Oberaargauer Vorbild

Der Heimatschutz würdigt Langenthals Bereitschaft zum Dialog. Beim ehemaligen Areal der Porzellanfabrik muss dieser erst noch Früchte tragen.

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Um Schutz und Erhalt geht es auch. Doch Neues ist dabei nicht ausgeschlossen. «Nur durch Erneuerung ist Zukunft möglich», sagte Adrian Schmid, Geschäftsführer des Schweizer Heimatschutzes, als er am Dienstag den Gewinner des Wakkerpreises 2019 würdigte. An Langenthal hat den Heimatschutz überzeugt, wie die Stadt ihr industrielles Erbe in die Zukunft führt. Dabei geht es längst nicht nur um Fabrikareale.

Von Zeiten blühender Industrie zeugen auch alte Villen zwischen Bahnhof und Zentrum sowie Arbeitersiedlungen, die renoviert werden müssen. Dabei setzt Langenthal auf ein Verfahren, das gemäss dem Heimatschutz der Qualität dient. Bei kleineren und mittleren Bauvorhaben in denkmalgeschützter Umgebung wartet die Stadt nicht das Baugesuch ab, sondern bietet Architekten und Bauherren von Anfang an Workshops mit externen Experten sowie Vertretern der Gemeinde und der Denkmalpflege an.

So könne man verhindern, dass es beim Baubewilligungsverfahren zu einem Scherbenhaufen komme, führte Stadtbaumeister Enrico Slongo am Dienstag aus. Es entstehe ein Dialog, und im Idealfall herrsche in der anschliessenden Bauprojektphase Konsens.

Verfahren mit Ausstrahlung

Architekt Markus Lüscher von Lüscher Egli AG bezeichnet auf Anfrage die Workshops als gutes Planungsinstrument, sein Büro habe schon an mehreren teilgenommen. Das Verfahren sei aufwendig und involviere viele Personen, aber man gelange zu guten Ergebnissen und habe danach ein genehmigungsfähiges Projekt und die Unterstützung der Behörden. Der Architekt verweist aber auch auf die Tücken. So können einerseits zwar Ausnahmen ermöglicht werden, es könne aber auch sein, dass dem Bauherrn Einschränkungen etwa beim Mass der Nutzung gemacht würden, mit denen er nicht gerechnet habe.

Der Könizer Luc Mentha lobt Langenthal. Er war Gemeindepräsident, als der Wakkerpreis 2012 an Köniz ging, und weiss, welche Ausstrahlung der Preis hat. Solche Workshops gelte es vermehrt anzubieten, sagt er. «So können Gemeinden frühzeitig mit Investoren und Architekten ins Gespräch kommen und Frustrationen zu einem späteren Zeitpunkt vermeiden.»

Neues Quartier auf Porzi-Areal

Langenthal hat in den letzten Jahren öffentliche Räume aufgewertet, Schulanlagen und das Stadttheater renoviert, auch dafür würdigt der Heimatschutz die Stadt. Deren Präsident Reto Müller liess am Dienstag nicht unerwähnt, dass die 16000-Seelen-Gemeinde auch vor baulichen Herausforderungen steht. Es gelte, bestehende Wohnquartiere zu verdichten, «weil ausserhalb der Siedlungsstruktur kein Bauland zur Verfügung steht». Er verwies allerdings auch auf den Leerwohnungsbestand. «Und wir haben Brachen.»

Die prominenteste Brache ist das Areal der Porzellanfabrik, die seit den späten 1990er-Jahren nicht mehr in Langenthal produziert. Ein grosser Teil des Areals gehört heute der Unternehmensgruppe Ducksch Anliker. Einige Gebäude werden zwischengenutzt, einige sind gemäss dem Heimatschutz in schlechtem Zustand. Aus dem Industriegebiet soll in Zukunft ein neuer Stadtteil werden. Auch hier lobt der Heimatschutz das gemeinschaftliche Vorgehen. Verschiedene Teams brachten sich während eines Testplanungsverfahrens ein.

Mit dem so entstandenen Regelwerk könne man nun die Planung angehen, sagte Stadtbaumeister Slongo. Wie die Stadt Langenthal kürzlich mitteilte, wird sich die Bevölkerung in einer Abstimmung zur baurechtlichen Grundordnung äussern können, demnächst ist eine Informationsveranstaltung geplant. Der Verein Porziareal, der sich für den Erhalt der bestehenden Bausubstanz einsetzt, schrieb im Herbst, man werde die Entwicklung weiterhin aufmerksam und mit einer Portion Skepsis beobachten.

Wenn es darum geht, Industriebauten, die ihren ursprünglichen Zweck verloren haben, umzunutzen, kann sich Langenthal Bern zum Vorbild nehmen. Die Bundesstadt hat dafür 1997 den Wakkerpreis erhalten. Wenige Jahre zuvor war die Uni Tobler in Gebäuden der ehemaligen Schokoladefabrik eröffnet worden. (Der Bund)

Erstellt: 15.01.2019, 10:21 Uhr

Zum sechsten Mal im Kanton Bern

Nach Wiedlisbach, Diemtigen, Bern, Biel und Köniz geht der Wakkerpreis zum sechsten Mal in den Kanton Bern. Er ist mit einem Preisgeld von 20000 Franken und viel Aufmerksamkeit verbunden. Die Preisübergabe ist am 29. Juni in Langenthal. Mit dem Wakkerpreis zeichnet der Schweizer Heimatschutz seit 1972 jährlich Gemeinden oder Organisationen aus, die «bezüglich Ortsbild- und Siedlungsentwicklung» Besonderes leisten. Ging es anfänglich vor allem um den Erhalt, so sind heute Orte im Fokus, die sich «unter zeitgenössischen Gesichtspunkten sorgfältig weiterentwickeln». (pd/bw)

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