Zum Hauptinhalt springen

«Kindergärtnerinnen brauchen viel Wissen»

Martin Schäfer, Rektor der PH Bern, feiert 10 Jahre akademische Lehrerausbildung.

Martin Schäfer, Rektor der PH Bern, freut sich auf das Jubiläumsjahr der PH Bern.
Martin Schäfer, Rektor der PH Bern, freut sich auf das Jubiläumsjahr der PH Bern.
Franzisk Scheidegger

Seit zehn Jahren werden angehende Lehrkräfte an der Pädagogischen Hochschule Bern ausgebildet und nicht mehr an den Lehrerseminaren. Bis heute steht der Vorwurf im Raum, die PH-Abgänger wüssten zwar theoretisch sehr viel, doch die Praxiserfahrung fehle ihnen. Diese Vorwürfe hat es tatsächlich gegeben, vor allem zu Beginn der neuen Lehrerinnen- und Lehrerausbildung. Wir stellen aber fest, dass solche Vorwürfe nur noch selten erhoben werden. Die Studierenden absolvieren heute mehr Praktika an Schulen, als es damals an den Seminaren üblich war. Der Vorwurf, die Praxis fehle ihnen, stimmt also nicht.

Warum sollen denn ausgerechnet Kindergarten- und Unterstufenlehrkräfte akademisch ausgebildet werden? Gerade die Kindergartenstufe ist eine der komplexesten Stufen überhaupt. Die Alltagsanforderungen sind auf dieser Stufe eigentlich am höchsten. Auf keiner anderen Schulstufe unterscheiden sich die Kinder in ihrer Entwicklung und der Lebenssituation, aus der sie kommen, so stark. Deshalb braucht es gerade für diese Stufe eine grosse Portion an Wissen. Eine fundierte Ausbildung ist für den Kindergartenlehrberuf zentral.

An den ehemaligen Lehrerseminaren war Heinrich Pestalozzis Grundsatz allgegenwärtig: Kopf, Herz und Hand sollen in der Bildung gleichermassen berücksichtigt werden. Haben das Herz und die Hand an der PH überhaupt noch einen Platz in der Ausbildung? Natürlich. Ich behaupte sogar, in den Fächern, in welchen die Hände gebraucht werden, ist die Ausbildung heute sogar besser, als sie es an den Seminaren war. Und dass an den Seminaren in der Ausbildung das Herz mehr berücksichtigt worden wäre, ist eine sehr romantische Vorstellung. Ich besuchte ja selber ein Seminar, und als Seminarabgänger laufe auch ich manchmal Gefahr, dies vielleicht etwas durch die rosarote Brille zu sehen.

Die Kinder, die heute in den Kindergarten und die Schule eintreten, sind jünger geworden. Inwieweit wird dieser Umstand in der Ausbildung berücksichtigt? Das Alter der Kinder gehört zu den Rahmenbedingungen, mit welcher eine künftige Lehrkraft in ihrem Beruf konfrontiert sein wird. Entwicklungsfragen sind deshalb ein sehr wichtiger Aspekt in der Ausbildung.

Seit die Lehrerausbildung an die Hochschule verlegt wurde, hat der Männeranteil abgenommen. An 
den Seminaren war das Geschlechterverhältnis ausgeglichener. 
Weshalb? In den Seminaren durchliefen alle dieselbe Ausbildung. Das heisst, in einer Seminarklasse sassen sowohl künftige Unterstufenlehrerinnen wie aber auch Lehrer der Sekundarstufe I, deshalb schien das Geschlechterverhältnis ausgeglichener zu sein. Heute entscheiden sich die Studierenden von Anfang an für eine Ausbildung als Kindergarten-und Unterstufenlehrkraft oder für eine auf der Sekundarstufe I. Im Ausbildungsgang für die Sekundarstufe I liegt der Männeranteil heute zwischen 40 und 50 Prozent, in jenem für die Eingangsstufe bei gut 10 Prozent.

Weshalb entscheiden sich nicht mehr Männer für das Unterrichten auf der Eingangsstufe? Es gibt einerseits nach wie vor eine in der Gesellschaft weit verbreitete Haltung, dass der Lehrerberuf auf der Kindergarten- und Unterstufe nichts für einen Mann ist. Andererseits gibt es gerade auf dieser Stufe häufig nur Teilzeitstellen zu besetzen. Dies dürfte ein weiterer Grund sein, weshalb sich viele Männer gegen das Unterrichten auf dieser Stufe entscheiden.

Sie haben an der Pressekonferenz gesagt, die Pädagogische Hochschule sei in der Ausbildung bezüglich Eltern­arbeit und schwierigen Klassensituationen nicht ganz auf der Höhe. Was gedenken Sie diesbezüglich zu verbessern? Das Problem ist, dass man sich das Meistern schwieriger Situationen nicht anlesen und theoretisch aneignen kann. Man muss solche Situationen konkret erleben. In den Praktika ist dies nur in beschränktem Rahmen möglich. Deshalb ist die Berufseinstiegsphase sehr wichtig. Uns ist es ein Anliegen, dass Schulleitungen unsere Absolventinnen und Absolventen beim Berufseinstieg diesbezüglich unterstützen und ihnen einen Mentor oder eine Mentorin zur Seite stellen und geeignete Weiterbildungen ermöglichen.

Jeder dritte Absolvent einer pädagogischen Hochschule springt gerade in dieser Berufseinstiegsphase wieder ab, besagt die Statistik. Warum? Ich weiss, dass es diese Statistik gibt, aber diese Zahl ist sehr umstritten. Im Bildungsbericht 2015 steht, dass 80 Prozent der Absolventinnen und Absolventen einer Pädagogischen Hochschule nach fünf Jahren noch im Beruf sind. Nach unserer Wahrnehmung verbleiben die Leute deutlich länger im Beruf als früher, weil sie sich heute auch viel später dafür entscheiden als zu Zeiten der seminaristischen Lehrerausbildung.

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch