«Für die kleinsten Lebewesen ist es am schlimmsten»

Die Chemikerin Claudia Minkowski untersucht die Qualität der Berner Gewässer. Sorgen bereitet ihr insbesondere die Situation im Seeland. Pestizide belasten vor allem die kleinen Gewässer.

Grosse Gewässer wie die Aare sind in einem guten Zustand, kleinere Gewässer leiden unter Mikroverunreinigungen.

Grosse Gewässer wie die Aare sind in einem guten Zustand, kleinere Gewässer leiden unter Mikroverunreinigungen. Bild: Franziska Scheidegger

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Frau Minkowski, auf einer Skala von eins bis zehn: Wie sauber sind die Berner Flüsse und Seen?
Die grossen Gewässer gehen eher gegen die Zehn, die kleinen Gewässer eher gegen die Eins – natürlich sehr pauschal ausgedrückt! Das heisst, Aare, Sense und Bielersee sind in einem guten bis sehr guten Zustand, hingegen sind die kleinen Gewässer, vor allem im Seeland, in einem mässigen bis ungenügenden Zustand.

Problematisch sind laut dem neuen Gewässerschutzbericht die sogenannten Mikroverunreinigungen. Woher stammen diese?
Oft sind das Substanzen aus dem Siedlungsbereich, also Rückstände aus Medikamenten, Lebensmittelzusätzen und Kosmetika. Die heutigen Kläranlagen sind noch nicht in der Lage, all diese Stoffe herauszufiltern. Oder es handelt sich um Pflanzenschutzmittel aus der Landwirtschaft.

Müssen jetzt die Kläranlagen aufgerüstet werden?
Ja, das ist schweizweit vorgesehen. Alle grossen Kläranlagen sollen mit einer zusätzlichen Reinigungsstufe ausgerüstet werden, sodass die Mikroverunreinigungen herausgefiltert werden können. Aber das geht nicht von heute auf morgen.

Und was kann der Konsument tun?
Wichtig ist es, nicht mehr gebrauchte Medikamente nicht in der Toilette zu entsorgen. Sie gehören in den Hauskehricht. Im Garten sollte man auf Biozide verzichten oder schauen, dass keiner dieser Stoffe in den Abfluss gelangt.

Besonders stark verschmutzt sind die kleinen Gewässer im Seeland. Warum?
Einen grossen Beitrag zu den Verunreinigungen leisten die von der Landwirtschaft eingesetzten Pflanzenschutzmittel. Im Seeland, wo intensiv Landwirtschaft betrieben wird, ist die Situation für den Gewässerschutz problematisch.

Wer ist davon betroffen?
Für die kleinsten Lebewesen ist es immer am schlimmsten. Betroffen sind vor allem Algen und kleine Krebse, aber auch Frösche und Fische. Kleine Fliessgewässer sind auch deshalb besonders betroffen, weil die Schadstoffe nur wenig mit frischem Wasser vermischt werden.

Dieses Problem ist eigentlich schon lange bekannt. Macht der Kanton zu wenig?
Es sind schon Bestrebungen im Gange, die Belastung der Gewässer durch Pestizide zu reduzieren. Auf nationaler Ebene gibt es beispielsweise den Aktionsplan Pflanzenschutzmittel. Im Kanton läuft seit dem Frühjahr das Berner Pflanzenschutzprojekt. Es sieht vor, die Situation mit einer Vielzahl an Massnahmen, welche die Bauern auf freiwilliger Basis umsetzen können, zu verbessern.

Reicht es tatsächlich aus, auf Freiwilligkeit bei den Bauern zu setzen?
Das wird sich zeigen. Wir werden jedenfalls die Gewässer während der gesamten Dauer des Projekts genau untersuchen. Insgesamt gehen wir aber schon von einer Verbesserung aus.

Sie haben auch das Grundwasser untersucht. Auch dort fanden Sie Rückstände von Pestiziden. Das ist doch alarmierend.
Das liegt aber daran, dass die Pflanzenschutzmittel – oder deren Umwandlungsprodukte – zum Teil aus sehr langlebigen Substanzen bestehen und sich deshalb sehr schlecht abbauen. Solche Substanzen können wir dann noch Jahrzehnte später im Grundwasser nachweisen, beispielsweise die längst verbotene Substanz Atrazin. Aber es lassen sich eben auch Stoffe im Grundwasser nachweisen, welche aktuell eingesetzt werden. Im Seeland ist das vor allem ein Herbizid, welches für den Zuckerrübenanbau eingesetzt wird.

Besteht kein Gesundheitsrisiko?
Von den Konzentrationen her ist es noch nicht problematisch für den Menschen, aber es ist eine unschöne Situation. Es ist ein künstlicher Stoff, der im Grundwasser nichts verloren hat.

Sie haben dieses Jahr speziell auch den Berner Jura untersucht. Teilweise haben Sie dort «extrem» hohe Belastungen durch Schwermetalle festgestellt. Woran liegt das?
Da ist hauptsächlich der Fluss Birs betroffen, in der Region um Reconvilier, wo viel Metallindustrie beheimatet ist. Es sind oft Schwermetalle, die schon vor längerer Zeit im Boden angereichert wurden und die nun mit der Zeit durch Niederschlag ausgewaschen werden und in die Gewässer gelangen. Die Situation lässt sich nur schwer ändern, man muss sie quasi aussitzen. (DerBund.ch/Newsnet)

Erstellt: 21.09.2017, 06:44 Uhr

Claudia Minkowski, Leiterin des kantonalen Gewässer- und Bodenschutzlabors. (Bild: zvg)

Gewässerbericht 2015/16

Der am Mittwoch veröffentlichte Gewässerbericht des kantonalen Amts für Wasser und Abfall gibt einen Überblick über die Qualität der Seen, Bäche und Flüsse sowie des Grundwassers im Kanton Bern. Während die Belastung durch Stickstoff und Phosphor in den letzten Jahren abgenommen hat, bereiten sogenannte Mikroverunreinigungen den Gewässerschützern Sorgen. Die Qualität des Grundwassers im Seeland werde durch menschliche Faktoren «teils erheblich beeinträchtigt». Vor allem die Rückstände von Pflanzenschutzmitteln und ihre Umwandlungsprodukte seien zunehmend ein Problem und stellten Trink- und Wasserversorgung «vor einige Herausforderungen», steht im 40-seitigen Bericht. Dieser kann online eingesehen werden – wasser.derbund.ch.

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