuz@patrick_feuz

Ob Gedenktafel, Büste oder Monument: Das Wertvolle an Denkmälern ist, dass sie zuverlässig Anlass zu Streit geben. Häufig schon in der Zeit, in der sie gebaut (oder verhindert) werden. Oder dann später, wenn nachrückende Generationen mit ihnen zurechtkommen müssen.

So ist es auch jetzt, wo die Linke in mehreren Schweizer Städten Tafeln montieren will, um an die im Landesstreik erschossenen Arbeiter zu erinnern. Schon kommt die SVP um die Ecke gerannt: Halt, kein Denkmal für getötete Arbeiter! Mit ihrer revolutionären Rhetorik habe die Linke 1918 die Eskalation angeheizt. Die SVP wirft sich schützend vor die damalige Armee und das Bürgertum. Tatsächlich neigen SP und Gewerkschaften dazu, den Landesstreik zu glorifizieren und seine sozialpolitischen Folgen zu überhöhen. Dabei gab es auch bürgerliche Reformer, die sich für die 48-Stunden-Woche und die AHV einsetzten. So oder so ist der Landesstreik ein Ereignis, das die Schweiz auch heute noch beschäftigen muss.

Auf einer Gedenktafel hat nicht alles Platz. Denkmäler sind nicht Stein oder Messing gewordene Objektivität. Das war nie ihr Zweck. Denkmäler wollen einer bestimmten Sache dienen. Soll man deshalb auf sie verzichten? Neue Denkmäler nicht bauen, alte abtragen? Ja nicht!

Womöglich fällt es leichter, den Nutzen von Denkmälern im Ausland zu erkennen statt vor der eigenen Haustür. Kürzlich in Frankreich: Meine 14-jährige Tochter will wissen, was auf der Tafel am Haus im Quartier Latin steht, wo wir gerade vorbeigehen. Während der deutschen Besetzung von Paris im Zweiten Weltkrieg wurden hier Widerstandskämpfer versteckt. Die Neugier ist geweckt und führt zu neuen Fragen. Am Ende weiss meine Tochter: Nach Kriegsende wollten alle Franzosen plötzlich Widerstandskämpfer gewesen sein. Oder ihnen geholfen haben.

Auch die Soldatendenkmäler auf französischen Dorfplätzen sind ergiebig. Warum sind auf den meisten nur die Namen von Gefallenen aus dem Ersten Weltkrieg eingemeisselt? Weil Frankreich im Zweiten Weltkrieg nach wenigen Wochen aufgab – kein Ruhm und vergleichsweise wenige Tote.

Also, liebe Städte: Bewilligt Gedenk­tafeln für tote Arbeiter des Landesstreiks. Zwar sind die Motive der Urheber durchsichtig: Die Linke beansprucht die Deutungshoheit über diesen heissen Moment. Egal: Dank solchen Tafeln lässt sich auch künftig über das Ereignis streiten. Und darüber, was auch noch auf diesen Tafeln stehen müsste. Denkmäler lassen uns im Alltag über die eigene Geschichte stolpern. Das ist wichtig. So bleibt sie in unseren Köpfen.

Der Bund

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