Lyss will Stadt werden und Dorf bleiben

Attraktives Regionalzentrum oder Kleinstadt ohne Charakter? Lyss gehört unterdessen zu den grössten Berner Gemeinden und sucht vor den Wahlen am 24. September nach seiner Identität.

Für Herausforderer Michel Rudin fehlt in Lyss der Mut zur Urbanität.

Für Herausforderer Michel Rudin fehlt in Lyss der Mut zur Urbanität.

(Bild: Adrian Moser)

Reto Wissmann@RetoWissmann

Für ein Dorf ist Lyss schlicht zu gross, für eine Stadt fehlt das urbane Flair, und für eine Agglomerationsgemeinde ist sie zu weit von einem Zentrum entfernt. Lyss liegt immer irgendwo dazwischen: zwischen Stadt und Land, zwischen Biel und Bern, zwischen Selbstbewusstsein und Minderwertigkeitsgefühlen. Dazwischen lässt es sich aber offenbar gut leben. Die Gemeinde wächst, die Steuern sind moderat, die Landpreise tief, die Verkehrsverbindungen ideal, die Schulen gut und das Dorfleben intakt.

Andreas Hegg kommt berufsbedingt ins Schwärmen, wenn er über Lyss spricht. «Wir sind ein attraktives Regionalzentrum, wo man wohnen, arbeiten, einkaufen und seine Freizeit geniessen kann», sagt der FDP-Gemeindepräsident, der Ende Monat wiedergewählt werden will. Obschon er sich längst Stadtpräsident nennen könnte, bleibt Hegg bescheiden.

Die Frage, ob Dorf oder Stadt, ist ihm nicht so wichtig: «Wir sind ein grosses Dorf mit städtischem Charakter.» Wenn die Lysserinnen und Lysser einkaufen gehen, sagen sie immer noch: «Ich gehe ins Dorf.» Mit 14'730 Einwohnern, 600 Firmen und über 8000 Arbeitsplätzen gehört Lyss unterdessen jedoch zu den zehn grössten Gemeinden im Kanton Bern und spielt in der gleichen Liga wie Langenthal, Steffisburg oder Burgdorf – auch wenn das im Rest des Kantons kaum jemand wahrnimmt.

Ländliche «Bünzli-Mentalität»

Auch Michel Rudin ist durch und durch Lysser. Der 32-jährige GLP-Grossrat wohnt immer noch an derselben Strasse, an der er aufgewachsen ist. Der Blick auf seine Heimat fällt jedoch kritischer aus: «Lyss ist eine Gemeinde ohne Charakter.» Ihm fehlen ein lebendiges Zentrum und eine Vision zur Weiterentwicklung. Lyss ist für ihn «ein Städtchen mit der Strategie eines Dorfes».

Man habe zwar längst die Grösse einer Stadt erreicht, orientiere sich jedoch immer noch an einer ländlichen «Bünzli-Mentalität». Alles, was Lärm machen könnte, verbanne man aus dem Zentrum und wundere sich dann, dass der Ortskern einschläft. Wenn er die Gemeindebehörden kritisiert, spricht auch der Wahlkämpfer aus ihm. Am 24. September fordert er den Gemeindepräsidenten heraus und will mindestens seinen Sitz im Grossen Gemeinderat verteidigen.

Lyss hat in den Neunzigerjahren die Schwelle von 10'000 Einwohnern überschritten und wächst seither überdurchschnittlich schnell weiter. Mit der Ortsplanungsrevision 2013 wurde zwar bewusst auf die Bremse gedrückt und nur halb so viel Land eingezont, wie möglich gewesen wäre. Was jedoch als Reserve für die nächsten 15 Jahre gedacht gewesen war, ist schon heute beinahe wieder aufgebraucht. Der Wohnungsbau boomt.

In den letzten paar Jahren sind über 600 Wohnungen entstanden. Als Nächstes steht die Überbauung des alten Kambly-Areals bevor. Elf Wohnblöcke mit 180 Wohnungen will Investor und Kunstmäzen Gerhard Saner hier erstellen. Bis 2019 erwartet Lyss nochmals 1000 zusätzliche Einwohner.

Hochhaus mit 70 Wohnungen

Mit dem Wachstum hat Michel Rudin kein Problem. Ihn stören jedoch der fehlende Mut und die mangelnde architektonische Qualität der neuen Wohnhäuser. «Anstatt etwas Urbanes zu wagen, stellt man einfach weisse Würfel auf die grüne Wiese.» So mutlos scheint Lyss dann aber doch nicht zu sein.

Mitten im Zentrum, neben dem Seeland-Center an der Bielstrasse, ist ein 60 Meter hohes Hochhaus mit 70 Wohnungen geplant. Es könnte zur städtischen Landmarke werden und den endgültigen Schritt der Gemeinde vom Dorf zur Stadt symbolisieren. Der Widerstand aus der Bevölkerung hält sich in Grenzen, alle Ortsparteien unterstützen das Projekt zur inneren Verdichtung. Rudin wurde davon überrascht, seine These von den Bünzli-Lyssern gerät nun doch etwas ins Wanken.

Viele versprechen sich vom Hochhaus eine Belebung des Zentrums. Leere Ladenflächen und weniger Passanten im Ortskern machen den Lysserinnen und Lyssern Sorgen. Im Zuge des Wachstums scheint der Gemeinde irgendwie das Zentrum abhandengekommen zu sein. Coop und Migros sind in Neubauten etwas abseits gezogen, bisher hat niemand das Vakuum gefüllt.

Wenn Lyssereinkaufen gehen,sagen sie: «Ich gehe ins Dorf.»

Zur Schlafstadt will man aber keinesfalls werden. Das Thema beschäftigt im laufenden Wahlkampf. «Man muss den Bewohnern ein attraktives, lebendiges Zentrum bieten», sagt Michel Rudin, in Kauf nehmen müsse man dann allerdings auch gewisse Emissionen wie etwa Lärm.

Selbstverständlich will auch Andreas Hegg das Zentrum aufwerten. «Wir haben zwar keinen so schönen historischen Ortskern wie Aarberg oder Murten zu bieten. Wir arbeiten aber an der Attraktivierung unseres Zentrums.» Die Sanierung des Marktplatzes sei zum Beispiel bereits geplant.

Doch wer immer nach den Wahlen die Geschicke der Gemeinde bestimmen wird, sie werden sich um das Wohl aller Lysserinnen und Lysser kümmern müssen – um jene, die ein städtisches Angebot und Ambiente schätzen, genauso wie um jene, denen die dörfliche Idylle am Herzen liegt.

Der Bund

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