«Manchmal kommen mir die Tränen, weil es so schön ist»

Heidi Maurer fährt Bus. Nicht als Passagierin, sondern als Chauffeurin. Den Beruf hat die 57-jährige Quereinsteigerin erst vor wenigen Jahren für sich entdeckt.

Der Dienst von Bus-Chauffeurin Heidi Maurer beginnt in der Garage in Worblaufen.

Der Dienst von Bus-Chauffeurin Heidi Maurer beginnt in der Garage in Worblaufen. Bild: Franziska Rothenbühler

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Ihre Bewegungen sind ruhig und fliessend. So, wie ein voller Bus durch den Verkehr gleiten sollte. Das sei nicht immer einfach, sagt Heidi Maurer. «Besonders wenn man schon zwei Minuten verspätet ist und die Fahrgäste doch noch pünktlich an den Bahnhof bringen möchte.» Maurer ist Bus-Chauffeurin beim RBS.

Die 57-Jährige fährt erst seit dreieinhalb Jahren Busse. Zuvor zog sie zwei Kinder gross und arbeitete daneben im Service und Verkauf. Am Schluss führte sie während dreier Jahre den Kiosk bei der Postautohaltestelle im Berner Bahnhof. Doch als sie den Kiosk als Agentur hätte übernehmen sollen, begann sie sich nach einer neuen Arbeit umzusehen. Die Postautos hätten sie zwar fasziniert, sagt sie. «Aber ich kam gar nicht auf die Idee, dass ich selbst eines fahren könnte.»

Ein Fahrlehrer, der oft in ihrem Kiosk Kaffee trank, habe sie dazu ermuntert. Denn bei den Chauffeuren herrschte Personalmangel. Heidi Maurer besuchte zuerst einen Theoriekurs und nahm anschliessend auf eigene Kosten Fahrstunden. Das war ein Risiko. Denn sie hatte weder eine Stelle in Aussicht, noch wusste sie, ob sie in ihrem Alter überhaupt noch eine neue Stelle finden würde. Dabei kostete die Ausbildung rund 14000 Franken. Doch Maurer gefiel das Fahren. «Es hat mich gepackt.» Sie machte die Fahrprüfung innerhalb von wenigen Wochen. Danach bewarb sie sich, und erhielt sogleich beim RBS die Stelle.

Sprung ins kalte Wasser

Der Berufseinstieg sei jedoch «happig» gewesen, sagt Maurer. Nach einer kurzen Einführung und Testfahrt mit einem Gelenkbus sei sie sogleich mit Passagieren gefahren. «Ich schwitzte Blut und Wasser», sagt sie. Überall seien Baustellen und die Verhältnisse auf der Strasse eng gewesen. Zudem habe sie zwischen der Fahrprüfung und dem Stellen antritt fast ein halbes Jahr keinen Bus mehr gesteuert. Doch die Kollegen hätten ihr geholfen. «Die Unterstützung der Männer war super», erzählt sie. Sie seien anfangs der Frau gegenüber zwar ein wenig skeptisch gewesen. Anders als die meisten Kollegen ist Maurer zuvor keine Lastwagen gefahren. Und sie hatte kein mechanisches Know-how. Das sei aber auch nicht nötig, sagt sie. Die Busse müssten von Mechanikern gewartet werden. «Wenn ich eine Panne habe, kann ich sie über Funk rufen.»

Obwohl immer mehr Frauen Busse, Trams und Lokomotiven steuern, fallen sie auf. Das Bild des Chauffeurs als Männerberuf sei in den Köpfen noch tief verankert. Im Team der RBS-Chauffeure sind die Frauen zwar mit knapp sieben Prozent vertreten. Doch ihre Zahl steigt an. Unterdessen sind sechs Frauen als Chauffeurinnen für das Unternehmen tätig. Vor drei Jahren war Heidi Maurer erst die zweite Chauffeurin im Betrieb.

Ruhe im Stossverkehr

Frauen fahren sanfter, lautet die gängige Meinung. Stimmt das? «Man sagt es.» Bestätigen will Heidi Maurer das aber nicht. Auch ihr falle es nicht immer leicht, im Stossverkehr die Ruhe zu bewahren. Und auch sie habe schon mal ruppig gebremst. «Es gibt Tage, da geht alles ein wenig schief, und andere, da gelingt es gut, gelassen zu bleiben.» Seit Anfang Jahr sind die Busse des RBS mit einem virtuellen Fahrtrainer ausgestattet, der den Fahrern sagt, wenn sie zu schnell oder zu ruppig fahren. «Jetzt fahre ich gleichmässiger», sagt Maurer, obwohl sie sich anfänglich vor der permanenten Überwachung gefürchtet habe. Doch was macht den Alltag einer Bus-Chauffeurin angesichts des Drucks und der Herausforderungen in der Hektik des Verkehrs reizvoll?

«Die Bilder, die wir sehen», antwortet Maurer sogleich und beginnt zu erzählen, wie die Natur im Frühling erwache, wie sie die Störche im Breitenrain habe wachsen sehen, wie die Berge hinter Allmendingen in der Sonne leuchteten und wie auf der Autobahn unter Habstetten die Autos wie zwei Lavaströme flössen. Dies alles sehe sie, wenn sie zu verschiedenen Tages- und Jahreszeiten auf den Strassen in der Stadt und der Agglomeration unterwegs sei. «Manchmal kommen mir fast die Tränen, weil es so schön ist.» Das seien zwar nur kurze Sequenzen im Tag. Doch sie genügten, um für den Stau und alles Mühsame im Strassenverkehr und Fahrdienst zu entschädigen, sagt sie und atmet tief ein. (Der Bund)

Erstellt: 23.07.2018, 06:43 Uhr

Unaufhaltsamer Trend

Frauen am Steuer von öffentlichen Verkehrsmitteln sind ein Trend, der zunehmen wird, wie David Piras, der Generalsekretär von Les Routiers Suisses, sagt. Denn Busfahren brauche keine grosse Körperkraft, dafür viel Ruhe, Geduld und Freude am Kontakt mit Menschen. Das bestätigen verschiedene Verkehrsbetriebe von Deutschschweizer Städten.

Der Anteil Fahrerinnen bei den Zürcher Verkehrsbetrieben sei in den letzten acht Jahren auf ein Fünftel gestiegen, sagt Sprecherin Daniela Tobler. Bei Bernmobil machen die Fahrerinnen gut 14 und bei den Basler Verkehrsbetrieben 13 Prozent aus. (nj)

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