Kann man rechtmässig täuschen?

Wenn Selbsttäuschung und «Kurt Gödel» zusammenkommen, ist die Ask-Force gefragt.

Die Ask-Force beantwortet Fragen selten vollständig.

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Die Zuschrift von Peter Neuhaus bezieht sich auf die Klage der Stiftung für Konsumentenschutz gegen den Autokonzern VW und den Generalimporteur Amag. Herr Neuhaus ist wegen der Begründung ins Grübeln geraten. Im «Bund» vom 11. September stand, die Konsumentenschützer hätten geklagt, weil die Autokäufer mit den Abgasmanipulationen «widerrechtlich getäuscht» worden seien. «Kann man jemanden auch rechtmässig täuschen», fragt er.

Nun, Herr Neuhaus, Ihre Frage ist einfach zu beantworten. Selbstverständlich kann man jemanden auch rechtmässig täuschen. Denken Sie an die gute alte Körpertäuschung im Fussball: Sie tun so, als ob Sie den Gegner links umspielen wollten, führen den Ball aber rechts an ihm vorbei. In jüngerer Zeit treiben Fussballer diese Kunst für unseren Geschmack aber manchmal etwas gar weit – mit dem sogenannten Übersteiger. Sie heben ihre Füsse so rasch und so oft über den Ball, bis sie im Extremfall selber verwirrt sind. Womit wir bei der Selbsttäuschung wären.

Vielleicht liegt das Problem, das Sie, Herr Neuhaus, wahrgenommen haben, darin, dass der Begriff «unrechtmässig» überflüssig wird, wenn aus dem Zusammenhang hervorgeht, dass eine Täuschung unrechtmässig ist. Umgekehrt ist es ebenso überflüssig zu sagen, man sei in einer Variété-Vorstellung von einem Magier rechtmässig hinters Licht geführt worden. An diesem Punkt spüren wir jedoch, dass Ihre Frage nur auf den ersten Blick eine einfache Frage ist. Je genauer man über sie nachzudenken versucht, desto schwieriger wird sie. Denn wie ist es mit dem Magier, der einer Person aus dem Publikum eine Uhr abnimmt und sie behält?

Die Ask-Force ist keine Beratungs-Kolumne. Heute scheint es uns aber angezeigt, für Sie, Herr Neuhaus, eine Ausnahme zu machen. Aufgrund Ihrer Frage nehmen wir an, Sie seien ein Mensch, der extrem feinfühlig ist in Bezug auf Dinge, die sich nicht klar ein- oder zuordnen lassen. Wir kennen das. Jeder kennt das, der seine Wohnung aufräumen will. Es geht hier in Richtung Gödels Unvollständigkeitssätze. Ob es eine unrechtmässige Täuschung ist oder ein Gegenstand, bei dem Sie nicht wissen, auf welches Regal Sie ihn stellen sollen, ist egal: Am Ende lauert immer irgendwo ein paradoxes Problem.

Darum unser Rat: Auch wenn Aufräum-Experten stets davon abraten, Schubladen mit «Diverses» anzuschreiben – tun Sie es trotzdem (Sie können sie auch mit «Kurt Gödel» anschreiben). Eine solche Schublade wird Ihnen helfen, über die Erkenntnis hinwegzukommen, dass Sie Ihre Wohnung unmöglich in ein in sich stimmiges, widerspruchsfreies System verwandeln können. Wenn Sie wollen, können Sie diesen Rat direkt auf den Bereich der Sprache oder gleich das ganze Leben übertragen.

Die Ask-Force beantwortet Fragen selten vollständig. (Der Bund)

Erstellt: 09.10.2017, 07:27 Uhr

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