Krafttiere auf Halbkarton

26 Flyer warten dieser Tage in Berner Briefkästen darauf, aus dem Zellophan ausgepackt und studiert zu werden. Wir haben die Broschürenflut gesichtet.

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Hanna Jordi

Assugrin oder Zucker, Margarine oder Butter, Fleischkäse oder Tofuaufschnitt: Am Küchentisch werden wichtige Entscheide gefällt. Welchem Kandidaten oder welcher Kandidatin man am 18. Oktober seine Stimme geben will, gehört eher nicht dazu. Oftmals sind die Meinungen bereits gemacht. Eine komplexe Mélange aus eingeschliffenen Parteisympathien, der Anzahl wahrgenommener Wahlplakate auf dem Arbeitsweg und die allgemeine Weltlage formen die Wahlabsichten bereits Wochen vor dem Urnengang.

Trotzdem trifft er in diesen Tagen wieder ein: der dicke Packen an Wahlflyern im Wahlcouvert, bereit, auf dem Küchentisch erlesen zu werden: 567 Nationalratskandidatinnen und -kandidaten und elf Ständeratskandidatinnen und -kandidaten versammeln sich auf insgesamt 30 Leporellos. Sie alle wissen: Wollen sie jetzt noch Kundschaft gewinnen, müssen sie aus dem Stapel herausstechen. Der «Bund» hat das Wahlkampfmaterial gesichtet und die augenfälligsten Strategietrends herausgeschält.

1. Krafttiere

Nachdem die SVP mit Geissbock Zottel und Sennenhund Willy das tierische Wahlkampfmaskottchen stubenfähig gemacht hat, ziehen nun die Kantonalparteien der BDP und der FDP nach. Die BDP wählt die Biene, die FDP den Bären. Freilich ist das ein risikobehaftetes Unterfangen, denn die Partei ist der Metaphorik der vermeintlichen Krafttiere auf Gedeih und Verderb ausgeliefert. Die FDP ist mit dem Bären – robust und nach längerer Dämmerphase bereit, aus der Winterruhe zu erwachen – gut bedient. Die BDP dagegen sendet gefährliche Signale aus: Gelb-schwarz und fleissig, aber auch allenthalben ums Überleben am Kämpfen ist sie, die Biene. Der hierarchischen Organisation im Bienenstock dagegen trägt die Partei gern Rechnung: Vom Flyerumschlag grüsst Bundesrätin Eveline Widmer-Schlumpf.

2. Social-Mania

Wahlkampf muss überall stattfinden: Am Stammtisch, in der Hitparade, auf den sozialen Netzwerken. Während sich die Nutzer des Kurznachrichtendienstes Twitter noch nicht gänzlich einig sind, ob sie die kommenden Wahlen unter dem Schlagwort #wahl15, #wahlen15 oder #wahlenCH15 kommentieren wollen, haben sich Berns Jungparteien festgelegt: Die Junge BDP setzt sich mit #generationbdp ein Denkmal, die Juso annektierten das Schlagwort #empört und die jungen Grünliberalen fordern unter anderem etwas umständlich #rückverteilte Lenkungsabgaben. In einem Umfeld, in dem Prägnanz, Kürze und Eigenprägung belohnt wird, ist die BDP am besten beraten. Im Gegensatz zu den Juso. #Empören tun sich nämlich viele, gar nicht etwa nur Jungsozialisten. «Wo bleibt das #iPhone6Plus Update? #empört», schreibt der Twitternutzer, der dem Kapitalismus noch nicht gänzlich abgeschworen hat.

3. Papier-Geld

Begrenzte Ressourcen, sichere Renten, weniger Reithalle: Ob die Slogans das Papier wert sind, auf das sie gedruckt wurden, entscheidet am Schluss die Wählerschaft. Zuvor aber haben Parteistrategen über der Frage gebrütet, wie viel Papier-Geld sie lockermachen wollen an der Flyer-Front. Der bisherige SP-Ständerat Hans Stöckli und die kandidierende Grüne Christine Häsler lassen den Wert ihres Papiers umrechnen – in Energiewerte: «Dieser Prospekt besteht aus 100% Recyclingpapier. Damit wurden etwa 100'000 Liter Wasser, 6 Tonnen Holz und 15'000 kWH Energie gespart.» Die Unterschiede sind aber auch über die CO2-Bilanz hinaus frappant. Während die FDP auf veritablem Halbkarton daherkommt, würde der GLP-Flyer glatt als Pauspapier durchgehen. Zumindest sorgen die rückseitig aufgedruckten Kandidaten bei den Vorseitigen für lustige Dopplereffekte und unvermutete Glorienscheine. Hätte man das bei der CVP gewusst!

4. Einfach anders

Professionelle Kommunikatoren finden sich von ganz links bis ganz rechts im Spektrum. Erfrischend wird es, wenn einer mit alten Glaubenssätzen bricht. Etwa, dass man die Schriftarten auf dem Wahlflyer an einer Hand abzählen können sollte, um das Auge des Betrachters nicht zu verwirren. Philipp Jutzi, «parteilos, sachorientiert, unabhängig» und aus Interlaken, trifft mit seiner farbenprächtigen Liste 26 («die letzte Seite») ästhetisch gewagte Entscheidungen. Auch im Wählerkontakt geht er neue Wege, hat er doch nebenher das analoge Kommentarforum erfunden. Auf den Wahlplakaten, die er in der Region angebracht hat, können Betrachter ihre Meinung hinterlassen. Einer von ihnen hat sich mit Kugelschreiber verewigt: «Dieses Plakat ist eine Beleidigung für den guten Geschmack. Trotzdem viel Erfolg!»

5. Mach dich rar

Nach dem Durchblättern der üblichen Verdächtigen fällt auf: Liste 24 fehlt, das «Alpenparlament» macht sich rar. Wie ein Anruf auf dem Sekretariat der Vereinigung zeigt, liegt hier kein Fehler der Staatskanzlei vor. In der Gemeinde Bern fehlten die Wahlflyer, weil die Flyerbeigen maschinell abgepackt würden, und das entgegen den Grundsätzen des Alpenparlaments, das auf seiner Webseite Verschwörungstheorien von flugzeuginduzierten Schadstoffen («Chemtrails») bis zur «CO2-Lüge» wälzt. Man zähle auf Handarbeit. «Daher der Boykott», erklärt Sekretär Roland Schöni. Die Flyer würden nun von Hand an die Stadtberner Haushalte verteilt. In einer Festgemeinschaft wird über den abwesenden Gast am meisten getuschelt. Wer sich hin und wieder kostbar macht, ist also gut beraten.

Der Bund

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