«Leseschwäche ist kein Schweizer Problem»

Der Berner Erziehungsdirektor Bernhard Pulver (Grüne) ist von den Ergebnissen der Pisa-Studie nicht überrascht.

Schweizer Schüler sind besser in Mathematik als im Lesen. (Symbolbild)

Schweizer Schüler sind besser in Mathematik als im Lesen. (Symbolbild)

(Bild: Keystone)

Bernhard Ott@Ott_Bernhard

Herr Pulver, laut der neuen Pisa-Studie sind 15-jährige Schweizer gut in Mathematik, aber schlecht im Lesen. Ist das überraschend für Sie?
Wir wissen seit längerem, dass die jungen Schweizerinnen und Schweizer nicht so gut sind im Lesen, wie wir es gerne hätten. Das ist nichts Neues und wir müssen die Leseförderung, die in vielen Schulen stattfindet, weiterführen.

Weshalb hat sich die Erziehungsdirektorenkonferenz (EDK) dagegen entschieden, die Zahlen nach Kantonen zu erheben?
In Zukunft findet Pisa nur noch statt, um die Schweiz international zu vergleichen. Innerhalb der Schweiz und zwischen den Kantonen finden bald eigene Stichproben-Erhebungen statt, um zu sehen, ob wir die Ziele des neuen Lehrplans erreichen. Es ist richtig, dass man Pisa in dieser Art redimensioniert hat.

Was wissen Sie über die Mathematik- und Deutsch-Kenntnisse der Schüler und Schülerinnen im Kanton Bern – und woher wissen Sie es?
Die Zahlen aus den Pisa-Studien sind für detaillierte kantonale Analysen nicht mehr brauchbar. Wir haben nur noch die Zahlen der vorletzten Pisa-Studie. Da hat der Kanton Bern beim Lesen nicht sehr gut abgeschnitten. Wir haben daraufhin Gegenmassnahmen ergriffen. Die haben sich in der letzten Pisa-Studie effektiv positiv ausgewirkt. Wie der Kanton Bern in der aktuell vorliegenden Pisa-Studie abgeschnitten hat, wissen wir nicht.

Wie wollen Sie sich in Zukunft über den Kenntnisstand der Schülerinnen und Schüler im Kanton Bern informieren?
Ich finde es richtig, dass wir in der Schweiz mit Stichproben erheben, ob die Schüler die gemeinsamen Lehrplan-Ziele erreichen. Dafür muss der Lehrplan 21 zuerst einmal eingeführt werden.

Worauf sind die bescheidenen Resultate in Deutsch zurückzuführen? Welche Rolle spielt etwa das Spannungsfeld zwischen Hochsprache und Mundart oder der hohe Anteil fremdsprachiger Kinder?
Sicher vereinfacht weder das Nebeneinander von Mundart und Hochsprache noch der hohe Anteil fremdsprachiger Kinder das Lernen der Erstsprache. Ich habe aber nicht den Eindruck, dass die Leseschwäche ein spezifisches Schweizer Problem ist. Deutschland und Österreich kämpfen meines Wissens mit den gleichen Problemen.

Bei der Chancengleichheit schneidet die Schweiz in der Pisa-Studie ebenfalls nicht sehr gut ab. Wie erklären Sie sich das? Und was müsste hier unternommen werden?
In der Schweiz ist der Bildungserfolg im internationalen Vergleich stark abhängig vom Bildungshintergrund der Eltern. Das ist in der Tat ein Problem mangelnder Chancengleichheit. Nur: Das ist auch politisch so gewollt.

Wie meinen Sie das?
In anderen Ländern gibt es eine Ganztagesbetreuung der Kinder ab dem zweiten Altersjahr, so ist der Einfluss der Eltern auf die Bildung der Kinder kleiner. Wir wollen das in der Schweiz aber nicht – erinnern Sie sich nur an die Diskussionen um die Harmonisierung der obligatorischen Schule (Harmos), als es um ein Kindergartenobligatorium ab dem vierten Altersjahr ging.

Der Einfluss der Eltern ist bis zum Gymnasiumübertritt gross. Wer es sich leisten kann, schickt sein Kind in privaten Ergänzungsunterricht.
Das trifft zu. Dafür haben wir aber eine hohe Durchlässigkeit nach der Sekundarstufe II und der Tertiär-Stufe dank der Berufsmatur. Die tiefe Jugendarbeitslosigkeit in der Schweiz zeigt die Leistungsfähigkeit dieses Systems. Wäre die Durchlässigkeit auf dieser Stufe nicht gewährleistet, hätten wir ein Problem.

Der Bund

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