Mädchentreff statt Aktivistenbeiz

Die Genossenschaftsbeiz Kreuz sorgte einst für Aufruhr in Nidau. Jetzt zieht voraussichtlich der Jugendtreff ein. Demnächst entscheidet der Stadtrat von Nidau über die neue Nutzung.

Die Beiz funktionierte nur dank der «Selbstausbeutung» der Genossenschafter.

Die Beiz funktionierte nur dank der «Selbstausbeutung» der Genossenschafter.

(Bild: Adrian Moser)

Reto Wissmann@RetoWissmann

Eine Anekdote erzählt Res Balzli besonders gern: Zur 700-Jahr-Feier der Eidgenossenschaft war im Januar 1991 ein Militärdefilee durchs Städtchen Nidau geplant. «Das konnten wir nicht tolerieren», erinnert sich der heute als Filmemacher bekannte ehemalige Genossenschaftsbeizer. Kurzum verhängten er und seine Genossinnen und Genossen die Fassade des Restaurants Kreuz mit schwarzen Tüchern mit weissen Grabkreuzen darauf und beschallten die Armeeparade aus dem Fenster heraus mit Mozarts Requiem. «Das gab einen riesigen Krach im bürgerlichen Nidau», so Balzli. Eines habe man damit aber immerhin erreicht: Das Hauptdefilee in Emmen wurde wegen des Vorfalls im Seeland abgesagt.

Erbssuppe für Ortsvereine

Die heutzutage harmlos anmutende Aktion in der Blütezeit der Genossenschaftsbeiz markierte aber auch den Beginn des Niedergangs und ist einer der Gründe, warum der Stadtrat von Nidau am 15. Juni über die Umfunktionierung des Restaurants in einen Jugendtreff entscheiden wird. «Das hat uns das Genick gebrochen», sagt Balzli rückblickend. Nachdem sieben junge Bernerinnen und Berner um Res Balzli und seine Schwester den einstigen FDP-Treff 1982 übernommen und dort ihren Traum vom selbst verwalteten Betrieb realisiert hatten, war ihnen zunächst ziemliches Misstrauen entgegengeschlagen. Sie schafften es dennoch, die Ortsvereine zu gewinnen, die im Kreuz gerne bei Erbssuppe und Speck ihre Versammlungen abhielten. Wenn an der geschlossenen Tür mal ein Zettel mit der Aufschrift «Sind an Zaffaraya-Demo» gehangen habe, sei dies gerade noch toleriert worden, so Balzli. Die Störung der 700-Jahr-Feierlichkeiten war dann aber zu viel.

Das Kreuz in Nidau war eine von vielen Genossenschaftsbeizen, die in den Siebziger- und Achtzigerjahren in der Schweiz entstanden sind. Mit ihrem links-alternativen Hintergrund setzten sie auch Innovationen um, die heute in der Gastronomie als Megatrends gelten. «Wir waren die Ersten, die biologisches Essen und jeden Mittag ein Vegi-Menü angeboten haben», sagt Uwe Zahn, der ebenfalls beinahe von Anfang an zu den «Kreuzlern» gehörte. Heute haben es die Genossenschaftsbeizen allerdings schwer. Überlebt hat nur eine Handvoll wie die Brasserie Lorraine in Bern, das Zähringer in Zürich oder die älteste Genossenschaftsbeiz der Schweiz, das Kreuz in Solothurn. Das Kreuz in Nidau wird hingegen wohl kaum je wieder genossenschaftlich oder selbstverwaltet geführt werden. Bis 2011 hatten die Betreiber durchgehalten – allerdings nur mit viel «Selbstausbeutung», wie Zahn sagt. Dann mussten sie den Laden dicht machen. Was folgte, waren verschiedenste Zwischennutzungen und die Hoffnung der Stiftung Wunderland, der die Liegenschaft gehört, dass jemand mit einer sozialen Ader das Kreuz wieder auferstehen lasse. Daraus wurde jedoch nichts. Es habe zwar Interessenten gegeben, so Uwe Zahn, der wie Res Balzli im Stiftungsrat von Wunderland sitzt. Eine Pizzeria, ein Fastfood-Lokal oder ein Gourmetrestaurant seien aber für die ehemaligen Genossenschafter nicht infrage gekommen.

Weiterhin Kultur im grossen Saal

So sind sie nun froh, dass die Stadt Nidau den Jugendtreff ins Kreuz verlegen und damit dem Lokal wieder Leben einhauchen will. Der Jugendtreff ist heute in einem Haus in der Nähe des Bahnhofs untergebracht, das für den Abbruch bestimmt ist. Da insbesondere der Mädchentreff boomt, ist das alte Haus aber zu klein. Die Gaststube sowie das darüber liegende Sääli würden dem Jugendtreff neue Möglichkeiten bieten. Woran sich nichts ändern wird, ist der Kulturbetrieb im grossen Saal hinter dem Restaurant. Dieser war bereits 2005 von der Genossenschaftsbeiz getrennt worden und wird bis heute vom Verein Kultur Kreuz Nidau geführt. Hier gingen bereits gegen 2000 Konzerte, Theater, Lesungen, Kleinkunst- sowie Tanzveranstaltungen über die Bühne. Viele Künstlerinnen und Künstler, die heute zu den national bekannten Stars gehören, haben sich auf der kleinen Bühne ihre Sporen abverdient. Seit 2014 ist der Verein als Kulturbetrieb von regionaler Bedeutung gar kantonal anerkannt. Die bewegten Achtzigerjahre haben trotz allem bleibende Spuren in Nidau hinterlassen.

Der Bund

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