Keine Alternative zu Erasmus parat

Die Universität Bern braucht das Austauschabkommen für die Studenten und die Dozenten. Jedoch ist ihr Handlungsspielraum eingeschränkt. «Nachhaltigen Schaden» prophezeien die Studenten.

Rund 300 schwarz gekleidete Studierende haben auf dem Bundesplatz das Erasmus-Abkommen zu Grabe getragen.

Rund 300 schwarz gekleidete Studierende haben auf dem Bundesplatz das Erasmus-Abkommen zu Grabe getragen.

(Bild: Keystone Martin Bieri)

Eine deutliche Mehrheit der Berner Studierenden zeigt sich begeistert vom Austauschprogramm Erasmus. «Eine Bereicherung nicht nur in akademischer, sondern auch in persönlicher Hinsicht», heisst es im Erfahrungsbericht eines Austauschstudenten, der im Herbst in Berlin weilte. Andere Studierende stimmen mit ihm überein und erzählen stolz von «selbstständig gemeisterten Herausforderungen», neu entstandenen Freundschaften und verbesserten Sprachkenntnissen.

Während Studierende, die einen Austausch hinter sich haben, mit Freude auf ihre Erlebnisse und Erfahrungen zurückschauen, blicken die Erasmus-Kandidaten mit einer gewissen Beklemmung in die Zukunft. Denn das bisher gültige Abkommen zwischen der EU und der Schweiz ist am Auslaufen. Die Verhandlungen für das neue Abkommen Erasmus+ wurden von der EU sistiert, weil die Schweiz die Personenfreizügigkeit nicht auf Kroatien ausweiten will.

Massiver Einbruch befürchtet

Die Unsicherheit ist nun gross, die möglichen Folgen klingen katastrophal. Falls bis Herbst keine Einigung erzielt wird, «würde der Austausch mit Europa zunächst massiv einbrechen, weil dieser in unserem Fall vollständig über Erasmus läuft», heisst es bei der Universität Bern. Dieses Schreckensszenario muss aber nicht eintreten, wie das Vizerektorat Lehre und das Internationale Büro der Universität betonen: «Wenn die Zeichen im Frühsommer auf Grün geschaltet werden, könnten die Abläufe und Vorbereitungen für Erasmus-Aufenthalte ablaufen wie üblich.»

Sie empfehlen den Studierenden, sich wie geplant über die Fachkoordinatoren anzumelden, und erinnern daran, dass die Abkommen nicht gekündigt wurden. Anderslautende Meldungen der Universität Lausanne hatten in der Westschweiz für Verwirrung gesorgt.

Trotz Sistierung der Verhandlungen bekomme die Uni Bern «noch laufend frisch unterschriebene Erasmus-Agreements von Partneruniversitäten zugesandt». Eine gleichwertige Alternative zu Erasmus scheint die Uni nicht parat zu haben. «Viele europäische Universitäten setzen im Bereich Austausch innerhalb Europas auf Erasmus und sind nicht ohne weiteres bereit, eine parallele Struktur aufzubauen.»Die Universität Bern ist Mitglied des International Student Exchange Program (Isep), das keinen Ersatz für den innereuropäischen Austausch darstelle.

Das Vizerektorat Lehre und das Internationale Büro nennen hierfür mehrere Gründe: ein vor allem für nordamerikanische und aussereuropäische Destinationen interessantes Angebot, ein wesentlich höherer organisatorischer Aufwand für die Studierenden, die Zahlung einer Platzierungsgebühr und das Fehlen eines unterstützenden Stipendiums.

Die Mitgliedschaft in Universitätsnetzwerken schliesst die Universität Bern nicht aus. «Es wäre zu prüfen, ob neue Mitglieder aufgenommen werden, die auf der Suche nach alternativen Austauschmöglichkeiten sind.»Eine öfters von Politikern geäusserte Option ist die Rückkehr zur stillen Partnerschaft der Schweiz am Erasmus-Programm, wie sie vor 2011 existierte. Damals musste die Uni nicht nur für ihre Studierenden im Ausland finanziell aufkommen (Entsenderprinzip), sondern auch für Erasmus-Ankömmlinge in Bern. Zudem sei es immer wieder zu Unsicherheiten über die Teilnahmefähigkeit der Schweizer Universitäten gekommen; diese seien weder in den Infomaterialien noch in den Statistiken der EU zu Erasmus aufgeführt gewesen.

Keine stille Partnerschaft möglich

«In der aktuellen politischen Situation kann nicht davon ausgegangen werden, dass die EU die Möglichkeit der stillen Partnerschaft wieder einräumt. Diese beruhte auf einer Vereinbarung zwischen der EU und der Schweiz nach dem Nein in der EWR-Abstimmung 1992, um die Schweiz nicht völlig aus dem europäischen Austauschprogramm auszuschliessen», heisst es an der Universität Bern.

Ein Ende des Erasmus-Abkommens würde einige Berner Studierende treffen. Im laufenden akademischen Jahr nutzen nämlich 216 Berner Studierende das europäische Programm gegenüber 127 Studierenden aus dem Ausland, die dank Erasmus nach Bern kommen. In einem solchen Fall «wird die Universität Bern alles daransetzen, die europäischen Studierenden trotzdem aufzunehmen und nach Einzelabsprache mit den Partnern auch die Berner Studierenden losschicken zu können». Zudem sei ein begleitendes Stipendium «mindestens in der Höhe des Erasmus-Stipendiums» absolut notwendig, ansonsten werde die Schweiz «deutlich unattraktiver als eine Erasmus-Destination».

Studenten begraben Erasmus

Die Studierenden in der Schweiz haben begonnen, sich zu mobilisieren. Am Donnerstagabend trugen sie symbolisch das Erasmus-Programm zu Grabe. Die rund 300 vor allem schwarz gekleideten Studierenden riefen: «Erasmus ist tot, lang lebe Erasmus!» An die Erneuerung des bisherigen Abkommens scheinen die Organisatoren die Studierendenvereinigung von Neuenburg nicht mehr zu glauben und unterstreichen die Notwendigkeit eines neuen Abkommens für Forschung, Bildung und Innovation. Zudem dürfe die Wissenschaft nicht Opfer der Politik werden. Der Verband der Schweizer Studierendenschaften (VSS) warnt vor den Folgen einer «Isolation der Schweiz». Diese werde «den Bildungsstandort nachhaltig schädigen, die Qualität der Lehre senken und zu einem Verlust der Führungsrolle in Forschung und Innovation führen».

Von der Aussetzung der Erasmus-Verhandlungen sind auch Professoren direkt betroffen. An der Uni Bern nutzen 25 Dozierende jährlich das Mobilitätsangebot, sagt das Vizerektorat Lehre. Da durch den Lehraufenthalt und den kollegialen Austausch häufig auch andere Kooperationsformen angeregt werden, könnte ein Wegfall also auch hier weitreichende Konsequenzen haben.

Der Bund

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