«Lieber auf dem Wasser als an Land»

Seit 35 Jahren gehört das Fischen zu Silvano Solcàs Leben. Bereut hat er seine Berufswahl nie, denn auf dem Wasser fühlt er sich in seinem Element.

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Es ist fünf Uhr morgens. Die Strassen sind ausgestorben, es ist noch dunkel. Doch Silvano Solcà ist bereits hellwach. Von seinem Haus in Gerolfingen, das gleichzeitig auch eine Fischerei ist, fährt er mit dem Auto sechsmal in der Woche zum Bielersee hinunter. Schon eine Viertelstunde später ist er mit seinem Motorboot mitten auf dem See. Wenn er morgens aufsteht, freut er sich auf den See. «Jeder Tag auf dem Wasser ist anders», sagt er. Das Wetter sei nie gleich, die Stimmung wechsle ständig. Die Fischerei sei immer wieder aufs Neue eine Herausforderung: «Was fange ich heute? Gibt es etwas Grosses oder nur kleine Fische?» 1977 hat Silvano Solcà die Lehre zum Fischer am Thunersee gemacht – seit gut 35 Jahren geht er in seinem Beruf auf.

Auf dem Bielersee ist Solcà zu Hause. Mit der Natur zu arbeiten, die Freiheit und die Einsamkeit auf dem See zu erleben, stellt ihn zufrieden. An seiner Arbeit mag er aber auch den Kundenkontakt – teilweise liefert er die Fische selbst aus. Ferien nimmt Solcà nur einmal im Jahr, nämlich zwei Wochen im Januar. Die restliche Zeit widmet er seinem Beruf. Seine beiden Söhne wollten nicht in seine Fussstapfen treten. Sie hätten schliesslich eigene Wege gewählt, und das sei gut so. «Pushen bringt nichts, diesen Beruf muss man wirklich wollen. Ich bin eben lieber auf dem Wasser als auf dem Land, hier fühle ich mich frei und ungestört.» Noch bevor er zur Schule ging, sei er das erste Mal mit seinem Vater auf dem Wasser gewesen. Spätestens in der achten Klasse habe sich dann klar abgezeichnet, dass er Berufsfischer werden wollte.

«Fischen macht nicht reich»

Siebeneinhalb Meter misst Solcàs Fischerboot, mit dem er an diesem klaren Morgen auf den See hinausfährt. Noch ist die Sonne nicht aufgegangen, aber ein orangerotes Licht schimmert schon am Horizont. Jeden Sonntag fährt er gegen sechs Uhr abends auf den Bielersee und platziert seine Netze. Am Montagmorgen werden die Netze wieder eingeholt und die Fische, die sich darin verfangen haben, eingesammelt. Insgesamt holt er an diesem Morgen zwölf Netze ein. Gehalten werden die Netze jeweils von zwei bis drei «Schwimmerli», mit ihnen kann auch reguliert werden, wie tief die Netze hängen sollen, was sich je nach Jahreszeit und Temperatur ändert. Dieses Wissen habe er sich durch jahrelange Erfahrung angeeignet. Mit geübten Bewegungen zieht Solcà Stück für Stück das erste Netz aus dem Wasser. Mit schnellen Bewegungen löst er die Fische und versetzt ihnen einen kurzen Kopfschlag am Bootsrand. Dann wirft er sie in die blauen Plastikbehälter, die er zu diesem Zweck mitgebracht hat.

«Als Fischer wird man nicht reich», sagt Solcà. Der Kilopreis der ausgenommenen Fische beträgt etwa zwölf Franken. In einem ertragreichen Sommer rechne er mit etwa 100 Kilogramm pro Tag. Dieser Sommer zähle aber nicht zu den besten. Der Bielersee wird künstlich reguliert, was für den Fischfang nicht förderlich ist. Zum Leben muss er mindestens 50 Kilogramm fangen, das entspricht rund 25 Kilogramm Filet. Die letzte wirklich gute Saison verzeichneten die Fischer 2010 und 2011. Da fischte Solcà teilweise bis zu 300 Kilo. Wenn er eine der mitgebrachten Plastikboxen mit Fischen gefüllt hat, leert er Eis darüber. Zu dieser Jahreszeit verdiene er seinen Unterhalt mit dem Felchenfang: «Felchen sind unsere Brotfische.» Um zu überleben, betreibt er seit 26 Jahren mit seiner Frau nebenher einen Cateringservice. «Viele Fischereien leben von einem zweiten Standbein, meist einem Cateringservice.» Seine Frau ist Köchin, das habe gleich perfekt zu einem Partyservice gepasst.

Seit Generationen am See

Den Fischereibetrieb hat er von seinem Vater übernommen. Sein Urgrossvater hat schon als Nebenerwerb mit dem Fischen angefangen. Sein Grossvater war dann der erste Berufsfischer am Bielersee, der nur vom Fischfang lebte. Er gründete auch den Fischereibetrieb. Auf dem Wasser habe er sich immer wohlgefühlt, sagt Solcà. «Ich bin lieber auf als im Wasser.» Das Fischen liege ihnen im Blut, meint er. Und das merkt man. Das Schaukeln des Schiffes behindert ihn nicht, sicher und fest steht er im Heck seines Motorbootes. Fast so, als sei er in seinem Boot verwurzelt.

Ursprünglich stamme seine Familie zwar aus dem Tessin. Aber das liege schon lange zurück. Er spreche nicht einmal Italienisch. Heute ist er am Bielersee zu Hause. «Ich bin Seeländer und Berner.» Heimat bedeute für ihn der Ort, an dem man lebt, wo Freunde und Familie sind. «Ich könnte mir nicht vorstellen, an einem anderen Ort zu leben. Im Sommer muss ich am See sein!» Das Fischen erfülle ihn mit Zufriedenheit. Es gebe zwar auch Tage, da fahre man zufrieden raus und komme hässig zurück. Das sei beispielsweise der Fall, wenn ein Netz zerreisse.

Nachdem alle Netze eingeholt und wieder platziert sind, fängt Solcà an, einen Teil der Fische auszunehmen. Dann fährt Solcà zum Hotel Bären in Twann, das auf der gegenüberliegenden Seite des Sees gelegen ist. Dort liefert er die ausgenommenen Fische – etwa acht Kilogramm – ab. Nach den Formalitäten setzt er sich und bekommt wie jeden Morgen – ohne Bestellung - seinen Kaffee serviert. Das habe für ihn Tradition. Schon mit seinem Vater und mit seinem Grossvater sei er immer hierhergekommen.

Insgesamt holte er heute rund 55 Kilo Fisch ein. Zurück in der Fischerei entfernt Solcà mithilfe einer Kartoffelschälmaschine die Schuppen der restlichen Felchen und filetiert sie. Früher hätten das die Abnehmer selbst gemacht, heute gehöre es zu seinem Job. «Über den Rücken filetieren» wie es Solcà nennt, sei schwierig und erfordere Übung. Die präzisen Schnitte und die exakten Bewegungen lassen auf jahrelange Erfahrung schliessen. Bei dieser Methode werden zwei kleine Schnitte, einer kurz vor der Schwanzflosse, ein weiterer kurz vor dem Kopf gemacht. Dann schneidet er den Rücken zwischen den Schnitten auf. Das Filet wird mit dem Messer vom Skelett getrennt. Die gleiche Prozedur erfolgt so routiniert und schnell, dass man mit den Augen kaum folgen kann. Der Abfall wird einmal die Woche abgeholt und zur Herstellung von Biogas verwendet.

Der Fischereibetrieb ist Solcàs Elternhaus. Bereut hat er seine Berufswahl nie, auch wenn der Erwerb manchmal gering ist. Wie lange er noch arbeiten wird, kann er nicht sagen. Wahrscheinlich werde er nach seinem 65. Lebensjahr nur noch seine langjährigen Gastro-Kunden beliefern. Am 8. August wird er 57 Jahre alt. Planen will er jetzt noch nicht. Seine Heimat auf dem Bielersee verlassen, das steht für ihn nicht zur Debatte. (Der Bund)

Erstellt: 14.07.2018, 08:08 Uhr

Gerolfingen in Zahlen

Von Gerolfingen bis Bern sind es rund 40 Kilometer. Mit dem Auto braucht man 40 Minuten, mit der Bahn etwa eine Stunde. Zur nächsten Bus- und Tramhaltestelle gelangt Familie Solcà in ein bis zwei Minuten zu Fuss. Solcà verbringt täglich vier Stunden auf dem Bielersee. Von seinem Anlegeplatz erreicht er das vier Kilometer entfernte gegenüberliegende Twanner Seeufer in fünf Minuten. Bis zur Primarschule waren seine Kinder mit dem Velo etwa fünf Minuten unterwegs, ebenso bis zum Oberstufenzentrum. In der Gemeinde leben etwa 2800 Personen. Die Steueranlage liegt bei 1,59 (zum Vergleich die Stadt Bern: 1,54). Nahe gelegene Einkaufsmöglichkeiten bieten Denner und Coop, eine Postfiliale findet sich gut einen Kilometer entfernt. (kls)

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