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Kantonale Arbeitsmarktaufsicht will Kita-Praktika einen Riegel schieben

Praktika in Kindertagesstätten dürfen maximal sechs Monate dauern. Damit will die kantonale Arbeitsmarktkommission die Ausnutzung Jugendlicher als billige Arbeitskräfte unterbinden.

Sie können sich auf Profi-Betreuung freuen: Kinder auf dem Weg in die Kindertagesstätte (Kita).
Sie können sich auf Profi-Betreuung freuen: Kinder auf dem Weg in die Kindertagesstätte (Kita).
Alessandro Della Valle, Keystone

Wer sich zur Fachperson Betreuung ausbilden lässt, hat in neun von zehn Fällen ein Praktikum absolviert (siehe Tabelle unten). Die Praktika dauern in der Regel ein Jahr und werden mit einem Monatslohn von 1000 Franken entlöhnt. Der kantonalen Arbeitsmarktkommission (Kamko) ist dies ein Dorn im Auge. Sie geht davon aus, dass viele dieser «Praktika» eigentlich Arbeitsverhältnisse sind, die zu «orts- und branchenüblichen Löhnen» bezahlt werden müssten.

Die Kamko hat daher beschlossen, dass die Praktika maximal sechs Monate dauern dürfen. Falls der Betrieb eine Lehrstelle zusichert, können sie um ein weiteres halbes Jahr verlängert werden – allerdings zu einem Monatslohn für ungelernte Mitarbeitende von mindestens 3000 Franken. Die neue Praxis soll bereits ab August 2017 in Kraft treten. Die ersten Kontrollen in den Kitas sind ab Frühling 2018 vorgesehen.

Teuscher sieht sich bestätigt

Beim Branchenverband Oda Soziales wird die neue Praxis grundsätzlich begrüsst. «Wir sind froh, dass der Ausnutzung jugendlicher Arbeitskräfte ein Riegel geschoben wird», sagt Geschäftsleiter Beat Zobrist. Für viele Kitas bedeute das Praktikumsverbot aber eine grosse finanzielle Belastung, die auf die Elternbeträge überwälzt werden könnte, sagt Zobrist.

Die städtischen Kitas sind von der neuen Praxis nicht betroffen. «Wir bieten keine Praktika ohne qualifizierende Ausbildung mehr an», sagt Alex Haller, Leiter des städtischen Jugendamtes. Zurzeit gebe es nur eine Handvoll Praktikumsplätze, die im Rahmen eines Sozialjahres angeboten würden – kombiniert mit allgemeinbildendem Unterricht. Solche Praktika seien vom Kamko-Entscheid aber explizit ausgeschlossen, sagt Haller. Dies sah im Herbst 2015 noch ganz anders aus: Aufgrund der Einführung der Betreuungsgutscheine prüfte die Stadt als mögliche Sparmassnahme die Umwandlung von 20 Ausbildungs- in Praktikumsplätze.

Gemeinderätin Franziska Teuscher (GB) verzichtete jedoch schliesslich darauf. «Solche Praktika ohne Bildungsanteil sind nicht zielführend, und diese Sparmassnahme hätte vor allem junge Frauen betroffen.» Sie fühlt sich durch die neue Praxis der Kamko bestätigt. «Ich bin froh, dass damit eine klare Regelung für öffentliche und private Kitas gilt», sagt Teuscher.

Was geschieht mit Verträgen?

Einige der privaten Kitas sehen nun aber Probleme auf sich zukommen. «Viele Kita-Betreiber fühlen sich vor den Kopf gestossen», sagt SVP-Nationalrätin Nadja Pieren, Co-Leiterin einer Kita in der Agglomeration Bern. Das Vorgehen der Kamko sei befremdlich. Die Kita-Betreiber seien erst im Februar per Mail über die Praxisänderung informiert worden. Viele von ihnen hätten die Praktikumsverträge ab August dieses Jahres aber bereits abgeschlossen. Diese Verträge könnten nun nicht einfach aufgelöst werden. Auch die finanziellen Auswirkungen könnten viele Kitas in Schwierigkeiten bringen, sagt Pieren.

Grosse Anbieter sind gelassen

Für die grossen Kita-Anbieter kommt der Eingriff der Arbeitsmarktaufsicht allerdings nicht überraschend. «Wir haben unsere Praktikumsstellen in den letzten Jahren massiv reduziert», sagt Mirjam Meyer, pädagogische Leiterin von Profawo Bern, einem Verein, der 21 Kitas in drei Regionen betreibt. Auch Profawo Bern bietet heute vor allem Praktika im Rahmen eines Sozialjahres mit begleitender Allgemeinbildung an, die von der neuen Praxis nicht betroffen sind. Ab August gibt es bei Profawo Bern noch eine klassische Praktikumsstelle.

Laut Meyer ist der Verein «auf Kurs». Für kleinere Betriebe könnten die neuen Vorschriften aber Schwierigkeiten bringen. «Man kann Praktikumsplätze nicht einfach durch Lernende oder gar Berufsleute ersetzen», sagt Meyer. Ansonsten müssten die Kitas die Mehrkosten auf die Elterntarife überwälzen. Ebenfalls auf Kurs ist man bei Leolea, einem Verein mit 28 Betreuungsangeboten im Raum Bern und in Luzern. «Leolea hat sich in den letzten Jahren von den Praktika verabschiedet», sagt Geschäftsleiterin Christiane Bohni. Zurzeit werde noch eine Praktikumsstelle angeboten, sagt Bohni.

Jugendamt begrüsst neue Praxis

«Wir sind auch der Ansicht, dass Praktikantinnen und Praktikanten in Kitas nicht als Arbeitskräfte missbraucht werden dürfen», sagt Sven Colijn vom kantonalen Jugendamt. Die neue Praxis der Arbeitsmarktaufsicht werde daher begrüsst. Grundlagen und Umsetzung der neuen Richtlinien würden nun aber vom Jugendamt geprüft, sagt Colijn.

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