Lasst den Lehrplan ein Fachwerk bleiben

Es ist legitim, dass Volk und Parlament die Schule beeinflussen möchten. Die Lehrplan-Initiative braucht es dazu aber nicht – wer mitgestalten will, kann das schon heute tun.

Lehrer würden «zu Lerncoaches degradiert», sagen die Gegner des Lehrplans 21.

Lehrer würden «zu Lerncoaches degradiert», sagen die Gegner des Lehrplans 21. Bild: Gaetan Bally/Keystone

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Auf den ersten Blick gibt es nichts einzuwenden: Wer, wenn nicht das Volk, soll über die Lehrpläne der Volksschule entscheiden? Die Initiative «Für demokratische Mitsprache – Lehrpläne vors Volk!» verlangt genau dies. Wird sie am 4. März angenommen, müssen neue Lehrpläne künftig dem Parlament zur Genehmigung vorgelegt werden. Ergreift jemand das Referendum, hätte das Volk das letzte Wort.

Heute obliegt es dem Erziehungsdirektor, neue Lehrpläne einzuführen. Das stört die Urheberinnen der Lehrplan-Initiative. Ein Lehrplan lege «im Auftrag des Volkes in groben Zügen fest», welche Aufgaben es der Volksschule zuweise, argumentieren sie. Neue Lehrpläne sollten darum in Zukunft «durch den Auftraggeber» legitimiert werden.

Was auf den ersten Blick einleuchtet, erweist sich bei näherer Betrachtung als komplizierter. Am Anfang steht ein Irrtum: Nicht der Lehrplan legt die Aufgaben der Volksschule «in groben Zügen fest», sondern das Volksschulgesetz. Darin sind etwa Unterrichtsformen und -inhalte geregelt. Und Artikel 2 trägt sogar den Titel: «Aufgaben der Volksschule».

Vorsicht vor dem Baggerlöffel

Warum es richtig ist, dass das Volk über das Volksschulgesetz, nicht aber über den Lehrplan bestimmen darf, kann eine Analogie zeigen. Zum Beispiel das Bauwesen: Parlament und Volk bestimmen das Baugesetz, der Regierungsrat konkretisiert dieses in der Bauverordnung. Zum Thema Arbeitssicherheit etwa geht aus dem Gesetz lediglich hervor, dass die Sicherheit und Hygiene auf Baustellen gewährleistet sein müsse. Erst in der Verordnung wird dies detailliert ausgeführt. So heisst es dort dann etwa, dass «der Durchgang oder Aufenthalt von Personen im Schwenkbereich der Löffel von Baggern und ähnlichen Aushubmaschinen» untersagt sei.

Volksschulgesetz und Lehrplan verhalten sich ähnlich zueinander. Im Gesetz heisst es zum Beispiel, die Schule müsse eine Grundbildung in Mathematik vermitteln. Im Lehrplan 21 lautet dann einer von Hunderten Kompetenzschritten zum Thema Mathematik: «Die Schülerinnen und Schüler können in einer Programmierumgebung Befehle zum Zeichnen von Formen eingeben, verändern und die Auswirkungen beschreiben.»

Beim Bauen wie in der Schule stellt sich die Frage, was von welcher Instanz geregelt werden soll. Es gäbe durchaus Motive, das Thema Baustellensicherheit zu politisieren. Bauunternehmer könnten viel Geld sparen, wenn man die Vorschriften etwas entschlacken würde. Doch Parlament und Volk überlassen es dem Regierungsrat und den Experten in der Verwaltung, diese Vorschriften zu erlassen. Sollten sie mit dem Ergebnis grundsätzlich unzufrieden sein, könnten sie via Baugesetz eingreifen.

Schaukampf machts nicht besser

Gewiss, Lehrpläne wecken mehr Emotionen, weil sie Kinder betreffen. Und sie sind womöglich auch anfälliger für ideologische Auswüchse. Doch im Prinzip geht es ums Gleiche. Ein Lehrplan ist ein Fachwerk, detaillierter als jede Verordnung. Selbst wenn er Mängel oder ideologische Schlagseite aufweisen sollte – ihn dem politischen Schaukampf auszusetzen, garantiert keine Besserung.

Das zeigt sich schon daran, wie verschieden die Argumente der Befürworter der Initiative sind. Lanciert haben sie christlich-konservative Eltern aus dem Berner Oberland. Im Hintergrund haben aber auch der bekannte Bieler Lehrer Alain Pichard und der Erziehungswissenschaftler Walter Herzog mitgewirkt, die Wert darauf legen, «nicht in die konservative Ecke gestellt» zu werden.

Der Lehrplan ist ein Prügelknabe

Was die Befürworter der Initiative eint: Sie sind gegen den Lehrplan 21. Die einen stören sich an Sexualkundeunterricht und weltanschaulichen Dingen. Die anderen kritisieren den kompetenzorientierten Aufbau des neuen Lehrplans. Lehrerinnen würden «zu Lerncoaches degradiert», heisst es weiter, und vor «flächendeckenden Tests» wird gewarnt. Doch längst nicht alles, was am Lehrplan 21 kritisiert wird, steht auch drin. Der erwähnte Walter Herzog hat deswegen sogar einmal gesagt, das Umfeld der Lehrplan-Gegner sei ihm «etwas suspekt».

Auch wenn die Initiative angenommen werden sollte, wird der Lehrplan 21 ab dem kommenden Schuljahr eingeführt. Er müsste dann aber nachträglich von Parlament und Volk genehmigt werden. Die entsprechende Volksabstimmung könnte frühestens 2020 stattfinden. Erst wenn sie auch diese zweite Abstimmung gewinnen, sind die Gegner des Lehrplans 21 am Ziel. Es wäre dann am Regierungsrat, einen neuen Lehrplan ausarbeiten und von Parlament und Volk genehmigen zu lassen.

Die Gegner des Lehrplans 21 gehen davon aus, dass dieser Prozess zu einem besseren Lehrplan führte. Gut möglich, dass sich das als Trugschluss erwiese. Dem Regierungsrat bliebe nichts anderes übrig, als bei einem neuen Lehrplan einfach jene Teile wegzulassen, die zu Kritik geführt haben. Doch ein solches Vorgehen kann einem mehrere Hundert Seiten langen Dokument unmöglich gerecht werden.

Eine Schule voller Möglichkeiten

Zum Glück ist der Lehrplan nicht ganz so bedeutsam, wie die heftigen Diskussionen derzeit vermuten lassen. Auch wenn ab kommendem Sommer der Lehrplan 21 gilt, unterrichten die Lehrerinnen und Lehrer immer noch selbst – mit Lehrmitteln, die sie in vielen Fällen selber wählen können. Daneben wachen Schulkommissionen, Gemeinderäte, Elternräte und viele mehr darüber, dass es den Kindern gut geht. Wollen Eltern ihre Kinder gewissen Themen partout nicht aussetzen, sind Dispensationen möglich.

Wem das alles nicht genügt, der hat bereits heute die Möglichkeit, grundsätzlichen Einfluss zu nehmen: mit einer Änderung des Volksschulgesetzes. Dort könnte man Fächerkataloge festschreiben oder Form und Umfang des Lehrplans genauer definieren, wenn sich Mehrheiten dafür finden. So bliebe der politische Kampf auf der Ebene, die dafür vorgesehen ist. Und der Lehrplan dürfte bleiben, was er sein soll: ein Fachwerk, geschrieben von Experten. (Der Bund)

Erstellt: 12.02.2018, 06:33 Uhr

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