Kritik an fehlendem Wohnraum für Behinderte

Laut Behindertenorganisationen braucht es mehr Engagement von Kanton und Bund, damit Rollstuhlfahrende passende Wohnungen bekommen.

«Die Kombination günstig und rollstuhlgängig ist rar in Bern.», sagt Urs Germann, Leiter der Stadtberner Fachstelle Gleichstellung von Menschen mit Behinderungen.

«Die Kombination günstig und rollstuhlgängig ist rar in Bern.», sagt Urs Germann, Leiter der Stadtberner Fachstelle Gleichstellung von Menschen mit Behinderungen. Bild: Reto Oeschger (Symbolbild)

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Günstige Wohnungen für Rollstuhlfahrer sind im Raum Bern rar. Zu diesem Schluss kommt eine Untersuchung des Schweizerischen Behindertenverbands Procap. Basierend auf einem Stichtag und via das Vergleichsportal Comparis.ch kommt die Organisation zum Schluss: Von 388 Wohnungen im Preissegment bis 1400 Franken – dieses Budget steht Rollstuhlfahrenden, die auf Ergänzungsleistungen angewiesen sind, zur Verfügung – sind fünf als rollstuhlgängig deklariert. Laut Procop haben allerdings Abklärungen ergeben, dass letztlich nur drei passend waren.

«Wir haben bei der Besichtigung geschaut, ob die Wohnungen die sechs Minimalanforderungen erfüllen, die gegeben sein müssen, damit eine Wohnung überhaupt rollstuhlgängig angepasst werden kann», schreibt Urs Schnyder, Wohnexperte bei Procap Schweiz und selbst Rollstuhlfahrer, in der Dokumentation, die dem «Bund» vorliegt.

Eine der drei Wohnungen sei falsch deklariert und also nicht anpassbar gewesen. So waren etwa das Bad und die Küche zu klein, Türrahmen und der Korridor zu wenig breit. Für Remo Petri von Procap Schweiz ist klar: «Viele Rollstuhlfahrende sind gezwungen, teure Wohnungen zu mieten, weil es keine genügend grosse Auswahl von rollstuhlgängigen Wohnungen im IV-EL-Budget gibt.» Das Geld fehle dann in der Haushaltskasse für das Notwendigste. Menschen mit Behinderungen hätten dabei kaum Möglichkeiten, ihre Einkommensverhältnisse zu verbessern, und blieben in der Armutsfalle gefangen.

Das Problem wird in Bern weder von der öffentlichen Hand noch von privaten Unternehmen bestritten. Urs Germann, Leiter der Stadtberner Fachstelle Gleichstellung von Menschen mit Behinderungen sagt: «Die Kombination günstig und rollstuhlgängig ist rar in Bern.» Zutun habe das damit, dass die Mieten in der Stadt hoch und gleichzeitig viele Gebäude älter seien und über keinen Lift verfügten. Und Michael Friedli von der Immobilienbewirtschafterin Von Graffenried AG Liegenschaften verweist auf den Umstand, dass viele ältere und damit günstigere Liegenschaften über ein Hochparterre verfügen und damit auch über keine rollstuhlgängige Wohnungen im Erdgeschoss.

Mehr Ergänzungsleistungen

SP-Grossrätin Béatrice Stucki, Grossrätin und Vorstandsmitglied der kantonalen Behindertenkonferenz, findet zwar, dass die Stadt Bern sehr wohl vorbildliche Massnahmen ergriffen habe. Sie denkt etwa an die Überbauung Stöckacker-Süd oder an die geplante Überbauung im Rossfeld. Sie sagt aber auch, dass man auch an den Rollator denken müsse, denn behindertengerechtes Wohnen ist letztlich auch altersgerechtes Wohnen.

Rollstuhlgerechtes Wohnen ist gesetzlich geregelt. Demnach müssen laut Procap Wohnungen in Mehrfamilienhäusern ab fünf Einheiten «rollstuhlgerecht anpassbar» gebaut werden: Türen müssen mindestens 80 Zentimeter und Korridore mindestens 120 Zentimeter breit sein, auch sollten keine Schwellen über 2,5 Zentimeter vorhanden sein. Laut Petri gehen rund 90 Prozent der Baubewilligungen im Bereich Wohnen über den Tisch von Procap. So können Fehler im Bewilligungsverfahren weitgehend vermieden werden. Allerdings entstünden dann in der Ausführung oft Fehler, wie etwa zu hohe Schwellen bei Balkontüren.

Um das Problem zu beseitigen, fordert Stucki eine stärkere Sensibilisierung bei den Handwerksausbildungen sowie eine kantonale Fachstelle für Behindertenfragen. Procap wiederum setzt bei den Unterstützungsbeiträgen an: Die Organisation verlangt eine Erhöhung von Ergänzungsleistungen und Rollstuhlpauschale. Die Reform der Ergänzungsleistungen inklusive Rollstuhlpauschale kommt in der laufenden eidgenössischen Frühlingssession in den Nationalrat; die Debatte ist auf den 14. März traktandiert. (Der Bund)

Erstellt: 05.03.2018, 06:46 Uhr

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