Kanton Bern hat ein Mandat weniger im Nationalrat – wo sind die Wackelsitze?

Neu ist der Kanton Bern nur noch mit 25 statt mit 26 Sitzen im Nationalrat vertreten. Das Proporzglück war 2011 aufseiten von SP, Grünen und GLP.

Der Kanton Bern hat bei den Wahlen 2015 einen Sitz weniger zugute. Welcher Sitz wackelt?

Der Kanton Bern hat bei den Wahlen 2015 einen Sitz weniger zugute. Welcher Sitz wackelt?

(Bild: Keystone)

Simon Wälti

Den Letzten beissen die Hunde: Bei den eidgenössischen Wahlen am 18. Oktober 2015 hat der Kanton Bern nur noch 25 Mandate zugute, heute sind es 26. Auch die Kantone Solothurn und Neuenburg verlieren je einen Sitz, wie der Bundesrat gestern bekannt gab. Einen Sitz mehr gibt es dafür für die Kantone Aargau, Zürich und Wallis. Grund für die neue Verteilung der 200 Sitze ist der Anteil der jeweiligen kantonalen Bevölkerung an der Gesamtbevölkerung. Auch der Kanton Bern hatte in den vergangenen Jahren zwar ein Wachstum zu verzeichnen, andere Kantone sind aber stärker gewachsen. Es ist nicht das erste Mal, dass der Kanton Nationalratssitze verliert. Nach einer Übersicht der NZZ verfügte der Kanton Bern in den 1960er-Jahren noch über 33 Sitze. Die Gründung des Kantons Jura zum Beispiel führte zum Verlust von 2 Sitzen.

Restmandate für die Grossen

Es ist wie eine Reise nach Jerusalem. Derzeit tummeln sich 26 bernische Nationalrätinnen und Nationalräte unter der Bundeshauskuppel, aber für die nächste Legislatur gibt es für sie nur noch 25 Sitze. Deshalb stellt sich die Frage, welche Sitze besonders wackeln. Blickt man auf die Resultate von 2011, so fällt erstens auf, dass 3 Restmandate verteilt wurden. Dabei gingen 2 an SP/Grüne und eines an die SVP, welche mit der Liste Alpenparlament eine Verbindung eingegangen war. Bei der Verteilung der Restmandate sind die grossen Blöcke gemäss der geltenden Berechnungsweise im Vorteil.

Zweitens wurde es bei der Verteilung des letzten Restmandats zwischen SP/Grünen und SVP sehr knapp. Den Ausschlag gab, dass SP/Grüne insgesamt rund 14 700 Parteistimmen mehr auf dem Konto hatten als die SVP. Das sind etwa 565 Wähler. Der Begriff Proporzglück drängt sich deshalb auf. Innerhalb von Links-Grün gingen je 3 Sitze an die SP Frauen, an die SP Männer und an die Grünen. Wobei die Liste der SP-Frauen klar die stärkste war und die SP-Männer und die Grünen nahe zusammenlagen. Bei dieser Betrachtung würde es also am ehesten bei den drei bernischen SP-Männern oder bei den drei Grünen einschlagen.

«Parteiensystem in Bewegung»

Die Resultate von 2011 werden sich 2015 sicher nicht wiederholen. «Das Parteiensystem ist in Bewegung», sagt der Politologe Georg Lutz. «Die Situation ist nicht mehr so stabil wie früher.» Verschiebungen von 2 bis 3 Prozent könnten im Proporz viel bewegen. Es stellt sich die Frage, ob BDP und GLP an ihre Erfolge anknüpfen können. 2011 profitierten sie von einem Neulingsbonus. Zudem, so Lutz, komme es auf die Listengestaltung an. «Linke und Grüne profitieren davon, dass sie zusammenspannen.» Auf bürgerlicher Seite gab es dagegen eine Zersplitterung, die sich gerade bei der Verteilung von Restmandaten negativ auswirkt. «Kommt es zu neuen Listenverbindungen, dann sieht die Gleichung ganz anders aus.»

Hürde für einzelne Parteien höher

Unbekannt ist weiter, welche Parteien sich in den zwei Jahren bis zum Wahltermin auf der nationalen Bühne werden profilieren können. Gerade die Neulinge GLP und BDP waren 2011 ziemlich gut bedient. Die BDP holte mit einem Wähleranteil von 14,9 Prozent 4 Mandate, die GLP mit 5,3 Prozent 2 Sitze. Starke Einbussen musste die FDP hinnehmen (minus 2 Sitze).

Klar sei, dass mit dem Sitzverlust für den Kanton Bern die Hürde für die einzelnen Parteien höher werde, sagt Ruedi Löffel, Wahlkampfleiter der EVP Kanton Bern. Mit 4 Prozent Wähleranteil befinde man sich aber auf der sicheren Seite für ein Mandat. Diesen Anteil habe die EVP seit 1999 immer erreicht. «Es ist für uns eine zusätzliche Herausforderung, aber wir sind zuversichtlich, unseren Sitz zu halten.»

Fragen zur Berechnung

In den Kantonen Bern und Solothurn sind Bestrebungen im Gang, die Berechnungsgrundlage der Sitzverteilung zu ändern. Im Kanton Bern reichte SVP-Grossrat Thomas Fuchs ein Begehren für eine Standesinitiative ein. Es sei nicht einzusehen, weshalb für die Berechnung der Anzahl Nationalratssitze auch die ausländische Wohnbevölkerung mitgezählt werde, kritisiert Fuchs. Diese könne ja auch nicht an den Wahlen teilnehmen. Würden nur Schweizer Bürger gezählt, könnte Bern 2 Nationalratssitze mehr beanspruchen.

Der Bund

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