Kanton erzürnt das Pflegepersonal

Altersheime fürchten Qualitätseinbussen, weil weniger diplomiertes Pflegepersonal eingestellt werden muss, um Vorgaben zu erfüllen.

Die bisherige kantonale Regelung besagte, dass in einem Alters- oder Pflegeheim mindestens eine von sechs Pflegeperson über einen Abschluss der Höheren Fachschule (HF) II verfügen muss.

Die bisherige kantonale Regelung besagte, dass in einem Alters- oder Pflegeheim mindestens eine von sechs Pflegeperson über einen Abschluss der Höheren Fachschule (HF) II verfügen muss. Bild: Samuel Schalch (Symbolbild)

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Die Bernerinnen und Berner sind stark abhängig – von den Pflegefachpersonen. Ohne sie ist niemand da, der sie bei Bedarf in den Heimen und Spitälern pflegt. Doch Pflegefachpersonen sind Mangelware; Nachwuchs ist dringend gesucht. Doch die Jugendlichen haben die Wahl, können etwa auch Pilotin werden oder Lehrer. In den letzten Jahren wurde deshalb viel in die Verbesserung des Images des Berufs und die Rekrutierung von künftigen Pflegefachpersonen investiert. Eigentlich. Denn zuletzt verhielt sich die kantonale Gesundheitsdirektion paradoxerweise so, als sei sie auf die Pflegefachkräfte nicht angewiesen.

Alles begann damit, dass sich die Heimbetreiber und die Pflegefachpersonen uneinig waren. Uneinig darüber, wie viele Pflegefachkräfte es in einem Pflegeheim braucht, damit die Qualität der Angebote nicht leidet. Die bisherige kantonale Regelung besagte, dass in einem Alters- oder Pflegeheim mindestens eine von sechs Pflegeperson über einen Abschluss der Höheren Fachschule (HF) II verfügen muss. Als anzustrebender Zielwert verlangte der Kanton gar, dass es eine von fünf ist.

Sparen zulasten der Qualität?

Doch dann drängte der Verband Berner Pflege- & Betreuungszentren (VBB) darauf, zum Erreichen des Zielwerts auch Angestellte mit anderen Abschlüssen mitzuzählen. Etwa Hebammen oder solche, welche die neu geschaffene Berufsprüfung Langzeitpflege und -betreuung bestanden haben. Unverändert bleiben sollte die Regelung, dass mindestens ein Sechstel des Pflegepersonals über ein HF-II-Diplom verfügen muss. Die Idee des VBB: dem Mangel an diplomierten Pflegefachpersonen begegnen und dabei auch gleich Kosten sparen.

Obwohl die Massnahme auf den ersten Blick nicht sonderlich einschneidend wirkt, stellten sich die Berufsverbände der Pflegenden quer. Die Massnahme verschlechtere die Qualität der Pflege, erklärt Ramona Baumann vom Verband der Pflegedienstleiter, Swiss Nurse Leaders, auf Anfrage. Zudem steige auch der Druck auf die verbleibenden diplomierten Pflegefachpersonen, die in den Heimen eine zentrale Funktion ausübten.

«Als Folge davon sinkt die Attraktivität der Langzeitpflege für Pflegefachpersonen weiter», so Baumann. Denn bereits heute würden die meisten Pflegefachpersonen die Arbeit im Spital bevorzugen. Die Langzeitpflege sei vom grundsätzlichen Mangel an Pflegefachkräften deshalb besonders betroffen.

Weil die Positionen von Heimen und Personal weit auseinander lagen, berief der Kanton im letzten Frühling eine Verhandlungsrunde ein. Sein Vorschlag: eine Studie in Auftrag zu geben, welche die Auswirkungen der Umstellung vorgängig analysiert. Doch der Heimverband VBB wollte dies nicht. Den von der Gesundheits- und Fürsorgedirektion (GEF) ins Spiel gebrachte Kompromiss, den Vorschlag des VBB zwar umzusetzen, aber gleichzeitig schrittweise den Zielwert zu erhöhen, lehnten die Mitglieder des VBB im September ab.

Von Verhandlungen ausgeschlossen

Eigentlich wäre nun wie vereinbart eine zweite Verhandlungsrunde angestanden. Doch der Kanton verhandelte im Stillen einzig mit dem VBB weiter und schwenkte dann auf dessen Linie ein. Im November entschied das kantonalen Alten- und Behindertenamt (Alba), die Neuerung per 1. Januar in Kraft zu setzen.

Die Berufsverbände wurden nicht informiert. Man habe nur per Zufall davon erfahren – durch einen Eintrag auf der Website des VBB. Die Pflegefachpersonen im Langzeitpflegebereich werfen dem Kanton ein «störendes Vorgehen» vor und gingen mit einem Communiqué an die Öffentlichkeit. Baumann erwartet vom Kanton, dass er «die Diskussion wieder aufnimmt und dabei die Verbände miteinbezieht». Weiter müssten grosse Anstrengungen zur Bekämpfung des Fachkräftemangels ergriffen werden.

Peter Keller, der Geschäftsführer des Heimverbands VBB, wirft den Berufsverbänden vor, «Artenschutz» für ihre Mitglieder zu betreiben». Man finde schlicht nicht genügend diplomierte Pflegefachpersonen. Die nun gefundene Lösung sei besser, als Personal «aus dem Osten» zu holen.

Astrid Wüthrich, die neue Vorsteherin des Alba, verteidigt ihren Entscheid. Die Aufgabe des Kantons sei es, die Rahmenbedingungen so zu setzen, dass die Qualität der Pflegeangebote stimme. «Und der getroffene Entscheid trägt dazu bei.» So brauche es nicht nur Personen mit guten medizinischen Kenntnissen. «Wer die Berufsprüfung Langzeitpflege absolviert hat, verfügt etwa im geriatrischen Bereich über zusätzliches Wissen.» Dieses Wissen werde man künftig vermehrt brauchen, sagt Wüthrich. Deshalb steigerten die Änderungen die Qualität.

Man werde die Auswirkungen der Neuerungen aber genau beobachten. Wüthrich kündigt zudem an, die Pflegeverbände künftig «besser abzuholen.» Am gefällten Entscheid werde der Kanton aber festhalten. (Der Bund)

Erstellt: 12.01.2018, 06:21 Uhr

Artikel zum Thema

Bund lässt Ausbeutung von Pflegepersonal zu

In der Schweiz sind Tausende Osteuropäerinnen in der privaten Pflege tätig. Weil es keine verbindlichen Regeln gibt, arbeiten sie meist unter skandalösen Bedingungen. Mehr...

Werbung

Immobilien

Kommentare

Blogs

KulturStattBern Filmmusik im Film

Zum Runden Leder Kiss Kiss, Bang Bang

Werbung

Auswärts essen? Die Gastrokolumne.

Per Mausklick zur Gastrokritik: Wo es der Redaktion am besten mundet, kommen vielleicht auch Sie auf den Geschmack.

Die Welt in Bildern

Frauenpower: Eine Teilnehmerin macht ein Selfie vor einem Plakat für Frauenrechte während der Demonstration am Jahrestag der Amtseinführung von Donald Trump, Los Angeles, USA (20. Januar 2018).
(Bild: Jae C. Hong) Mehr...