«Lesen, Garten, Oldtimer»

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Das Wahlkampfmaterial zeigt es unmissverständlich: Hinter einem Kandidatennamen steckt ein Mensch. Mit allem, was dazugehört: Jahresringen, Enkelkindern, Hobbys, Vereinsmitgliedschaften und sexuellen Vorlieben.

Anzahl Enkel, Vereinsmitgliedschaften, Lieblingstiere: Die Kandidaten der Gross- und Regierungsratswahlen geben viel von sich preis.

Anzahl Enkel, Vereinsmitgliedschaften, Lieblingstiere: Die Kandidaten der Gross- und Regierungsratswahlen geben viel von sich preis.

(Bild: hjo)

Das Bonmot mit der Million Franken, die aus jedem Kartoffelsack einen Bundesrat macht, ist hinlänglich bekannt. Allerdings ist Geld im Wahlkampf nicht alles. Wer um die Gunst der Wählenden buhlt, tut gut daran, so etwas wie Persönlichkeit zu besitzen. Menschen wählen Menschen, nicht Kandidaten. Natürlich kann es hin und wieder vorkommen, dass ein konturenarmer Feld-und-Wiesen-Politiker in einem Gremium zu sitzen kommt. Doch solch einer wird sich seine eigene Farblosigkeit in jeder 100-Tage-Bilanz und jedem Legislaturrückblick vorwerfen lassen müssen.

In der Regel versuchen Kandidatinnen und Kandidaten den Generalverdacht der Sprödigkeit deshalb bereits im Wahlkampf auszuräumen. Und so erstaunt es auch nicht, dass es im jüngst zugestellten Propagandapacken des Wahlmaterials zu den Regierungs- und Grossratswahlen am 30. März nicht nur um politische Inhalte geht, sondern viel mehr um die Menschen dahinter. Und die lassen tief blicken.

Porträt mit Pferd

Die bisherigen Regierungsräte und ihre wenigen Herausforderer haben es vergleichsweise einfach, ihr Menschsein hervorzustreichen. Erstens sind bereits während der letzten Amtszeit Vertraulichkeiten an die Öffentlichkeit gesickert, etwa eine späte Vaterschaft (Christoph Neuhaus, SVP) oder ein Knochenbruch aus dem Skiurlaub (Barbara Egger, SP), und zweitens haben sie im Flyer stets mehr Platz zur Ausbreitung als ein landläufiger Grossratskandidat, der sich die Broschüre mit lauter anderen Köpfen teilen muss.

Diesen Platz wissen gerade die Hoffnungsträger der bürgerlichen Wende gut zu nutzen, in Bild und Text: Hans-Jürg Käser (FDP) ist traditionsbewusst (Schnappschuss mit Trachtenfrau) und weiss, was er mit seiner Freizeit anzufangen hat («Lesen, Garten, Oldtimer»). Der jurassische Herausforderer Manfred Bühler mag es zackig (Porträt vor Schnellbooten) und ist gut vernetzt («Sport, Familie, Vereinsleben»). Beatrice Simon schätzt gute Freundschaften (Foto mit Bundesrätin Widmer-Schlumpf) und ist gern unterwegs («Hunde, Natur, Reisen»). Christoph Neuhaus ist tierlieb (Porträt mit Pferd), kann aber auch ein gutes Buch geniessen («Sport, Hof & Tiere, Lesen»).

Stefan Hofer, Pilot, SVP

Richtig zutraulich wird es aber erst bei den Kandidatinnen und Kandidaten für den Grossen Rat. Sein unverkrampftes Verhältnis zu Fesselspielen («Du entscheidest, wer dich fesseln darf») hat der Berner Jungfreisinn bereits kundgetan. Doch es geht auch weniger frivol. In der Minimalausgabe der Kandidatenporträts sind Name, Jahrgang und Beruf neben das Foto gedruckt, oft mitsamt personalisiertem Zitat («Mit starken Argumenten ‹pilotisieren›!»: Stefan Hofer, 1975, Pilot, SVP). Beziehungsstatus und Familienzahl hingegen sind fakultativ und werden vornehmlich im christlichen Spektrum extra aufgeführt («glücklich verheiratet, zwei erwachsene Söhne und drei Teenies», Esther Isenschmid-Wyss, EVP).

Wenn nicht aus der Erfahrung, so wissen die Wählerinnen und Wähler via Smartvote-Profil längst, welche Parteivertreterinnen und -vertreter ihnen Gutes tun. Doch was, wenn es gilt, auf einer zusammenpanaschierten Liste ein paar verbleibende Zeilen zu füllen? Da zählt nur noch die Sympathie. Kaum ein Sitzaspirant lässt es sich deshalb nehmen, seine Hobbys aufzulisten – könnte ja sein, dass ein potentieller Wähler ihn als Seinesgleichen erkennt.

Finden sich bei der SP erklärte Aare- und YB-Fans, Velofahrer, Freizeitfotografen, Seglerinnen, Schrebergärtnerinnen, Kickboxerinnen, Jogger und Hobbyköche, sind es bei den Schweizer Demokraten Modelleisenbähnler, Katzenliebhaberinnen, Camper, Inlineskater und Schützen. Jetzt muss man nur noch (aus-)wählen. «Be free!» würde der Jungfreisinn sagen.

Hanna Jordi ist Redaktorin und Leiterin des Online-Ressorts von «Der Bund».

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