Kleines Lob auf die Bremser vom Land

Linke Stadtberner erregen sich leicht über rechte Landgebiete. Dabei ist das Spannungsverhältnis ein Segen für alle.

Das Land und die Stadt: Im Vordergrund ruhen sich die Kühe aus, während im Hintergrund das Stadtleben seinen Lauf nimmt.

Das Land und die Stadt: Im Vordergrund ruhen sich die Kühe aus, während im Hintergrund das Stadtleben seinen Lauf nimmt. Bild: Valerie Chetelat (Archiv/Symbolbild)

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«Hallo Provinz». Das wollte ein Kollege auf der Frontseite des «Bund» schreiben. Zum Start der Artikelserie, mit der wir diese Woche unseren mehrheitlich in der Stadt und Agglomeration Bern lebenden Leserinnen und Lesern die Regionen des Kantons näher bringen wollten.

«Hallo Provinz». Wir haben den Titel im letzten Moment geändert. Zu stark schwang darin städtische Herablassung gegenüber den Landbewohnern mit. Zu verächtlich tönte er plötzlich in unseren Ohren.

Kurz vor den kantonalen Wahlen vom 25. März hätten wir unbeabsichtigt einen sprachlichen Beleg dafür geliefert, woran es im Kanton Bern mangelt: an Sensibilität und Verständnis zwischen Stadt und Land. Wir hätten mit dem provokativen Titel das getan, was wir selber nicht mögen, wenn es die anderen tun. Wie ärgern wir uns doch, wenn Politiker vom Land über Städter spotten, sie als Geldverprasser karikieren, die sich überrissene ÖV-Projekte leisten, Strassen verengen, Parkplätze aufheben, Cannabis liberalisieren wollen und auch sonst nur progressive Flausen im Kopf haben. Wie betupft sind wir jeweils, wenn wieder einmal das antistädtische Ressentiment gepflegt wird. Dabei zeigt der Titel, der beinahe stehen geblieben wäre: Ein Stück weit sind wir Städter selber schuld, dass es diese Ressentiments gibt.

Labor des Fortschritts

Die Städte verstehen sich heute als Labor des Fortschritts und effiziente Problemlöser, in der Schweiz wie anderswo. In mancher Hinsicht sind sie es auch. Von Lärm und mieser Luft am stärksten betroffen, sind die urbanen Zentren vorausgegangen, den Verkehr neu zu organisieren, die öffentlichen Transportmittel zu fördern und den Energieverbrauch zu senken. Stadtpräsidentinnen und Bürgermeister von Basel über Oslo bis Pittsburgh leisten Handfestes zum Schutz des Klimas, während die nationalen Regierungen immer noch über neue internationale Abkommen streiten. Dass eine sich wandelnde Gesellschaft neue Einrichtungen braucht, auch das haben zuerst die Städte begriffen – weil hier der gesellschaftliche Wandel zuerst spürbar ist. In hoher Zahl entstanden Kita-Plätze und schulische Mittagstische, es folgten Integrationshilfen für schwierige Kinder und nun immer häufiger die Ganztagesschulen.

Im urbanen Selbstverständnis, dass man die Avantgarde ist, lauern Gefahren.Source

Mehr Expertise und Erfahrung als ländliche Gemeinden haben die Städte auch im Umgang mit Flüchtlingen, Armen, Drogensüchtigen und Papierlosen. Wo sich die sozialen Probleme ballen, ist der Druck am höchsten, sie profesionell anzupacken. Fast alle zieht es in den städtischen Raum, vor allem die Talente und das Geld. Im Kanton Bern erbringt die Region-Mitelland mit Abstand die grösse Wirtschaftsleistung. Und urbaner Chic und ein dichtes Mass an Angeboten, die das Leben versüssen, lassen das Wohnen in Stadt und Agglomeration als Lebensziel erscheinen. Doch im urbanen Selbstverständnis, dass man die Avantgarde von heute ist, lauern Gefahren. Die Urbanisierung ist ein Mega-Trend des 21. Jahrhunderts, was den Städten ein ausgeprägtes Machtbewusstsein verleiht – und das kippt gelegentlich in Übermut. Ausdruck davon kann schon nur ein Gedankenspiel sein. Wie etwa jenes des Stadtberner Gemeinderats, der vor einigen Jahren die Idee eines «Stadtkanton Bern» lancierte.

Abgesehen davon, dass solche Grenzverschiebungen politisch chancenlos sind: Sie sind gar nicht nötig. Das Spannungsverhältnis zwischen Stadt und Land ist ein Segen für alle. Es ist längst nicht nur das hochsubventionierte ländliche Gebiet, das von der heutigen Struktur des Kantons profitiert. Der Nutzen ist gegenseitig. Wenn Bern, Biel und andere Städte gemeinsam gegen die Sozialhilfe-Reform des Regierungsrats lobbyieren, ist das richtig und legitim. Ebenso willkommen und nützlich ist jedoch, dass die Sozialhilfe-Kritiker vom Land sich einmischen und Druck auf die Städte ausüben. Denn niemand kann behaupten, dass bei der Sozialhilfe bisher alles perfekt gelaufen sei.

Dass auf dem Land viele Nein gestimmt haben zum «Luxustram» von Bern nach Ostermundigen, das mag für manche Städter ärgerlich sein; als Steuerzahler dürfen sie aber durchaus dankbar für die Opposition sein: Nach dem nur knappen Ja zum Tram werden die Behörden bei künftigen ÖV-Projekten noch besser darauf achten, die Kosten tief zu halten. Man kann es so sagen: Die Stadt muss sich heute den politischen Einspruch auf dem Land holen. Inzwischen sind neun der zehn grössten Schweizer Städte in rot-grüner Hand; die vielen Verwaltungs-, Sozial- und Kreativjobs im urbanen Raum begünstigen die Linke. Wenn aber in städtischen Parlamenten, Regierungen und Verwaltungen fast alle gleich denken, ist das für die Sache nicht von Vorteil; politischer Einheitsbrei ist nie gut.

So ist die Schweiz

Die Ironie der heutigen Situation: Einst kam der Fortschritt im Kanton Bern vom Land. In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts zettelte die Landschaft liberale Revolutionen an und knackte die verkrusteten Machtverhältnisse in den Städten auf. Heute gelten die Landgemeinden, die immer mehr im modernen Siedlungsbrei aufgehen, als Bremser. Doch zum Glück gibt es sie. Der Zwang zum Ausgleich zwischen unterschiedlichen Interessen, Regionen und Mentalitäten ist seit jeher das Erfolgsrezept der Schweiz. Was für die Schweiz gut ist, kann für den Kanton Bern nicht falsch sein.

Eigentlich bräuchte die Stadt sogar mehr Land und das Land mehr Stadt. Eine Annäherung im Denken könnte den Kanton Bern weiterbringen. Zum Beispiel so: Die einen hören auf, die Reitschule zu verteufeln. Die anderen verzichten auf despektierliche Sprüche über die Landbevölkerung. Die Stadt lebt vor, dass sie nicht protzt und klotzt bei der Infrastruktur. Und erbringt den Tatbeweis, dass auch sonst falsch liegt, wer ihr Masslosigkeit vorwirft. Umgekehrt beharrt das ländliche Gebiet nicht mehr auf geteerten Strassen in jeden «Chrache» und auf Subventionen für Viehschauen. Gewonnen hätten so alle. (Der Bund)

Erstellt: 17.03.2018, 08:16 Uhr

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