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Kein Grund zu verschwinden

Die Kritik der SVP an der Betreuung unbegleiteter Minderjähriger ist massiv. Klar ist allerdings auch: Andere Unterbringungen sind teilweise noch teurer.

Fit für den GP: Ismail (im blauen Shirt) trainiert zusammen mit jungen Flüchtlingen in Langnau im Emmental.
Fit für den GP: Ismail (im blauen Shirt) trainiert zusammen mit jungen Flüchtlingen in Langnau im Emmental.
Franziska Rothenbühler

Auf dem Parkplatz übt sich ein gross gewachsener Jugendlicher im Velofahren, eine Gruppe Mädchen steht vor dem Eingang und hört Musik aus einem Handy. Ein selbst gebasteltes Plakat mit angeklebten Herzen heisst die Besucher in verschiedenen Sprachen im Wohnheim Bäregg willkommen. Hier, auf einem Hügel zwischen Langnau und Trubschachen, betreibt die Zentrum Bäregg GmbH eines der sieben Zentren des Kanton Berns für unbegleitete minderjährige Asylsuchende. 26 Jungen und 11 Mädchen zwischen 15 und 18 Jahren wohnen derzeit in dieser Emmentaler Idylle. Die meisten stammen aus Afghanistan, Eritrea und Syrien.

«Solche Sondersettings braucht es nicht. Das ist eine Luxuslösung», sagt SVP-Grossrätin Andrea Gschwend-Pieren, die gemeinsam mit dem «Bund» das Flüchtlingsheim besucht. Sie diskutiert mit einer Mitarbeiterin des Wohnheims vor dem Plakat mit den Pappherzen. Die Immobilienhändlerin ist Co-Präsidentin des Referendumskomitees «gegen den unnötigen Asylsozialhilfekredit». Im Herbst hat der Grosse Rat dem Kredit von über 105 Millionen Franken für vier Jahre mit 90 Ja- gegen 49 Nein-Stimmen zugestimmt. Damit will er Leistungen in der Asylsozialhilfe finanzieren, die vom Bund nicht abgegolten werden. Dagegen hat die SVP das Referendum ergriffen und 14'000 Unterschriften gesammelt. Für sie sind solche Unterkünfte Verschwendung von Steuergeldern. Neben der SVP ist einzig die EDU gegen den Kredit, alle anderen Parteien sind dafür.

Mehr als nur Unterbringung

Ein Jugendlicher aus Eritrea führt die Besucher durch die Räume des Zentrums. Das Gebäude aus den 1960er-Jahren diente früher der Landwirtschaftsschule als Internat. Ein paar Wände sind jetzt farbiger, sonst hat sich nicht viel geändert. Dafür, dass hier fast 40 Teenager wohnen, sieht es recht karg aus. Von einem Betreuer unterstützt erklärt der Jugendliche auf Deutsch wie sie hier zusammen lernen, kochen, essen und schlafen. Es gibt für alles Regeln. «Für das Kochen muss man sich hier eintragen», sagt der junge Eritreer. Den Jungs sei es verboten, sich in den Räumen der Mädchen aufzuhalten. Er führt durch die restlichen Räumlichkeiten, in den Schlafzimmern hat es Platz für maximal vier Betten. Nach Luxus sieht es nicht aus.

«Mit Luxuslösung meine ich nicht die Infrastruktur», sagt Gschwend-Pieren. Die meisten Jugendlichen seien 17 oder 18 Jahre alt und in ihren Herkunftsländern längst selbstständig. «Dazu braucht es nicht 5000 Franken im Monat pro Person. Die meisten Mittelstandsfamilien haben nicht so viel Geld zur Verfügung», sagt sie. Der SVP schwebt vor, insbesondere ältere Jugendliche in Kollektivunterkünften oder Gastfamilien unterzubringen.

Im Betrag von durchschnittlich 5000 Franken pro Monat oder 171 Franken pro Tag sind gemäss Zentrum Bäregg GmbH aber weit mehr als Unterbringung, Grundbedarf oder Gesundheitsversorgung inbegriffen. Es gibt eine 24-Stunden-Betreuung, interne Schulangebote, die Gewährleistung einer Tagesstruktur und eine individuelle Begleitung der Jugendlichen etwa bei der Berufswahl. Es sind also Leistungen, die im Normalfall Eltern, Verwandte oder Freunde unentgeltlich leisten. Vor einer Ablehnung des Asylkredits warnt Regierungsrat Hans-Jürg Käser (FDP). «Mit grösster Wahrscheinlichkeit» würde dies zu einer Kostensteigerung führen, sagt der Polizeidirektor, der für das kantonale Asylwesen zuständig ist. Die Beistände der Jugendlichen würden Gefährdungsmeldungen machen und dafür sorgen, dass diese in spezialisierten Institutionen untergebracht würden. Gemäss Sven Colijn, Leiter der Abteilung Bewilligung und Aufsicht beim kantonalen Jugendamt, kostet ein Platz in einem Kinder- oder Jugendheim pro Tag 200 bis 550 Franken, je nach Art der Leistung und Bedarf. «Das Zentrum Bäregg ist vergleichsweise günstig», sagt Colijn. Eine Alternative zur Unterbringung in einem Wohnheim ist die Pflegefamilie. Gerade für etwas jüngere unbegleitete Minderjährige sei dies eine Option, sagt Daniela Enzler, Mediensprecherin der Zentrum Bäregg GmbH. Aktuell sind rund 50 Jugendliche in Pflegefamilien platziert. Günstiger seien solche Betreuungslösungen aber nicht, denn es brauche in der Regel vor allem zu Beginn eine enge Begleitung der Pflegefamilie und genaue Abklärungen unter anderem der Kindesschutzbehörde, um festzustellen, ob das Pflegeverhältnis passe.

Bäregg: Krise und Umdenken Nach einer Schlägerei unter Jugendlichen im Asylzentrum Bäregg musste die Heilsarmee Flüchtlingshilfe 2012 die Leitung des Heims abgeben. Der Kanton kündigte eine umfassende Reorganisation der Unterbringung von unbegleiteten minderjährigen Asylsuchenden an, weil der gesetzlich vorgegebene Kinder- und Jugendschutz nicht erfüllt sei. Die Rede war von Gewalt, Schwangerschaften und unhaltbaren hygienischen Zuständen. Der Kanton setzte die Troubleshooter-Firma Zihler Social Developement ein und kündigte gleichzeitig an, dass mehr Geld benötigt wird. Die Firma Zihler führt heute über die Zentrum Bäregg GmbH mehrere Wohnheime und ist für die Konzeption der Unterbringung, Betreuung und Integrationsmassnahmen verantwortlich. Das Berner Modell geniesst Vorbildcharakter und erfüllt auch die Empfehlungen der Konferenz der kantonalen Sozialdirektoren SODK. Diese wurde im letzten Jahr aktiv, weil die Kantone sehr unterschiedlich auf die Bedürfnisse der Jugendlichen eingehen würden. (ba)

Motiviert für die Ausbildung

Mittwochabend in Langnau. Trotz frostigen Temperaturen trainiert der 20-jährige Ismail, ehemaliger Bäregg-Bewohner aus Eritrea, zusammen mit anderen Jugendlichen für den Grand Prix in Bern. Bereits zum dritten Mal wird er dieses Jahr dabei sein. «Dafür trainiere ich vier- bis fünfmal in der Woche.» Oft läuft er zusammen mit anderen Jugendlichen. Sport ist ein wichtiger Bestandteil der Integration. Aber werden die Jugendlichen deshalb den Berufseinstieg schaffen? Für die SVP ist es störend, dass sie beim Kanton keine Auskunft bekommt, wie hoch die Erfolgsquote dieser «Sonderbehandlung» ist. Tatsächlich gibt es bislang keine offiziellen Zahlen, welche den Erfolg der bisherigen Integrationsbemühungen belegen. Annie Ortelli, Vorsitzende der Geschäftsleitung der Zentrum Bäregg GmbH, bedauert das Fehlen der Zahlen. Sie sei sich sicher, dass die Zahlen insgesamt für die langfristige Wirkung des Betreuungskonzepts sprechen würden. «Die grosse Mehrheit der Jugendlichen ist äusserst motiviert, eine Ausbildung zu absolvieren», sagt sie. Für Markus Aeschlimann, Vorsteher Amt für Migration und Personenstand, ist klar, dass in Zukunft eine Wirkungsanalyse gemacht werden muss: «Für uns ist es wichtig zu wissen, wie die Wirkung dieser kindsgerechten Unterbringung schlussendlich aussieht.»

Mehrheit schafft Berufseinstieg

Einen Überblick hat zurzeit nur das Zentrum Bäregg. Aufgrund eigener Einschätzung geht man dort davon aus, dass 80 Prozent der ehemaligen minderjährigen Asylsuchenden den Einstieg ins Berufsleben schaffen. In der Grössenordnung gestützt wird diese Schätzung von Niklaus Müller, Lehrer einer Integrationsklasse am Bildungszentrum Emme in Langnau. Ziel der maximal zweijährigen schulischen Brückenzeit sei, die jungen Menschen an eine Vorlehre heranzuführen. Dennoch schaffen es nicht alle: «Gerade unter den Eritreern sind auffallend viele nach zwei Jahren nicht berufsreif», sagt Müller. Gründe dafür sieht er darin, dass diese Jugendlichen wenig schulsozialisiert seien und aus einer ganz anderen Kultur stammten.

Was passiert also mit den Jugendlichen, die keine Anschlusslösung haben? Für jene, die noch im Asylverfahren seien, gebe es keine Möglichkeiten, sagt Müller. Bei den meisten sei aber nach zwei Jahren Integrationsklasse auch das Verfahren abgeschlossen. Einen Teil dieser Jugendlichen brächten sie über das Berufsberatungs- und Informationszentren (BIZ) in Motivationssemestern unter. Einige wiederum finden ohne Ausbildung eine Arbeitsstelle, andere landen ohne Perspektive in der Sozialhilfe. Ein kleiner Teil taucht auch unter. Zum Verbleib von acht Jugendlichen gibt es im Kanton Bern derzeit keine Informationen. Kein Grund zu verschwinden hat derweil der laufbegeisterte Ismail. Vor vier Jahren kam der Eritreer als Minderjähriger in die Schweiz. Heute lebt der 20-jährige in Bern in einer WG. Will er Sportlehrer werden? «Ich mache derzeit ein Praktikum als Fachmann Kinderbetreuung. Danach muss ich eine Lehrstelle suchen.»

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